Der Reporter vom ORF stellt allen Athleten die gleiche Frage: «Wer gewinnt denn nun Gold in der Abfahrt?» Und weil er gerade im Teamhotel der Schweizer Abfahrer sitzt – wie rund 40 andere Journalistinnen und Journalisten auch – ergänzt er noch: «Ihr dürft euch auch selbst nennen.»
Den Gefallen macht ihm keiner der vier Schweizer Abfahrer. Gleichwohl steht die Frage sinnbildlich für die Erwartungen vor der Olympiaabfahrt am Samstag: Alles andere als ein Schweizer Sieg wäre eine Überraschung. Und trägt man die Schweizer Brille, sogar eine ziemliche Enttäuschung.
Zwölf der letzten fünfzehn Weltcup-Abfahrten gewann ein Schweizer. In diesem Winter sind es fünf von sechs. Dazu kommt der WM-Titel 2025. Und das Rezept? «Gäng wie gäng», sagt Weltmeister Franjo von Allmen.
Aber aufgepasst vor den Italienern
So einfach ist das also: einfach gut Skifahren. Es ist die liebste aller Floskeln der Abfahrer. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Das liegt in erster Linie an den Italienern. Die laufen vor der Olympia-Abfahrt so richtig heiss. Oder wie es Marco Odermatt sinnigerweise sagt: «Man hat schon die ganze Saison gesehen, dass sie gut fahren. Und sie werden immer stärker.»
Giovanni Franzoni zum Beispiel. Der 24-Jährige schnappte Odermatt vor zwei Wochen den ersten Abfahrtssieg in Kitzbühel vor der Nase weg. Odermatt blieb Rang zwei. Es war eine «Niederlage», die schmerzte. Mittlerweile sei das allerdings abgehakt, sagt Odermatt. Oder verdrängt.
Fast noch etwas stärker einzuschätzen ist Dominik Paris. Zumindest auf der Olympiapiste in Bormio. Sechsmal hat der 36-Jährige die Abfahrt auf der Piste Stelvio im Weltcup schon gewonnen. Und gerade rechtzeitig vor dem Olympiaauftritt in seiner Heimat fand der Italiener zu alter Stärke.
Jahrelang lieferte sich Paris in der Abfahrt packende Duelle mit Beat Feuz. Doch während der Schweizer seine Karriere vor drei Jahren beendete, machte Paris weiter. Mit einem klaren Ziel vor Augen: der Heimauftritt in Bormio. Eine Olympiamedaille fehlt Paris. «Er ist heiss», sagt von Allmen.
Das ist auch Florian Schieder. Der 30-jährige Italiener gilt als Geheimtipp. Odermatt sagt: «Er ist für eine Überraschung gut.» Zuletzt in Kitzbühel belegte er Rang vier. Je schwieriger eine Piste ist, desto schneller wird Schieder. Und die Stelvio ist eine der schwierigsten Abfahrten überhaupt.
Ein gutes Omen für Stefan Rogentin?
Dann bringt Franjo von Allmen auch noch den Österreicher Vincent Kriechmayr ins Spiel. Es ist ein gewohntes Vorgehen: Keiner hält die Favoritenkarte gerne selbst in den Händen. Ausser Marco Odermatt. Er sagt: «Ja, ich mag das. Es zeigt, dass ich in Form bin und gewinnen kann.»
Neben Odermatt und von Allmen gehört auch Alexis Monney zum Kreis der Favoriten. Im Dezember 2024 gewann er in Bormio sein bisher einziges Weltcuprennen. Für die Olympia-Abfahrt wurde er von den Schweizer Trainern gesetzt, obwohl er in diesem Winter in dieser Disziplin nie auf dem Podest stand. Die Trainer trauen dem 26-Jährigen einiges zu.
Bleibt noch Stefan Rogentin. Der 31-Jährige setzte sich in der internen Qualifikation gegen Niels Hintermann durch. 2010 wurde Didier Défago als Qualifikant Olympiasieger. 2014 wiederholte Dominique Gisin dieses Kunststück. Ein gutes Omen? «Vielleicht», sagt Stefan Rogentin und lacht.






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