Wenn Marco Odermatt sagt, in Bormio fühle es sich an wie bei Weltcuprennen. Wenn der Deutsche Linus Strasser gar beklagt, das dezentrale Konzept breche dem olympischen Gedanken das Genick. Und wenn sich Eishockey-Fans in Mailand vergeblich auf die Suche nach dem olympischen Spirit machen. Ja, dann muss man diese Kritik ernst nehmen. Schliesslich sind Olympische Spiele ein Produkt, das sich auch über das Erlebnis definiert – für Zuschauende wie für Teilnehmende.
Trotzdem ist es wichtig, die Kritik in einen grösseren Kontext zu stellen. Die Rückkehr der Winterspiele in die Alpen, wo sie letztmals 2006 – ebenfalls in Italien – stattfanden, symbolisiert auch die Abkehr vom Gigantismus. Dieser hat den Anlass während Jahrzehnten geprägt, die olympische Idee in Geiselhaft genommen und das Internationale Olympische Komitee vor unüberwindbare Probleme gestellt. Denn dort, wo die Bevölkerung etwas zu sagen hatte, erteilte man dem Megaevent in den letzten 20 Jahren einen Korb.
Die italienische Berglandschaft rund um Cortina, das beschauliche Val di Fiemme, die Biathlon-Hochburg Antholz und die westlichen Täler bei Bormio und Livigno taugen tatsächlich als Vorbild. Mit Ausnahme des unsäglichen Bobbahn-Neubaus, von der italienischen Rechtsregierung aus Nationalstolz erzwungen, weil man keine Wettkämpfe im Ausland wollte, blieben massive Eingriffe in die Sportstätten aus.
Dezentrale Wettkämpfe, bestehende Anlagen und nachhaltiges Wirken prägen auch das Konzept der Schweizer Olympiakandidatur für 2038. Weil bekannt ist, wie sehr Herr und Frau Schweizer aufs Geld schauen, kombiniert man diese Idee zudem mit einer privat orchestrierten Defizitgarantie. Und sieht sich nun auf einmal mit dem Fingerzeig von ausbleibender olympischer Atmosphäre konfrontiert.
Auf solche Kritik gibt es Antworten. Das Beispiel von Cortina und Milano zeigt aber, dass man sie bewusst suchen muss. Klar gibt es auch in der Schweiz kein olympisches Dorf, fehlt dadurch der direkte Austausch von unterschiedlichen Wintersportlerinnen und Sportlern. Die Ausgangslage ist trotzdem verschieden. Eine Gegend wie Bormio, wo seit vielen Jahren kaum in die Zukunft investiert wird, gibt es unter den Schweizer Olympia-Standorten nicht. Und die Wege von einer Wettkampf-Region in die andere sind deutlich kürzer als es in Norditalien der Fall war.
Stimmung zu erzeugen, ist zudem keine Frage von Zentralisierung oder Entflechtung. Förderalismus gehört zur DNA unseres Landes. Einen olympischen Spirit kann die Schweiz auch ohne Gigantismus entfachen. Aber er kommt nicht von allein. Er gehört ins Pflichtenheft für das Projekt.




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