
Es ist der sportliche Höhepunkt für unser Hockey - im Packpapier: In der nicht einmal bis auf den letzten Platz gefüllten Ausstellungshalle (schäbig) verlieren die Schweizer den Olympischen Viertelfinal gegen Finnland in der Verlängerung (2:3). Es ist erstmals seit 2014 wieder ein Turnier mit den NHL-Profis. Also den besten Spielern der Welt. Mehr geht nicht.
Logisch wäre nun: die Luft ist draussen. Der Höhepunkt der Saison ist für unser Nationalteam mit einem Drama in Mailand zu Ende gegangen. Via Jonas Siegenthalers Stockschaufel fand der Puck 72 Sekunden vor Schluss den Weg zum 2:2 ins Tor. Die WM – na ja, ist alle Jahre und nicht mehr so wichtig. Kein Vergleich mit Olympia mit den NHL-Titanen. Tatsächlich ist es so für die Kanadier, die Amerikaner, die Schweden, die Finnen oder Tschechen. Sie werden für die WM nicht mehr ein gleich starkes Team auf die Beine bringen. Weil einige ihrer Besten noch in den Stanley Cup-Playoffs beschäftigt sein werden. Oder weil sie sich die Doppelbelastung Olympisches Turnier/WM und eine Verkürzung der Sommerpause um einen Monat nicht mehr zumuten wollen.
Für die Schweiz das wichtigste Turnier der Geschichte
Nur ein einziger Nationaltrainer wird ein praktisch gleich starkes und bis in die Haarspitzen motiviertes Team wie in Mailand zur Verfügung haben. Patrick Fischer. Der sportliche Höhepunkt im Geschenkpapier folgt für die Schweizer erst bei der Heim-WM in Zürich und Fribourg vom 15. bis 31. Mai. Mailand war für die Hockeywelt der sportliche Höhepunkt, wertvoller als eine WM. Aber für die Schweizer eine gefühlte Zwischenstation auf dem Weg zum wichtigsten Titelturnier der Geschichte: Die WM 2026 unterscheidet sich von allen bisherigen Titelturnieren in unserem Land. Zum ersten Mal überhaupt haben wir eine realistische Chance, Weltmeister zu werden.
Patrick Fischer hat seit seinem Amtsantritt im Oktober 2015 der Nationalmannschaft nach und nach eine neue sportliche Identität, einen unverkennbaren Stil verpasst. Aber mindestens so wichtig: Es ist ihm gelungen, alle NHL-Stars für das Nationalteam zu begeistern. Jede WM steht und fällt mit den Spielern aus der wichtigsten Liga der Welt. Er hat aus den «Einheimischen» (den Spielern aus der National League) und den NHL-Millionären eine verschworene Einheit gebildet. Oft wird unterschätzt, wie schwierig das ist. Die Deutschen sind in Mailand mit dem bestbesetzten Team ihrer Geschichte und einem der besten Stürmer der Welt (Leon Draisaitel, diese Saison schon 29 Tore in der NHL) kläglich gescheitert. Weil die NHL-Stars die Nase viel zu hochtrugen und vom stockkonservativen Bundestrainer Harold Kreis viel zu stark forciert worden sind.
Die Chancen stehen sehr gut, dass Patrick Fischer bei der WM nahezu das gleiche Team zur Verfügung haben wird wie hier in Mailand. Es wird sein letztes «Hurra» sein. Die «Abschlussparty» vor eigenem Publikum für eine grosse Zeit mit drei WM-Finals (2018, 2024, 2025). Diese Party wird keiner der NHL-Stars verpassen. Jeder wird – wenn fit und nicht mehr in den Playoffs – einem WM-Aufgebot Folge leisten.

Zuerst einmal Frustbewältigung
Im Falle einer WM irgendwo in Skandinavien oder Osteuropa wäre der «Olympische Blues» stärker als die WM-Begeisterung. Aber nicht im Falle einer WM im eigenen Land. Natürlich spricht am Tag nach einem so bitteren Scheitern noch niemand von der WM im Mai. Die ist in Gedanken noch weit, weit weg. Erst einmal ist Frustbewältigung angesagt.
Captain Roman Josi sagt: «Es ist hart. Wir spielten ein gutes Spiel. Wir spielten auch im letzten Drittel gut, hatten Chancen, bis sie die Tore schossen. Es ist ein tolles Team auf das ich stolz bin.»
Patrick Fischer hadert mit den Hockeygöttern: «Ich bin stinkesauer. Wir wollten unbedingt gewinnen und machten eigentlich alles richtig. Wir hatten das Spiel in Griff und gaben es aus der Hand. Es ist extrem schade und enttäuschend. Die Finnen haben einen Weg gefunden, um das Spiel zu gewinnen. Wir wussten, wer auf der anderen Seite ist, aber wir wussten auch, dass sie uns liegen. Wir sind gut gestartet, es lief alles nach Plan und wir verloren. Es wollte nicht sein. Es ist brutal. Wir wollten eine Medaille. Wir wussten, dass wir im Falle eines Sieges diesem Ziel sehr nahekommen würden.»

Nico Hischier über die dramatische Schlussphase: «So zu verlieren ist... Wir waren gut genug als Mannschaft um zu gewinnen. Es ist schwierig zu sagen, woran es lag. Sie nutzten Fehler aus, um Tore zu schiessen. Wir haben grundsätzlich ein gutes Spiel gespielt. Umso frustrierender ist es, so zu verlieren.»
Und Torhüter Leonardo Genoni bilanziert: «Wir spielten sehr gut. Dass es nicht reichte, ist bitter. Es lief am Anfang so, wie wir es uns vorgenommen haben. Die Türe in den Halbfinal war offen, aber wir verloren. Es tut weh. Wir müssen aufstehen und wir werden aufstehen.“
Es ist das, was nach einem so knappen Scheitern, gesagt wird, gesagt werden darf, gesagt werden muss.
Im Sport kommt die nächste Chance schneller als im richtigen Leben.Kein anderes Team wird Olympisches Scheitern so schnell verdaut haben wie die Schweizer. Die Freude auf die WM («WM-Fieber») im eigenen Land ist grösser als der Olympia-Blues.



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