Wenn wir dieses Spiel auf die Niederlage reduzieren, dann verkennen wir den historischen Wert dieses Resultates. Rückblickend werden wir dereinst diese Partie vielleicht als den Anfang eines Entwicklungsschubes unseres Frauenhockeys einordnen. Ähnlich wie damals der Sieg der Männer gegen die NHL-Profis 2006 beim Olympischen Turnier von Turin.

Kanada hat bisher bei allen Olympischen Turnieren (seit 1998) den Final erreicht und jedes Halbfinale mit mindestens zwei Toren Differenz gewonnen. Es war also gegen die Schweiz historisch knapp. In der Schlussphase war beim himmelhohen Favoriten Unsicherheit und Nervosität bis unters Hallendach zu spüren. Keine Panik zwar. Aber Zweifel.
Am Anfang jeder Entwicklung steht die Defensive. Sie ist mehr eine Frage der taktischen Klugheit, der Leidenschaft, der Disziplin und des Mutes und weniger des puren Talentes wie die Offensive.
Die Schweizerinnen sind defensiv ganz oben in der Weltspitze angekommen. Sie weisen im Viertelfinal gegen Finnland und im Halbfinal gegen Kanada ein Torschussverhältnis von insgesamt 22:86 auf. Daraus resultiert ein Sieg (1:0 gegen Finnland) und eine Niederlage (1:2 gegen Kanada und ein Torverhältnis von 2:2.
Geduldsspiele gewinnt die Defensive
Natürlich ist auch etwas Glück dabei. Aber auch gegen Kanada nicht mehr als im Hockey üblich. Die Schweizerinnen biegen sich unter dem permanenten Druck. Aber sie brechen nie. Das Defensivspiel bleibt strukturiert. Kein wildes Wegschlagen der Scheibe. Stattdessen: Struktur, Kompaktheit, Disziplin. Diese solide Abwehr ist eine gute Balance aus Mut und Verstand. Abgesichert von Andrea Brändli, einem der besten Goalies der Welt. Sie kann auf höchstem Weltniveau Siege stehlen.

So sind im Eishockey auch bei so klarer statistischer Unterlegenheit Siege möglich. Wie beim 1:0 im Viertelfinal gegen Finnland (14:40 Torschüsse). Oder wie bei den Männern beim historischen 2:0 in den Gruppenspielen gegen die kanadischen NHL-Profis 2006 in Turin. Mit einem Torschussverhältnis von 17:49. Auch damals war es nicht die Offensive, die Geschichte schrieb. Es war die defensive Organisation und Torhüter Martin Gerber. Aussenseiter gewinnen keinen offensiven Schlagabtausch. Sie gewinnen Geduldsspiele.
Der Glaube an die Sensation
Eine der grössten Olympischen Hockey-Sensationen lag in der Schlussphase in der Luft. Nationaltrainer Colin Muller haderte nach dem Spiel: «Ich glaubte an einen Sieg. Von allem Anfang an. Die Kanadierinnen waren verunsichert und wenn uns das 1:0 gelungen wäre, hätte es enden können wie damals 2006 bei den Männern in Turin.»
Wo der Nationaltrainer recht hat, da hat er recht. Das letzte Drittel zeigte die Unsicherheit des Favoriten, und zum ersten Mal in der Geschichte nahmen die Schweizerinnen gegen Kanada den Goalie vom Eis, um den Ausgleich zu erzwingen. Erst eine Strafe gegen Ivana Wey bremst wegen unerlaubtem Bodycheck nach 58:08 Minuten den finalen Schwung der Schweizerinnen und erlöst Kanada. Drama pur.

Nicht nur die solide Defensive machte es möglich, die Kanadierinnen zum ersten Mal in der Geschichte bis ganz zuletzt zu fordern. Es war auch ein neues Selbstvertrauen. Alina Müller bringt es auf den Punkt: «Es machte Spass, dass wir erstmals in dieses Spiel gegangen sind, um zu gewinnen. Wir hatten nichts zu verlieren. Wir sind enttäuscht, dass wir zwei Drittel lang nicht so spielen konnten wie im letzten Drittel, als wir Chancen kreierten. Wir können nun mit diesem Momentum weiterfahren. Es ist Zeit für eine neue Medaille. Wir kennen Schweden gut. Wenn wir so spielen wie im letzten Drittel, haben wir eine gute Chance.»
Neues Selbstverständnis auf Augenhöhe
Alina Müllers Worte verraten: Es gibt auch ein neues Denken. Und diese Zuversicht gründet auf einer erstaunlichen Robustheit: Die Schweizerinnen sind zwar nach wie vor nicht so kräftig wie die Kanadierinnen. Aber sie lassen sich nicht mehr einfach wegschieben, wegdrücken und einschüchtern. Sie gehen auf Augenhöhe in die Zweikämpfe.

Die Hätte und der Könnte. Ein Geschwisterpaar, das immer mit leeren Händen dasteht. Am Ende eines grossen Spiels bleibt nur statistischer Ruhm: Im 20. Spiel gegen Kanada: die knappste Niederlage. Das zuvor engste Spiel war das 1:3 im Halbfinale beim Olympischen Turnier 2014 in Sotschi bei 21:45 Torschüssen. Damals gewannen die Schweizerinnen dann das Bronze-Spiel gegen Schweden. 4:3. Gegen Schweden. Lara Stalder und Alina Müller waren auch damals dabei.
Aber diesmal ist die Ausgangslage eine andere. 2014 war die Medaille eine Sensation. Am Donnerstag wäre sie Bestätigung. Ja, fast logisch.
P.S. Auch über die Kanadierinnen gab es in diesem Spiel Historisches zu berichten: Mit den zwei Treffern gegen die Schweiz ist Marie-Philip Poulin (34) nun vor ihrer Landsfrau Hayley Wickenheiser die beste Torschützin in der Geschichte des Olympischen Frauenhockeys.

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