
Kennerinnen und Kenner wussten es schon immer: Entschieden werden die Sprint-Rennen im Ski Mountaineering in den Wechselzonen. Wenn das Herz mit 180 Schlägen pro Minute pumpt, wird das An- und Ablegen der Touren-Ski zur Gfätterli-Aufgabe – ja zuweilen sogar zu einem Drama.
Das ist in den olympischen Finalläufen nicht anders. Aus Schweizer Sicht einmal mit Happy End und einmal ohne. Bei den Frauen legt Marianne Fatton in der Wechselzone die Grundlage zum Sieg. Bei den Männern platzen an gleicher Stelle die Träume von Jon Kistler und Arno Lietha.
Die Rennen bieten das erhoffte Spektakel
Die olympischen Sprint-Rennen bieten das erhoffte Spektakel. Tausende Fans sind nach Bormio gekommen, um bei der olympischen Premiere der Sportart dabeizusein. Die Stimmung unter den Fans ist so gut wie noch nie während dieser Spiele. Nicht einmal die Männer-Abfahrt kann mithalten.
Das liegt zu einem grossen Teil am Format. Immer sechs Athletinnen beziehungsweise sechs Athleten treten im Sprint in einem K.-o.-System gegeneinander an. Zu Beginn geht es im Zickzack bergauf, ehe in einer ersten Wechselzone die Ski an den Rucksack montiert werden müssen.

Jon Kistler verliert genau dort das Rennen. Ein Konkurrent berührt ihn exakt in jenem Moment, als er den Verschluss am Rucksack schliessen will. Kistlers Ski rasten nicht ein. Die Uhr tickt gegen ihn – jede Sekunde in der Wechselzone entspricht drei gelaufenen Metern auf der Piste. Das ist nicht aufholbar. Am Ende wird Kistler im olympischen Sprint-Final Sechster.
Fatton behält auch in der Abfahrt die Nerven
Nach der ersten Wechselzone folgt eine Passage zu Fuss über eine Treppe. Lietha rutscht mehrmals aus und verliert wertvolle Kraft. Das rächt sich in der letzten Wechselzone. Doch zuerst folgt noch der Wechsel zurück auf die mit synthetischem Material befellten Ski. Und der gelingt Marianne Fatton ideal: Beim Einstieg in die Bindungen überholt sie die französische Topfavoritin Emily Harrop, die in dieser Saison zuvor alles gewonnen hat.
Nach dem Aufstieg müssen die Felle von den Ski. Liethas Herz pumpt jetzt am Anschlag, das Laktat bringt er nicht mehr aus den Muskeln. «Ich habe alles reingeworfen. Das hat zu Fehlern geführt», sagt er. Es dauert lange, bis er zur finalen Abfahrt starten kann. Am Ende bleibt ihm nur Rang vier.

Besser macht es Fatton. Sie behält auch beim letzten Wechsel die Nerven und bewältigt die folgende Abfahrt, die ein wenig an Skicross erinnert, routiniert. Fatton ist Olympiasiegerin. Die Erste in ihrer Sportart. Bei der Siegerehrung fliessen die Tränen. «Es ist unglaublich schön», sagt sie.
Auch die Mutter war einst Olympionikin
Aufgewachsen ist Fatton im neuenburgischen Dombresson am Fuss des Chasseral. «Schon als Kind haben mich meine Eltern auf Skiwanderungen mitgenommen», erzählte sie einst im Magazin der Schweizer Sporthilfe.
Auch die Faszination für Leistungssport hat Fatton von den Eltern mit auf den Weg bekommen. Ihre Mutter Anna Fatton-Janoušková nahm 1992 als Langläuferin an den Olympischen Spielen in Albertville teil. «Wenn meine Eltern über ihre Wettkämpfe sprachen, konnte ich das Leuchten in ihren Augen sehen. Es wurde mein Traum, ihrem Lifestyle zu folgen», sagt sie.
Zuerst versucht sich Marianne Fatton als Biathletin, musste aber schnell feststellen, dass der Sport nicht perfekt zu ihr passt. 2014 meldete sie sich dann eher zufällig zu einem Schnuppertag im Ski Mountaineering an – und war sofort fasziniert. Weil Fatton auch leistungsmässig überzeugen konnte, wurde sie schnell ins regionale Leistungszentrum aufgenommen.

Schon ein Jahr später wurde Fatton Junioren-Weltmeisterin. Und auch der Einstieg bei der Elite gelang ihr. 2017 gewann sie erstmals WM-Bronze im Sprint. Vier Jahre später wurde sie Weltmeisterin. «Es ging alles sehr schnell», beschreibt die 30-Jährige selbst die frühe Phase ihrer Karriere.
Plötzlich dachte sie sogar ans Aufhören
Doch dann kam im Winter 2021/22 der Bruch. «Ich war permanent erschöpft, regenerierte mich schlecht und fühlte mich körperlich und mental ausgelaugt», schreibt sie in einem Blog-Beitrag für Swiss Olympic. Bei Fatton wurde eine Erschöpfungsdepression festgestellt. «Mein Nervensystem war stark aus dem Gleichgewicht geraten», erzählt sie.
Fatton spielte mit dem Gedanken, aufzuhören. «Eigentlich hatte ich ja schon alles erreicht: Ich gewann den Weltcup, wurde Weltmeisterin», sagt sie rückblickend. Doch schon bald spürte sie, dass ihre Reise noch nicht zu Ende ist. Fatton nahm sich Zeit für die Erholung und unterbrach ihr Pädagogikstudium. Die Olympischen Spiele wurden zum neuen Fernziel.
Die Rückkehr gelang. 2023 erreichte Fatton als Zweite im Sprint an der WM das Podest. Der vorläufige Höhepunkt folgte dann vor einem Jahr, als sie an der Heim-WM in Morgins zum zweiten Mal Weltmeisterin im Sprint wurde. Ihr Schweizer Teamkollege Arno Lietha sagt: «Ich hätte gerne Mariannes mentale Stärke. In den grossen Rennen ist sie plötzlich voll da.» Nun ist Fatton Olympiasiegerin und endgültig ganz oben angekommen.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.