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Olympische Spiele

Er schraubt an Autos, fährt Motocross und lebt den Rock and Roll: So tickt Olympiasieger Franjo von Allmen

Franjo von Allmen ist Olympiasieger in der Abfahrt. Vor einem Jahr wurde er schon Weltmeister. Was macht ihn so gut? Ein Erklärungsversuch.
Der neue Abfahrts-Olympiasieger: Franjo von Allmen.
Bild: AP Photo

Bei Franjo von Allem geht alles etwas schneller. Ganz besonders in der Abfahrt. Erst 24-jährig ist er – und doch bereits Weltmeister und seit Samstag nun auch Olympiasieger. Wie macht er das nur? «Gäng wie gäng», ist seine liebste Antwort darauf. Als ob alles so einfach wäre.

In der Olympia-Abfahrt deklassierte von Allmen den Grossteil seiner Konkurrenten. Marco Odermatt verlor als Vierter bereits 79 Hundertstel. Im Ziel hielt von Allmen die Hände an den Helm, streckte die kleinen Finger und mimte den Teufel. Bei ihm ist alles ein wenig Rock 'n' Roll.

Von Allmens Fahrt war allerdings auch teuflisch gut. Nur Giovanni Franzoni hielt einigermassen mit und wurde mit zwei Zehntelsekunden Rückstand Zweiter. Dominik Paris auf Rang drei verlor bereits eine halbe Sekunde.

Ein Rückwärtssalto muss sein

Sucht man nach Gründen, was Franjo von Allmen besser macht als andere, landet man schnell bei seiner schier unerschütterlichen Lockerheit. So etwas wie Nervosität scheint er nicht zu kennen. «Das macht sicher vieles einfacher», sagt er selbst. Von Allmen ist es gelungen, seine kindliche Freude am Skifahren zu konservieren. Wenn er nicht gerade Rennen fährt, sieht man ihn über Schanzen springen – gerne auch mit Rückwärtssalto.

Im ersten Training für die Olympia-Abfahrt griff von Allmen mit seinen Händen an die Skispitzen. Und man fragte sich: Warum tut er das nur so kurz vor dem wichtigsten Rennen? Er antwortet: «Weil mir spontan die Idee dazu kam.» Die Trainer müssen einiges mit ihm mitmachen. Aber aufhalten lässt sich von Allmen nicht. Er sagt: «Sie müssen es akzeptieren.»

Im Training greift Franjo von Allmen beim Zielsprung an die Skispitzen.
Bild: Julia Demaree Nikhinson/Keystone

Damit die Freude nie erlischt

Im Sommer fährt von Allmen leidenschaftlich Motocross. Es ist für ihn der perfekte Ausgleich. Weil es etwas ist, das er einfach geniessen könne. Aber auch auf dem Motorrad sucht er die Grenzen. Von Allmen ist ein Mutfahrer. Wenn er im Skiweltcup bei Sprüngen abhebt, bleibt oft der Atem stehen.

Er selbst ist sich der Gratwanderung bewusst. Er sagt: «Ich versuche, das Limit zu suchen, ohne zu überpushen. Aber ich lerne noch immer.» Sein Trainer Reto Nydegger sagt: «Franjo ist ein Instinktfahrer. Man darf ihn nicht immer nur bremsen.» Die Risikobereitschaft ist Teil seines Erfolgs.

Von Allmen kennt aber auch die dunklen Seiten des Lebens. Sein Vater starb unerwartet, als er erst 17 war. Darüber sprechen möchte er nicht mehr. Es war für von Allmen eine schwierige Zeit. Nicht nur emotional, auch finanziell. Die Fortsetzung seiner Skikarriere war plötzlich ungewiss. Weil das Einkommen des Vaters fehlte. Doch dann passierte Unerwartetes.

In von Allmens Heimatdorf Boltigen standen plötzlich alle zusammen. Per Crowdfunding kamen fast 16'000 Franken zusammen. Daneben beendete von Allmen seine Lehre als Zimmermann. Und er kann sich durchaus vorstellen, nach der Karriere wieder im angestammten Beruf zu arbeiten.

Die grosse Bühne überlässt er anderen

Das einfache Leben fehlt von Allmen im Skizirkus manchmal. Die grosse Bühne ist nicht seine. «Ich beneide Marco Odermatt nicht», sagt er über seinen Teamkollegen, der gewöhnlich noch mehr im Rampenlicht steht. Ruhe findet von Allmen in der Garage. Wenn es die Zeit zulässt, schraubt er an Oldtimern. Er selbst ist im Besitz eines VW Golf der ersten Generation.

Nach der Abfahrt ist an Ruhe nicht zu denken. Über 100 Journalisten warteten auf von Allmen. «Ich muss dringend an meinem Englisch arbeiten», sagte er. Man sah ihm an, dass er gerne woanders wäre. Irgendwo, wo Action ist: Rock 'n' Roll – aber bitte ohne Aufmerksamkeit.

Mit den Italienern gibts ein Selfie

Neben von Allmen auf der Bühne sassen zwei Italiener. Für den Gastgeber war es der nahezu perfekte Auftakt in die Spiele. Dominik Paris gewann mit 36 Jahren seine erste Olympiamedaille und genoss den Moment.

Mit Franzoni stand von Allmen schon an der Junioren-WM 2022 auf dem Podest. Damals gewann der Italiener die Abfahrt und von Allmen wurde Zweiter. Jetzt drehte der Schweizer den Spiess um. Trotzdem sagte Franzoni: «Ich könnte mir kein besseres Podest vorstellen. Franjo ist ein cooler Typ. Dome war mein Idol. Hier mit ihnen zu sitzen, ist unglaublich.»

Die Medaillengewinner von links: Giovanni Franzoni, Franjo von Allmen und Dominik Paris.
Bild: Rebecca Blackwell/AP

Franzoni ist der Shootingstar in der Abfahrt. Vor zwei Wochen gewann er das Rennen in Kitzbühel und verdrängte Odermatt auf Rang zwei. Zuvor stand der Italiener auch in Wengen im Super-G auf dem Podest. Nach Erfolgen zeigt Franzoni in den Himmel. In der Saisonvorbereitung ist sein Freund und Zimmerkollege Matteo Franzoso an den Folgen eines Sturzes gestorben. «Ich werde mein Leben lang auch für ihn fahren», sagt er.

Während die Italiener gemeinsam mit von Allmen feierten und Paris seine jungen Kollegen sogar zum Selfie animierte, haderte Marco Odermatt. «Vierter zu werden, ist Scheisse, besonders bei Olympischen Spielen», sagte er. Direkt hinter Odermatt klassierte sich Alexis Monney auf Rang fünf. Der vierte Schweizer am Start, Stefan Rogentin, belegte Platz 23.

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