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Olympische Spiele

Eine magische Eröffnungsfeier: Stil und Eleganz statt Spektakel und Pomp

Mailand hat die Magie in die Eröffnungsshow der Olympischen Winterspiele zurückgebracht. Die beste Eröffnungsfeier des 21. Jahrhunderts.

Ach, endlich einmal einfach ein schönes Schauspiel. So viel Musik, so viele Farben, so viel Eleganz, so viel Romantik, aber auch so viel Perfektion und so wenig Pathos und Politik war im 21. Jahrhundert noch nie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele.

Die schönsten Bilder von der Eröffnung der Olympischen Winterspiele:

Ausgerechnet das nicht ganz ausverkaufte San Siro wird zur Bühne der gelungensten Eröffnungsfeier der Moderne: Eine der Ironien, die nur der Sport – oder die Kunst – zustande bringen. Ausserhalb der Stadien weht hier in Mailand kein «olympischer Geist». Die Spiele sind da – und zugleich nicht. Sie sind integriert, verschluckt, eingeordnet in einem Grossraum, in dem fast so viele Menschen leben wie in der Schweiz.

Ausgerechnet hier wird das Zersplitterte zusammengefügt. Diese Spiele, die sich über Berge, Täler und Städte verteilen wie noch nie in der Olympischen Geschichte finden für einen Abend zu einer gemeinsamen Sprache. Das Archipel Olympia wird – wenigstens symbolisch – zusammengebunden. Nicht durch Reden, sondern durch Bilder. Die modernen Bildermaschinen erledigen den Rest: Sie montieren Mailand, Cortina, die Alpen, die fernen Austragungsorte zu einem einzigen visuellen Atemzug. Selbst der alte Baron Pierre de Coubertin, Romantiker alter Schule und Begründer der Spiele, hätte wohl milde gelächelt und den Verlust des traditionellen Flairs der Spiele an einem einzigen Ort verziehen – weil hier etwas anderes gewonnen worden ist.

San Siro verwandelt sich von Beton in Bühne

Das martialische San Siro, diese Kathedrale des Fussballs, verwandelt sich für einen Abend von Beton in Bühne. Italien zeigt sich – und zwar so, wie es sich selbst am liebsten mag: kultiviert, verspielt, selbstbewusst, aber ohne erhobenen Zeigefinger und einschüchternden Patriotismus. Keine Machtdemonstration, kein nationales Muskelspiel. Stattdessen Farben, Gesang, Musik, Bewegung, Harmonie. Tänzerinnen und Tänzer in zeitlos elegantem Weiss schweben durch den Raum, umkreisen Skulpturen aus dem 18. Jahrhundert, als sei die Arena für einen Abend zum Museum zu Ehren von Antonio Canova geworden. In einem Land mit jahrtausendealter Geschichte wirkt das nicht wie Nostalgie, sondern wie Selbstverständlichkeit.

Die Musik erzählt weiter. Mariah Carey singt «Nel blu, dipinto di blu» (Volare), das wohl bekannteste Lied Italiens. Die übergrossen Köpfe der Opern-Titanen Verdi, Puccini und Rossini erscheinen als Pappfiguren auf den Körpern zu moderner Musik tanzender Figuren. Hochkultur trifft Pop, Vergangenheit trifft Gegenwart – nicht im Konflikt, sondern in Harmonie. Selbst ein Hauch Mystik darf nicht fehlen: die Beschwörung der Natur, wilde Geigenklänge, gespielt – natürlich – auf einer Stradivari. Klischee? Vielleicht. Aber eines mit Stil.

Die Choreografien sind entschleunigt, tastend, beinahe fragil. Diese Eröffnungsfeier erklärt nichts. Sie behauptet nichts. Sie will niemanden überzeugen. Sie zeigt – und vertraut darauf, dass das reicht. Und es reicht. Weil sie Gemüt und Seele berührt, ohne zu bedrängen. Kaum jemand im Stadion oder vor den Bildschirmen ahnt, welcher Aufwand hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit steckt: 1300 Mitwirkende aus 27 Ländern, fast 1000 Technikerinnen und Techniker, über 500 Musikerinnen und Musiker, 1400 eigens genähte Kostüme, 4,5 Tonnen verwendetes Metall. Zahlen, die man vergisst, sobald die Bilder wirken.

Höhepunkt kommt leise und gross zugleich

Der Höhepunkt kommt leise und gross zugleich: die italienische Flagge. Farben und Eleganz wie selten zuvor. Das edle Tuch wird in die Arena gebracht, umrahmt von drei langen Reihen Models, gekleidet in Armani-Anzüge in den Nationalfarben. Eine Hommage an Giorgio Armani, der vor seinem Tod im Jahr 2025 noch an dieser Inszenierung mitgewirkt hat. Mode wird hier nicht zur Dekoration, sondern zur Sprache. Kein olympischer Prunk. Das ist italienische Zurückhaltung auf höchstem Niveau. Oder ganz einfach: Stil.

Dieser magische Abend wird vergehen. Der Alltag wird zurückkehren, die Spiele zum Hintergrundgeräusch, zu Randnotizen zwischen Arbeit, Verkehr und Abendessen. Nicht einmal die Schlussfeier bleibt hier. Das San Siro wird wieder für den Fussball gebraucht, der hier wichtiger ist als Olympia. De letzte Zeremonie, die Schlussfeier, geht in Verona über die Bühne. Vielleicht passt auch das. Denn diese Eröffnungsfeier war ein schöner, flüchtiger Moment zum Innehalten in einer Welt, die schon ein wenig aus den Fugen geraten ist. Und gerade deshalb so kostbar.

Rückblick: Die Eröffnungsfeiern der Winterspiele im 21. Jahrhundert
  • 2002: Salt Lake City
    Betont wird die Geschichte und Kultur des amerikanischen Westens und die nationale Einheit nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Besonders emotional ist das Einziehen der Flagge, die aus den Trümmern des World Trade Centers geborgen worden war. Die Feier verbinde patriotische Töne mit traditionellen olympischen Elementen.
  • 2006: Turin
    Im Mittelpunkt stehen italienische Kunst, Oper und modernes Design. Die Show kombiniert klassische Kultur mit industrieller Ästhetik und setzte stark auf Symbolik rund um Feuer und Leidenschaft. Italien präsentiert sich als Brücke zwischen Tradition und Moderne.
  • 2010: Vancouver
    Die Feier stellt die Natur Kanadas und die Kultur der indigenen Völker in den Vordergrund. Moderne Technik, Projektionen und eine offene Stadionarchitektur prägen das Bild.
  • 2014: Sotschi
    Russland präsentiert eine opulente, geschichtliche Inszenierung des russischen Imperialismus von der Zarenzeit bis zur Moderne. Die Feier ist geprägt von Patriotismus, grossflächigen Choreografien, Ballett und technischer Perfektion. Eine Machtdemonstration.
  • 2018: Pyeongchang
    Die Eröffnung verbindet koreanische Mythologie mit moderner Popkultur und Technologie. Besonders bedeutsam ist der gemeinsame Einzug nord- und südkoreanischer Delegation. Ein starkes Zeichen für Frieden und Dialog.
  • 2022: Peking
    Die Zeremonie ist bewusst minimalistisch und stark visuell geprägt. Schnee, Eis und digitale Effekte stehen symbolisch für Nachhaltigkeit und Zukunft. Politische Symbolik und internationale Spannungen begleiteten die ansonsten sehr präzise Inszenierung.

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