Noah Dettwiler (20) ist nicht der nächste Tom Lüthi und wird es nie werden. Zwei Jahre in der Moto3-WM (2024, 2025) im Windschatten der Schnelleren. 36 Moto3-Rennen, eine einzige Rangierung in den Punkten (Top 15). Auf den Skisport übertragen: Zwei Jahre lang im Weltcup, aber nur einmal in den Punkten. Ein Name in den hintersten Regionen der Rangliste. Aber Noah Dettwiler lässt sich von der Rangliste nicht entmutigen. Er kämpft gegen die schier hoffnungslose Realität wie der tapfere Don Quichotte einst gegen die Windmühlen
Und dann kommt der 26. Oktober 2025. Die Aufwärmrunde zum GP von Malaysia in Sepang. Ein technisches Problem bremst seine Maschine ein. Sekunden später kracht Weltmeister Jose Antonio Rueda mit voller Wucht in ihn hinein. Die Folgen sind fatal: Mehrere Herzstillstände, offener Bruch des linken Beines, Risse an der Halswirbelsäule, Verletzungen der Lunge und der Milz und Hirnblutung. Es geht um Leben und Tod. Intensivstation statt Startaufstellung.
18 Wochen sind seither vergangen. Nun hat Noah Dettwiler zur Medienkonferenz geladen und gibt entspannt Auskunft. Als ob es die Dramatik der letzten Monate nie gegeben hätte. Vom Unfall weiss er nichts mehr. Erst vier Tage später habe die Erinnerung wieder eingesetzt, als ihn seine Freundin und seine Familie auf der Intensivstation in Malaysia besuchten. Rücktransport mit der Rega in die Schweiz, die Rehabilitation zuerst in Basel und dann in Barcelona, wo er heute lebt. Er hat rasante Fortschritte gemacht und neuen Mut gefasst: «Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell wieder auf die Beine komme. Mein starker Körper hat geholfen, nicht jeder hätte diesen schlimmen Unfall überlebt und ich hatte grosses Glück im Unglück.» Noch sei er nicht ganz fit. Die Beweglichkeit des linken Beines müsse besser werden. Ein langer Nagel vom Knie bis ins Fussgelenk sorge für Stabilität. «Velo fahren kann ich, aber joggen noch nicht.»
Der Unfall habe keine Spuren hinterlassen. Er könne die TV-Bilder ohne Emotionen betrachten. Eine Schuldfrage gebe es nicht. «Solche Unfälle können passieren und jeder Rennfahrer nimmt das Risiko in Kauf.» Mit Rueda tausche er sich regelmässig aus. «Nicht über den Unfall, mehr darüber, wie es uns geht.» Der Spanier ist weit weniger gravierend verletzt worden.
Eine normale Geschichte endet hier. Aber genau hier beginnt erst die eigentliche Geschichte. Noah Dettwiler will wieder fahren. Nach Herzstillständen, Notoperationen und mit einem Metallnagel im Bein. Der Rennsport mag die Welt in Sieger und Verlierer teilen. Doch manchmal gibt es eine dritte Kategorie: jene, die sich nicht unterkriegen lassen. Es ist keine Geschichte über reelle Aussichten auf Siege. Es ist eine über Leidenschaft und vielleicht auch über Trotz. Über einen jungen Mann, der sich von keiner Rangliste sagen lässt, wann Schluss ist. Zweifel habe er nicht lange gehabt. «Mir war schnell klar, dass ich unbedingt wieder zurück auf die Rennstrecke will.» Und so spricht er nun über seine Pläne.
Die Rückkehr versucht er über die italienische Supersport-Meisterschaft. Sein Ziel ist klar: «Ich will zurück in den GP-Zirkus.» Dorthin also, wo er in zwei Jahren noch nicht Fuss fassen konnte. Im März sind die ersten Tests geplant, Ende April möchte er bei den ersten Rennen unbedingt dabei sein. Es ist ein Comeback auf einer Ducati, einer Höllenmaschine, doppelt so schwer, mit gut doppelt so vielen PS und viel schneller als alles, was er bisher gesteuert hat. «Ich weiss noch nicht, wie ich mental darauf reagiere, wenn ich dann mit 280 Stundenkilometer fahre. Aber ich will so schnell wie möglich eine Antwort haben.»
Der Vertrag mit einem italienischen Rennteam ist vorerst für ein Jahr. Betreut wird er von der Sportförderungs-Agentur Sorpasso und die Planung ist auf zwei Jahre ausgelegt. 2026 als Jahr der Rückkehr, 2027 dann das Jahr der Wahrheit. Im besten Falle sind die Resultate diese Saison bereits so gut, dass er zum Saisonfinale mit einer Wild Card in der Supersport WM mitfahren darf – dort, wo Dominique Aegerter zu den Stars gehört.
Andere würden sagen: Es reicht und das Überleben als Zeichen deuten, nun etwas Sicheres zu suchen. Oder in den Rückspiegel schauen und darin eine Warnung sehen. Noah Dettwiler nicht. Er spricht mit einer fast kindlichen Selbstverständlichkeit davon, dass es weitergeht. Die Aussichten auf Ruhm und Reichtum sind gering. Aber dass einer aufsteht, obwohl es niemand von ihm erwartet, dass einer zurückkehrt, obwohl ihn nichts dazu zwingt, dass einer nicht schneller war als die anderen, aber standhafter. Das ist wahre Leidenschaft und fast so wertvoll wie ein Podestplatz.




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