Der Schweizer Langlauf erlebte im Wallis ein Wochenende fürs Gemüt. Eine beeindruckende Fangemeinde unterstützte die im aktuellen Winter noch nicht von grossen Erfolgserlebnissen verwöhnten Athletinnen und Athleten. Vor allem die besten Distanzläufer hatten bislang ein wenig die Rolle der Kummerbuben inne. Nach einem ansehnlichen Saisonstart in Skandinavien ging bei Beda Klee, Jason Rüesch und Co. während Wochen nicht mehr viel.
So wollte es die Dramaturgie, dass vor dem Heimweltcup zwar vier Sprinter, aber mit dem Toggenburger Klee erst ein Distanzläufer die Selektionskriterien für Olympia erfüllten. Rechnerisch würde das zwar perfekt aufgehen, denn dem Männerteam von Swiss Ski stehen an den Winterspielen nur fünf Quotenplätze zu. Aber befriedigend war diese Situation für Männertrainer Erik Bråten Guidon nicht. «Ich hoffe, sie machen mir die Selektion beim Rennen über 20 km so schwer wie möglich», wünschte sich der Norweger deshalb im Vorfeld.
Nicola Wiggers Tränen nach der Umarmung der Mutter
Seine Schützlinge haben Bråten erhört. Sieben Läufer im Schweizer Dress klassierten sich im Goms in den Top 40. Von einer solchen Dichte konnte man beispielsweise im Dezember in Davos nur träumen. Damals war B-Kaderläufer Nicola Wigger als 48. der beste Einheimische.
Nach einem langen Trainingsblock als Alternative zur Tour de Ski meldete sich insbesondere Beda Klee in der Weltspitze zurück. Platz 10 hinter sieben Norwegern an der Spitze gibt dem Toggenburger das nötige Selbstvertrauen, «um auch bei Olympia zu versuchen, ganz vorne mitzulaufen».
In Schlagdistanz zu Klee zeigte der 24-jährige Zürcher Oberländer Nicola Wigger das beste Rennen seiner Karriere. Er brauchte für seinen Traum Olympia zwingend einen Platz in den Top 25. Und obwohl er vor dem Rennen in Obergoms «selbst fast nicht mehr daran geglaubt» hat, machte er auf den 20 Kilometern alles, um das Unmögliche möglich zu machen. Bis drei Kilometer vor dem Ziel lag Wigger sogar auf Platz 14, am Schluss musste er ein wenig für seine mutige Offensivtaktik büssen und fiel noch auf Platz 21 zurück.
Gewonnen wurden sowohl der Sprint vom Samstag als auch das Distanzrennen vom Sonntag von Johannes Kläbo. Der norwegische Langlauf-Superstar siegte im vergangenen Winter bei allen sechs WM-Rennen. Gleiches ist ihm auch bei Olympia zuzutrauen.
Zurück zu Nicola Wigger. Seine Emotionen elektrisierten das ganze Langlaufstadion in Ulrichen. Auf der Ziellinie reckte er die Arme in den Himmel, danach posaunte er seine Freude in die kalte Walliser Bergluft hinaus, liess sich von Teamkollegen gratulieren und von jugendlichen Fans des Skiclub Bachtel feiern. Am Schluss musste er das Interview mit den Medien abbrechen, weil ihm nach den Gratulation von Mutter Sylvia - als Langläuferin selbst dreimalige Olympiateilnehmerin – die Tränen ungebremst über beide Backen kullerten.
Neben Klee und Wigger wird Swiss Olympic am Montag bei den Männern die Sprinter Valerio Grond, Janik Riebli und Noe Näff für die Winterspiele selektionieren.
Nadine Fähndrich beweist mentale Stärke
Bei den Frauen dominierte Nadine Fähndrich aus Schweizer Sicht. Im Sprint lief sie als Dritte aufs Podest, obwohl gleich mehrere Voraussetzungen gegen sie sprachen: der nach dem Höhentrainingslager leicht verrückt spielende Puls, ihre aufgrund des Schneefalls nicht gefragte kraftvolle Kassisch-Technik und ihr bereits beträchtlicher Rückstand auf die starken Sprinterinnen vor dem Einlauf ins Zielstadion.
Auch am Sonntag über 20 Kilometer sorgte die 30-jährige Luzernerin als Neunte für das beste Schweizer Resultat. Bei den Winterspielen liegt ihr Fokus zwar klar auf den beiden Sprintentscheidungen, aber der Distanzeinsatz im Obergoms zeigte Fähndrich, dass die Form passt.
Weil das Olympia-Kontingent für die Frauen gross genug ist, um bei den Selektionen keine Härtefälle zu produzieren, stellt sich für die Rennen im Val die Fiemme vor allem eine wichtige Frage, die unter Umständen über eine Schweizer Medaille entscheiden kann: Wer wird gemeinsam mit Nadine Fähndrich den Teamsprint bestreiten? Standardpartnerin Anja Weber, die mit Fähndrich im Vorjahr in Trondheim WM-Bronze gewonnen hat. Oder vielleicht doch die Engadinerin Nadja Kälin, die im Teamsprint im Goms mit dem B-Team bewiesen hat, über welch beeindruckenden «Motor» sie verfügt.






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