Leichtathletik

Saisonende für Mujinga Kambundji und die Erkenntnis: Die schwierigste Strecke ist die Zeit danach

Die Schweizer Sprinterin bewegt sich während ihres kurzen Wettkampf-Comebacks nach der Schwangerschaft noch weit unter ihren sportlichen Möglichkeiten. Im nächsten Jahr soll das bedeutend besser aussehen.

Mujinga Kambundji ist die einflussreichste Leichtathletin der Schweiz. Die 34-jährige Bernerin hat während eines Jahrzehnts die Schlagzeilen der Sportart geprägt. Die öffentliche Wahrnehmung war eng mit ihren Leistungen und ihrem gewinnbringenden Lachen verknüpft.

Die Nachricht im Sommer 2025, dass die schnellste Sprinterin der Schweiz die Karriere nach ihrer ersten Schwangerschaft fortzusetzen gedenkt, wurde mit Freude und Wohlwollen aufgenommen. Schliesslich sind schnelle Mamis gerade im Sprintbereich der Leichtathletik ein Erfolgsmodell.

Die Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser Pryce wurde im August 2017 Mutter, gab im Mai 2018 ihr Wettkampf-Comeback und holte 2019 in Doha den WM-Titel über 100 m. Die US-Amerikanerin Allyson Felix wurde wie Kambundji im November Mutter und verpasste im Sommer danach bei den Trials die WM-Qualifikation über 400 m deutlich. Als Mitglied der Mixed- und Frauen-Staffel gab es nur zehn Monate nach der Geburt dennoch zwei Goldmedaillen bei den Titelkämpfen in Doha. Und Hürdensprinterin Nia Ali gewann ebenfalls in Doha WM-Gold als Mama – 16 Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes.

Auch Mujinga Kambundji gab acht Monate nach der Geburt von Sohn Léon am 11. Juli in Bulle ein vielversprechendes Comeback. Sie lief die 100 m auf Anhieb in 11,33 und die 200 m in 23,37. Danach aber begann es, harzig zu werden. Die Zeiten in Luzern, an den Schweizer Meisterschaften in Zürich und bei der EM in Birmingham wurden nicht besser, sondern schlechter.

Der Geist ist willig, der Körper noch nicht

Zuletzt lief die Teilnehmerin an drei olympischen Einzelfinals, WM-Dritte über 200 m in Doha und zweifache Europameisterin der Konkurrenz auch bei Weltklasse Zürich hinterher. Der letzte Platz in 23,61 ist für eine Athletin ihres Kalibers zweifellos kein Dauerzustand. Es sei mental nicht ganz einfach, hinterherzurennen. «Und gelegentlich auch ein wenig frustrierend. Mein Körper kann noch nicht wieder dasselbe leisten wie vor der Geburt», sagte Mujinga Kambundji in Zürich.

Die Bernerin hegte allerdings Hoffnungen, dass ihr die erstmalige Rückkehr auf die 100 Meter in Bellinzona nach dem Halbfinal an den nationalen Titelkämpfen vor über einem Monat einige positive Aufschlüsse geben würde. «Über 200 m geht mir regelmässig auf der Zielgeraden die Energie aus. Ich habe noch nicht das Stehvermögen, um meinen Lauf durchzuziehen.» Zumindest diese Einschränkung sollte über die halbe Distanz kein Faktor sein.

Einen Kambundji-Exploit erleben die Zuschauer in Bellinzona nicht. Die Schweizer Rekordhalterin muss im Gegensatz zu Géraldine Di Tizio-Frey und Salomé Kora im B-Lauf antreten. Mehr als der letzte Platz in einer erneut bescheidenen Zeit von 11,70 liegt offensichtlich auch im letzten Rennen der nur sechswöchigen Comeback-Saison nicht drin. Jetzt geht es für Mujinga Kambundji zuerst einmal in eine ebenfalls rund sechswöchige Pause, bevor der Aufbau für die Hallensaison auf dem Programm steht.

Die Mütterberatung von US-Star Nia Ali

Kambundji strahlt im Interview mit dem Tessiner Fernsehen, als sei sie soeben Europameisterin geworden oder habe einen Rekord gebrochen. Zumindest das Lachen hat sie angesichts des stockenden Comebacks nicht verloren. «Der erste Teil des Laufs war gut, der zweite schlecht», lautet ihr Kurzfazit. «Aber Bellinzona ist ein so cooles Meeting. Ich geniesse es jedes Mal, hier zu rennen», sagt sie zu ihrer guten Laune.

In normalen Jahren hat bei der Bernerin ein besseres oder schlechteres Gefühl während des Laufs mit den daraus resultierenden Zeiten korrespondiert. Derzeit fehle ihr dieses Gefühl. «Ich habe unterwegs sogar das Gefühl, dass die Rennen ziemlich okay sind. Die Zeiten sind dann entsprechend ernüchternd», sagt die 34‑Jährige. «Es war halt auch keine normale Saisonvorbereitung. Als ich wieder zu trainieren begann, stillte ich noch.»

Dass sich ihr Körper auch während der Saison kontinuierlich veränderte, der Anpassungsprozess zurück von den Anforderungen einer werdenden Mutter hin zu jenen der ultimativen Spitzensportlerin voranschritt, habe wohl mit den stagnierenden Zeiten zu tun. Kambundji war vor der Schwangerschaft eine Meisterin darin, ihre Form während der Wettkampfsaison stetig zu entwickeln.

Um Erklärungen für diese ungewohnte Leistungsentwicklung nach dem Comeback auf den Grund zu gehen, hat Mujinga Kambundji auch eine spezielle Form der Mütterberatung in Anspruch genommen. «Ich war regelmässig im Austausch mit US-Hürdensprinterin Nia Ali. Sie hat mir bestätigt, dass auch ihre Fortschritte in der ersten Phase des Comebacks nicht linear verliefen», sagt Mujinga Kambundji. Ob die Erkenntnis, dass Nia Ali die allerschnellsten Zeiten nach dem dritten Kind gelangen, bei Mujinga Kambundji Eindruck hinterlassen hat, sei dahingestellt.

Angelica Moser sorgt für Schweizer Sieg

Aus Schweizer Sicht brilliert in Bellinzona einmal mehr Stabhochsprung-Europameisterin Angelica Moser. Die Zürcherin meistert als einzige Athletin die Höhe von 4,77 m und bezwingt die beiden starken US-Amerikanerinnen Sandi Morris und Hana Moll.

Erstmals unter 4 Minuten bleibt Mittelstreckenläuferin Joceline Wind. Nachdem sie in Lausanne bereits die 2-Minuten-Marke über 800 m geknackt hat, läuft sie nun über 1500 m eine Zeit von 3:59,79 und setzt sich auf Position 2 der ewigen Schweizer Bestenliste hinter Rekordhalterin Anita Weyermann (3:58,20). Die Trainingsgemeinschaft mit Audrey Werro scheint Früchte zu tragen.

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