
Mujinga Kambundji ist zurück. Die prägendste Figur der Schweizer Leichtathletik in den vergangenen zehn Jahren versucht nach der Geburt ihres Sohnes, den Anschluss an die Weltspitze noch einmal zu schaffen. In Luzern stellte sich die 34-jährige Bernerin erstmals wieder der internationalen Konkurrenz.
Vor siebeneinhalb Monaten kam Léon auf die Welt. Vor fünf Tagen in Bulle lief Mujinga Kambundji beim ersten Wettkampf nach dem Mutterschaftsurlaub 11,33 über 100 m und 23,37 über 200 m.
Noch rennt Kambundji ihren Gegnerinnen deutlich hinterher. In Luzern waren sämtliche anderen Athletinnen des A- und B-Laufs schneller als die Schweizer Rekordhalterin (10,89). Doch dies scheint die Bernerin nicht zu stören: «Es ist okay, so wie es ist». Es sei halt vom Gefühl her wieder wie zu Beginn der Karriere, sagt sie lachend. Auch damals habe sie vor allem die Rücken der Konkurrenz gesehen.
Noch sei die Rückbildung ihres Körpers spürbar nicht abgeschlossen, aber sie könne von jedem Rennen etwas ins Training mitnehmen und bis zum nächsten Start verbessern, sagte Kambundji. «Für mich hat es hier in Luzern gefägt. Ich hatte mega Spass, endlich wieder im Wettkampf zu laufen.» Auch Sohn Léon war gemeinsam mit Mujingas Eltern und der älteren Schwester Kaluanda mitsamt ihren Kindern vor Ort.
Dass auf dem Weg zurück doch noch «ein Stück fehlt» und ihr Lauf bisweilen noch etwas unkoordiniert erscheine, beunruhigt Kambundji nicht. An den Schweizer Meisterschaften in gut einer Woche in Zürich will die 34-Jährige weitere Fortschritte erzielen, auch wenn es dort vor allem um den Platz und weniger um die Zeit gehe.
Sie glaubt zwar eher nicht, dass es ihr im Duell mit Géraldine Di Tizio-Frey, Salomé Kora und Ajla Del Ponte für eine EM-Qualifikation über 100 m reicht, den garantierten Startplatz über 200 m als Titelverteidigerin will Mujinga Kambundji in Birmingham aber wahrnehmen. Denn ihr Versprechen im Stadioninterview nach dem in 11,58 Sekunden zurückgelegten Rennen richtete sich definitiv nicht nur ans Luzerner Publikum: «Die schnellen Zeiten werden kommen - vielleicht halt erst Ende Saison oder im nächsten Jahr.»
In Luzern reichte es Mujinga Kambundji übrigens erst ins Starterfeld des B-Laufs. Dort traf sie unter anderem auf die zweitschnellste Frau der Schweizer Leichtathletik-Geschichte (10,90). Auch die 30-jährige Tessinerin Ajla Del Ponte arbeitet nach mehreren verletzungsbedingten Rückschlägen aktuell so vielversprechend wie nie seit 2021 an ihrem Comeback und lieferte in dieser Saison bereits eine Zeit von 11,11 ab. In Luzern blieb aber auch die Olympia-Fünfte von 2021 unter Wert geschlagen (11,41).
Die zwei Schweizer Plätze im A-Lauf waren reserviert für die beiden weiteren Swiss-Athletics-Starterinnen mit Bestzeiten unter elf Sekunden. Die 29-jährige Zugerin Géraldine Di Tizio-Frey verdiente sich diesen Ritterschlag erst vor fünf Tagen bei ihrem Sieg in Bulle in 10,98. Die St. Gallerin Salomé Kora, im Winter bei Olympia auch im Bobkanal im Einsatz, lief ihre persönliche Bestzeit von 10,95 im Jahr 2024 in der Höhe von La Chaux-de-Fonds. Di Tizio-Frey bestätigte in Luzern ihren aktuellen Status als nationale Nummer 1 mit einer Zeit von 11,20 und Rang 3 im A-Feld.
Die Enttäuschung des 100-m-Laufs lieferte eine Abwesende. Die von den 6000 Zuschauern mit grosser Vorfreude erwartete Jamaikanerin Elaine Thompson-Herah, die zweitschnellste Frau der Welt und fünffache Olympiasiegerin, verzichtete kurzfristig auf den Start. Beim vermeintlichen Star des Abends zwickte es beim Aufwärmen.
Dafür tauchte um 19 Uhr ein anderer Gast in Luzern auf, dessen Besuch sich die Organisatoren sehnlichst erst für Mitternacht gewünscht hatten. Eine heftige Gewitterzelle setzte das Stadion kurzerhand unter Wasser, die Zeitmessung ausser Betrieb und die Zuschauer in den Fluchtmodus. 15 Minuten lang lag ein Hauch von Weltuntergang über der Stadt, bevor sich der ungeliebte Besucher wieder verzog. Die Nässe beeinträchtigte primär die Athletinnen und Athleten in den technischen Disziplinen.

Mit einer halben Stunde Verspätung nahm das Schweizer Traditions-Meeting den Betrieb wieder auf. Und auch wenn insgesamt Athletinnen und Athleten aus 45 Nationen am Start standen, gehörte die Aufmerksamkeit den Schweizer Aushängeschildern. Dabei brillierten Namen, die man im Schweizer Sport noch nicht unbedingt auswendig kennt. Die 21-jährige Berner Speerwerferin Léonie Hügli gewann mit neuem Schweizer Rekord von 62,18 m. Noch überraschender kam der Sieg der ein Jahr älteren Aargauerin Fabienne Hoenke, die über 200 m die favorisierten Jamaikanerinnen auf den letzten Metern abfing und in 22,80 ins Ziel lief.
Weniger überraschend kam der Tagessieg von Stabhochspringerin Angelica Moser (4,61 m). Eine klare Aufwärtstendenz legte auch Timothé Mumenthaler auf dem Weg zur angestrebten EM-Titelverteidigung über 200 m an den Tag. Der Genfer verbesserte als Zweiter seine Saisonbestleistung auf 20,31.
Alle Resultate unter www.spitzenleichtathletik.ch




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