
Marco Odermatt vor Alexis Monney und Stefan Rogentin. Es wirkt alles so spielerisch leicht bei unseren Skicracks. Auch in der Abfahrt von Garmisch. Denn der Erfolg erscheint so natürlich wie das Erblühen der Schneeglöckchen in diesen Tagen. Logisch ist man geneigt zu sagen, wenn in der 21. Weltcup-Abfahrt in Folge immer mindestens ein Athlet von Swiss Ski auf dem Podest steht.
Natürlich hätten Odermatt und Co. am Sonntag im Super-G gerne nachgedoppelt und ihre Vormachtstellung unterstrichen. Doch Nebel und schlechte Sicht verunmöglichten einen Start. Das Rennen wird Mitte März in Courchevel nachgeholt. Trotz reduziertem Renneinsatz reisen die Schweizer – allen voran Marco Odermatt – mit einem breiten Grinsen aus Bayern nach Hause. Schliesslich ist ein Dreifach-Triumph auch für die erfolgsverwöhnten Swiss-Ski-Athleten keine Selbstverständlichkeit. Erst 16-mal ist das vor Garmisch in der Weltcupgeschichte vorgekommen – Frauen inklusive.

Am anderen Ende der Stimmungsskala befinden sich die Österreicher. Mit der 23. sieglosen Abfahrt in Folge ist die längste Durststrecke der Weltcup-Geschichte für unsere Nachbarn nun Realität. 1'082 Tage ist der letzte Sieg her, eingefahren von Vincent Kriechmayr im März 2023 in Soldeu. Zu diesem Zeitpunkt hatte Odermatt noch keinen Sieg in einer Weltcup-Abfahrt. Unterdessen ist er bei acht angekommen. Oder anders formuliert: Odermatt – Österreich 8:0.
Odermatt hat nur noch Hirscher und Stenmark vor sich
Sein achter Erfolg, jener am Samstag, kann man auch als Meilenstein bezeichnen, obwohl Garmisch nicht zu den ganz grossen Klassikern zählt. Aber da ist die Marke 54. Bei so vielen Weltcup-Siegen steht Odermatt mittlerweile. Und damit gleichauf mit Legende Hermann Maier auf Rang 3 der Bestenliste. Nur Marcel Hirscher (67) und Ingemar Stenmark (86) stehen noch vor dem 28-jährigen Skistar aus Nidwalden.
Momentan auf gleicher Stufe mit dem Herminator: Spätestens jetzt hätte er die Bezeichnung Odinator verdient. «Mit Hermann gleichzuziehen, ist unglaublich», sagt Odermatt. Wobei es nur eine Frage von Wochen ist, ehe er Maier distanzieren wird. In anderen Bereichen ist ihm das schon gelungen. Beispielsweise knackte Odermatt 2023 mit 2042 Punkten Maiers Rekord (2000) aus der Saison 1999/2000.

Odermatt steht nun bei neun Saisonsiegen. Geht das so weiter, wird er Hirschers Marke von 67 Siegen schon Ende nächster Saison übertreffen. Vorausgesetzt, er kann seinen enormen Siegeshunger, seine Bereitschaft, seinen Willen und die Lust an der Arbeit hochhalten. Wobei Odermatt daran kaum Zweifel aufkommen lässt – auch oder vielleicht gerade, weil er sich im Sommer mit Fragen der Motivation und des Antriebs intensiv auseinandergesetzt hat.
Der Sieg im Gesamtweltcup ist sicher
Zurück in der Gegenwart: Der Sieg in Garmisch ebnet Odermatt auch den Weg zum Gewinn von gleich zwei Kristallkugeln. Der grossen für den Gesamtweltcup, wo sein Vorsprung auf Lucas Pinheiro Braathen auf 687 Punkte angewachsen ist. Da dem Brasilianer nur noch je zwei Slaloms und Riesenslaloms bleiben, ist der fünfte Triumph für Odermatt perfekt. Damit steht nur noch Marcel Hirscher mit acht Siegen vor ihm. Trotzdem nimmt er in Garmisch noch keine Gratulationen zum Sieg im Gesamtweltcup entgegen.
Auch in der Abfahrtswertung ist Odermatt der Erfolg kaum mehr zu nehmen. Weil der Dreifach-Olympiasieger Franjo von Allmen wegen eines kapitalen Fehlers im letzten Streckenabschnitt mit Position 6 Vorlieb nehmen muss, liegt er bei noch zwei ausstehenden Rennen 175 Punkte hinter Odermatt. Ein zehnter Platz in Courchevel oder Kvitfjell reicht Odermatt für den Gewinn seiner dritten Abfahrtskugel.
Dass er dazu die Kugeln für den Riesenslalom und Super-G überreicht bekommen wird, steht zwar noch nicht fest, aber auch daran gibt es kaum Zweifel. Tritt dieses Szenario ein, wird Odermatt der erste Skifahrer sein, der in drei Saisons in Folge vier Kristallkugeln gewinnt. Er wäre dann 17 Kugeln im Inventar – ein Wahnsinn.
An die Fasnacht, danach die Olympia-Revanche
Dass Odermatt ständig neue Bestmarken aufstellt, ist zur Normalität geworden. Deshalb fällt es den Menschen bisweilen schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Wobei es absurd ist, im Zusammenhang mit dem Gewinn von drei Olympia-Medaillen von einem Misserfolg zu sprechen – auch wenn Gold nicht im Sortiment ist. «Das Programm im Januar und Februar war ein bisschen zu streng für mich und ich muss zugeben, dass ich während den Olympia-Wettkämpfen in Bormio den Hunger und die Lust aufs Skifahren ein bisschen verloren habe», sagte er in Garmisch gegenüber «Blick». Er sei an die Fasnacht nach Luzern – wo er unerkannt blieb – was ihm geholfen hätte, etwas Abstand zu schaffen.
Was er in Garmisch aber auch sagte: «Es war sicher ein bisschen eine Revanche für Olympia.» Stimmen, die von einer enttäuschenden Saison sprachen, habe er mitbekommen. «Wenn man drei Olympiamedaillen mit nach Hause nimmt und die Standings anführt für die Kugeln, dann sind das Aussagen von Leuten, die wenig verstehen vom Skisport.» Gut gebrüllt, Odinator. Da gibt’s nichts hinzuzufügen.
Abfahrt Männer in Garmisch: 1. Odermatt (SUI) 1:47,57. 2. Monney (SUI) 0,04 zurück. 3. Rogentin (SUI) 0,98. 4. Kriechmayr (AUT) und Franzoni (ITA) je 1,20. 6. von Allmen (SUI) 1,47. - Weitere Schweizer: 10. Murisier 1,57. 18. Rösti 2,24. 31. Boisset 3,05. 35. Miggiano 3,29. 44. Hiltbrand 5,53. - Gesamtweltcup: 1. Odermatt 1485. 2. Braathen 798. 3. Meillard 683. - Abfahrtswertung (7/9): 1. Odermatt 610. 2. von Allmen 435. 3. Paris 325.



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