Am Mittwochabend traf sich das Schweizer Team der Abfahrer im Hotel Schweizerhof in Kitzbühel zu einem kleinen Apéro. Gefeiert wurden allerdings die Erfolge von Wengen – und zwar ganz bewusst, wie der Abfahrtstrainer Reto Nydegger sagt: «Wir hatten bisher keine Zeit dafür.»
Während sich rundherum alles um die Frage dreht, ob Odermatt am Samstag erstmals die Abfahrt in Kitzbühel gewinnen kann, denken die Direktbeteiligten noch einmal an die Lauberhornrennen. Nydegger sagt: «Man muss schätzen, was man hat. Es ist unsere Aufgabe als Trainer, die Athleten regelmässig daran zu erinnern, dass nichts selbstverständlich ist.»

Selbst bei einem wie Odermatt nicht. Zweimal war er in der Abfahrt von Kitzbühel schon Zweiter, einmal Dritter. Und es gibt einige, darunter auch prominente Ex-Skifahrer, die sagen: «Hoffentlich gewinnt er auch in diesem Jahr nicht.» Sie berufen sich dabei auf die These, dass Odermatts Karriere früher enden könnte, wenn er sein letztes grosses Ziel erreicht.
Das grösste Rennen des Skisports
Was sagt Odermatt selbst dazu? Der 28-Jährige schmunzelt und sagt: «Am liebsten würde ich logischerweise schon in diesem Jahr gewinnen. Es passt alles, ich bin in guter Form, ich bin gesund und ich habe Selbstvertrauen.»
Er macht erst gar keinen Hehl daraus, dass der Abfahrtssieg in Kitzbühel zuoberst auf seiner Prioritätenliste steht. Selbst in einem Olympia-Winter. «Kitzbühel ist das grösste Rennen in unserer Sportart. Es zu gewinnen, gehört einfach dazu, wenn man einer der besten Skifahrer sein möchte.» Oder in anderen Worten: Erst der Kitzbühel-Sieg vollendet seine Karriere.
Odermatt hat in diesem Winter mehrmals erwähnt, wie wichtig das Streben nach den ganz grossen Erfolgen für ihn geworden ist. «Dieser Hunger», wie er es nennt. In Adelboden spürte er ihn. Und in Wengen. Am Chuenisbärgli gewann Odermatt zum fünften Mal. Am Lauberhorn zum vierten Mal. Das bringt die These des frühzeitigen Karriereendes nach einem Kitzbühel-Sieg in Schieflage. Satt machen ihn die Erfolge nicht.
In der Saisonvorbereitung hat sich Odermatt die Frage gestellt, was ihn im Skisport überhaupt noch antreibt, und auch, was er noch erreichen kann. Die Suche nach Antworten verunsicherte ihn: «Ich brachte das Gefühl nicht mehr aus dem Kopf, dass ich eigentlich nur noch verlieren kann.» Und er stellte sich als Folge auch die Frage, ob der Hunger noch da sei.
Wird ein Italiener zum Spielverderber?
Antworten hat er mittlerweile gefunden. In Adelboden und Wengen spürte Odermatt jene Emotionen, «die nur der Sport bieten können», wie er es beschreibt. Die Jagd nach diesen Gefühlen ist der Motor, der ihn antreibt. Und das mit dem Verlieren? Da nahm er sich gleich selbst die Ängste. Und zwar bei erster Gelegenheit mit einem Sieg zum Saisonauftakt in Sölden.
Seither sind acht weitere Siege in diesem Winter dazugekommen. Und Odermatt führt auch bereits wieder in vier von fünf Weltcupwertungen. Oder anders ausgedrückt: in sämtlichen Disziplinen, die er bestreitet. Odermatt sagt: «Es ist also nicht so, dass meine Saison schlecht wäre, wenn ich am Samstag die Abfahrt in Kitzbühel wieder nicht gewinne.»

Odermatts Konkurrenten kommen wie so oft aus dem eigenen Lager. Vor allem Alexis Monney wird hoch gehandelt. Vor einem Jahr war er Zweiter und verpasste den Abfahrtssieg in Kitzbühel nur um acht Hundertstel. So nahe dran am Sieg war selbst Odermatt noch nie – zumindest zeitmässig.
Mit Giovanni Franzoni hat sich allerdings auch ein Italiener ganz oben in die Liste der möglichen Spielverderber von Marco Odermatt eingereiht. Der 24-Jährige ist der grosse Aufsteiger des Winters: Zuletzt in Wengen gewann er den Super-G und fuhr in der Abfahrt trotz einer ungünstigen Startnummer auf Rang drei. In Kitzbühel dominierte er in den Trainings.
Normalerweise sind Trainingsresultate zwar mit Vorsicht zu geniessen, weil manch ein Athlet seine Leistungen dosiert. Bei Franzoni ist das anders. Er kennt nur eine Art zu fahren: Vollgas. «Als Geheimfavoriten darf man ihn nicht mehr bezeichnen», sagt darum auch Odermatt. Und was, wenn es darum wieder nicht klappt mit dem Sieg? Der Schweizer sagt: «Ich bin ja schon Kitzbühel-Sieger, ich habe die goldene Gams als Trophäe und eine Gondel, auf der mein Name steht.» Vor einem Jahr gewann er den Super-G.



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