Die Entlassung von Marco Bayer können wir kurz, griffig und etwas boshaft mit einem Satz aus der Weltliteratur erklären: «Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen» aus dem Drama «Die Verschwörung des Fiesco zu Genua» von Friedrich Schiller.
Bei den ZSC Lions hat es natürlich keine Verschwörung gegen Marco Bayer gegeben. Der Ausspruch der Figur Fiesco im genannten Drama meint sinngemäss: Jemand hat seine Aufgabe erfüllt und wird nicht mehr gebraucht und kann deshalb «gehen», also entlassen oder fallen gelassen werden.
Marco Bayer war und ist fachlich ohne Fehl und Tadel. Ein Berufsmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er hat sich 24 Stunden am Tag um das Wohl der ZSC Lions gekümmert und in kritischen Phasen auch noch während der Nacht.
Und doch muss er gehen. Er verlässt die Organisation der ZSC Lions und wird – wie es der Brauch ist – für das ausstehende Vertragsjahr bis Ende der nächsten Saison abgefunden. Sein Scheitern hat nicht fachliche Gründe. Er ist gescheitert, weil er nicht über seinen Schatten zu springen vermochte. Das macht ihn sympathisch. Aber dieser Wert zählt im Leistungssport nicht.
Marco Bayer war der perfekte Nachfolger von Marc Crawford. Der Kanadier war ein Kabinen-Poltergeist, mit der Aura eines NHL-Donnergottes und die Spieler hatten einen Heidenrespekt vor ihm. Er hat aus gesundheitlichen Gründen Ende 2024 sein Amt aufgegeben. Es war völlig unmöglich, den nächsten Marc Crawford zu finden. Und hätte sein Nachfolger versucht, ihn zu kopieren, dann wäre er der Lächerlichkeit anheimgefallen.
Also war Marco Bayer als Coach des Farmteams (GCK Lions) der perfekte Nachfolger. Mit den Gängen und Läufe im Unternehmen vertraut und sofort verfügbar. Im Wesen und Wirken hätte er nicht gegensätzlicher sein können. Fachlich kompetent, verständnisvoll, in der Gesamtsumme der Freund und Helfer der Spieler, der gute Geist in der Kabine mit einem Ego, das nicht viel grösser war als das des Materialwartes. Es ist ihm gelungen, das Werk von Marc Crawford zu vollenden und die Saison mit dem Triumph in der Champions Hockey League und mit der Titelverteidigung zu vollenden.
Es ist eine beinahe unlösbare Aufgabe die Spieler, die so viel Lob und Preis erfahren haben – drei Titel in zwei Jahren – noch einmal an die Grenze oder über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus zu «pushen». Marco Bayer hat es mit bestem Wissen und Gewissen versucht und immerhin ist er mit den ZSC Lions bis in den Halbfinal gekommen (1:4 gegen den HC Davos). Aber er war Kraft seiner Persönlichkeit (seines Charismas) nicht dazu in der Lage, schwierige Situationen (Verletzungspech, Schlüsselspieler nicht mehr in Form) zu meistern. Er war ein schlauer Verwalter des enormen spielerischen Potenzials der ZSC Lions. Aber er war nicht dazu in der Lage, mehr aus diesem Potenzial herauszuholen, herauszukitzeln. Zu viel Harmonie, zu wenig «heiliger Zorn».
Keiner hat gegen den Trainer gespielt - um eine populistische Formulierung zu gebrauchen. So etwas schliesst bei den ZSC Lions schon die Berufsehre aus. Aber es war eben auch keiner, der für diesen Trainer über seine Limiten hinausgegangen ist. Oder besser: Marco Bayer war nicht dazu in der Lage, seine Spieler über ihre Limiten hinauszutreiben. Bei den Einzelgesprächen der Spieler mit dem Sportchef war die fehlende Autorität (Charisma) des Trainers ein zu oft wiederkehrendes Thema.
Die «heilige Dreifaltigkeit» der ZSC Lions – Sportchef Sven Leuenberger, General Manager Peter Zahner, der neue Präsident Lorenz Frey-Hilti – hatten gar keine andere Wahl als den Trainer zu wechseln. Wenn die ZSC Lions wieder um den Titel mitspielen wollen – und das ist der berechtigte Anspruch der inzwischen grössten Hockey-Firma im Land – dann braucht es einen neuen Chef mit Charisma, Begeisterungsfähigkeit, natürlicher Autorität und einem Ego, das fast nicht ins Stadion passt und grösser ist als die Gesamtsumme aller Egos in der Kabine.
In der Verantwortung steht nun auch Sportchef Sven Leuenberger. Mit Tim Berni (zurück aus Genf) und Simon Knak (aus Davos) hat er zwei Schweizer verpflichtet, die für Dynamik im Team sorgen werden. Aber zum Titelkandidaten werden die Zürcher nur, wenn Sven Leuenberger auf den Ausländerpositionen nachrüstet, notfalls auch durch Auszahlung von weiterlaufenden Verträgen.
Wir können davon ausgehen, dass der neue Bandengeneral ein charismatischer Nordamerikaner sein wird, der die Leistungskultur aufpeppen wird. Der Trainerwechsel ist ein klares Bekenntnis des neuen Präsidenten zu einer kompromisslosen Leistungskultur, die gerade auch wegen der vorbildlichen Nachwuchsorganisation - der grössten im Land – gepflegt werden muss: Hohe Leistungsbereitschaft wird von oben nach unten vorgelebt.
Bereits im Oktober werden einige Stars, wenn sie bei einem alkoholfreien Bierchen zusammensitzen, zueinander sagen: «Eigentlich schade, dass der Bayer gehen musste. Mit ihm war es halt schon angenehmer…»



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