Als Luca Aerni in der Silvesternacht nach einem Abend bei Freunden in seine Wohnung kommt, hört er draussen die Sirenen. «Allzu viel habe ich mir aber nicht dabei gedacht», sagt er. Seit 2018 lebt Aerni wieder unweit von Crans-Montana, jenem Ort, an dem er seine ersten vier Lebensjahre verbrachte. Als er am Morgen von der Brandkatastrophe hört, ist nichts mehr, wie es war. «Es war ein riesiger Schock», sagt er. Zwar kennt Aerni keines der Opfer persönlich. Doch die Geschehnisse lassen ihn nicht los.

Aerni ist am Donnerstag nach Adelboden gekommen. Ins Hotel Steinmattli, in dem die Schweizer Weltcupfahrer seit Jahren während der Rennen wohnen. Aerni sass hier schon in der Lobby, als Schweizer Erfolge beim Heimrennen sehnlichst vermisst wurden. Als er im Jahr 2013 erstmals am Chuenisbärgli an den Start ging, fuhr Ramon Zenhäusern als bester Schweizer auf Rang 22. Als er 2018 erstmals den Riesenslalom bestritt, wurde Justin Murisier Elfter. Es war nicht viel mehr als ein Achtungserfolg.
Und doch ist dieses Jahr nochmals ganz anders, als Aerni vor die Medien tritt. Nicht wegen der Schweizer Resultate. Die versprechen sehr viel für die beiden Rennen am Samstag und Sonntag. Auch dank Aerni. In Val d'Isère fuhr er im Dezember als Zweiter erstmals seit fast acht Jahren im Weltcup auf das Podest. «Aber das, was in Crans-Monata passiert ist, dürfen wir nicht vergessen», sagt er. Aerni hat Mühe, die Videos vom Brand, die überall zirkulieren, aus dem Kopf zu bekommen. «Ich muss irgendwie lernen, zu welchem Zeitpunkt ich daran denken kann und wann nicht.»
Denn der Weltcup pausiert nicht. Auch in der Schweiz nicht. Zwar haben die Organisatoren in Adelboden sämtliche Aktivitäten für den Freitag abgesagt, doch die Rennen sollen am Wochenende planmässig stattfinden. Aerni findet das trotz seines Gefühlschaos die richtige Entscheidung. «Vielleicht können wir damit wieder für etwas Freude sorgen», sagt er.
Aernis Weg war von Anfang an kompliziert
Ans Chuenisbärgli hat Aerni gute Erinnerungen. Schon vor einem Jahr lief es ihm gut. Doch dieser Winter übertrifft vieles. Im Riesenslalom fährt er so stark wie noch nie. Mit dem Podestplatz in Val d'Isère als Highlight. Mit 32 Jahren erfüllt er noch einmal, was ihm schon sehr früh zugetraut wurde.
Zu Beginn seiner Karriere galt Aerni als riesiges Talent. Nicht wenige prophezeiten ihm eine goldene Zukunft. Doch sein Weg verlief anders. 2014 erlitt er einen Bandscheibenvorfall. Es folgten viele schwierige Jahre. Schmerzfrei war er selten. Erst seit zwei Jahren fühlt er sich etwas besser. Dank Karate. Sein Konditionstrainer brachte ihn damit in Berührung. Die eher ungewohnten Bewegungsabläufe stellten sich als goldrichtig heraus.
Eine Ausnahme in den schwierigen Jahren war 2017. Plötzlich schienen die Experten doch noch Recht zu bekommen. An der WM in St. Moritz wurde Aerni sensationell Weltmeister in der Kombination. Und als er dann im Dezember des gleichen Jahres im Slalom von Madonna di Campiglio auch im Weltcup erstmals auf das Podest fuhr, schien seine Karriere lanciert.

Sie war es nicht. Aernis Weg im Skiweltcup blieb kompliziert. Es folgten deutlich mehr Rückschläge als Glücksmomente. Erst jetzt, im Herbst seiner Karriere, erlebt er noch einmal Frühlinggefühle. «So emotional wie nach meinem Podestplatz in Val d'Isère war ich als Skifahrer noch nie. Dieser Podestplatz zeigte, dass alles möglich ist, wenn man nicht aufgibt», sagt er.
In einem Jahr finden in Crans-Montana die Weltmeisterschaften statt. Aerni ist Botschafter der Titelkämpfe. Sportlich deutet einiges auf ein Happy End. Nur die verhängnisvolle Silvesternacht passt nicht ins Bild.


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