Am Ende stehen Samuel Giger und der kecke Aussenseiter Marcel Bieri im Schlussgang. Beide haben auf dem Weg dorthin wunderbare Geschichten geschrieben. Niemand wusste, wie gut Samuel Giger nach einer dreimonatigen Wettkampfpause (Schulterverletzung) sein würde. Dann überrascht er alle und wird nach Karl Meli erst der zweite Schwinger, der zweimal in Kilchberg gewinnt.
Marcel Bieri hatte auf dem Weg in den «Final» König Armon Orlik so frech gebodigt, wie noch selten ein König gebodigt worden ist. Er erwischte ihn im 5. Gang – es geht um den Einzug in den Schlussgang – mit dem schönsten und frechsten Schlungg der letzten zehn Jahre.
Beim Schlungg wird aus Kraft plötzlich Leichtigkeit. Der Schwinger zieht seinen Gegner dicht an sich, hebt ihn aus seinem sicheren Stand und nimmt ihn mit in eine wuchtige Drehung. Für einen kurzen Augenblick scheint der Gegner über dem Sägemehl zu schweben – bis die Bewegung mit der Maximalnote im Sägemehl zu Ende geht. Ein Schwung, der weniger geworfen als entfesselt wirkt. Der Schlungg lebt mehr als jeder andere Angriffszug von Frechheit, Timing, Schwung und Technik und weniger von Rohkraft und wird wegen des hohen Risikos des Scheiterns eher selten gewagt. Er ist sozusagen die Königsdisziplin. Im Eishockey mit einem «Airhook-Tor», im Eiskunstlaufen mit dem vierfachen Axel, im Kunstturnen mit dem Liukin am Reck oder im Fussball mit einem Fallrückzieher vergleichbar.
Was in Kilchberg auch aufgefallen ist: Einmal mehr hat sich die Zauberformel bewährt: An einem einzigen Tag ist es möglich, in einem Wettkampf mit 60 «Bösen» den Sieger in einem Final (Schlussgang) zu ermitteln. Das geht eben nur mit der Einteilung. Mit einem Einteilungskampfgericht, das nach jedem Durchgang die Paarungen neu einteilt und Stoff für Diskussionen liefert. Die Einteilung in Kilchberg war ohne Fehl und Tadel, nahezu perfekt, und Kritik war billige Kritik der Kritik willen ohne sachliche Grundlage. Ohnehin reden nur Verlierer über die Einteilung.

Auch die Platzkampfrichter haben praktisch fehlerlos gearbeitet und sich weniger Fehlentscheide zuschulden kommen lassen als die Schiedsrichter bei der Fussball-WM. Ein einziger Entscheid ist umstritten: Nick Alpiger bekam gegen Bernhard Kämpf die Maximalnote 10. Aber der Berner lag nicht auf dem Rücken. Einfluss auf den Ausgang des Festes hatte dieser Irrtum nicht. Es gibt keinen Grund für Video-Hilfe.
Wenn die landesweit «bösesten» 60 – und nicht mehr als 200 wie beim Eidgenössischen – antreten, dann sind eigentlich viele Gestellte (Unentschieden) zu erwarten. Doch das war erfreulicherweise nicht der Fall. Das sportliche Niveau war hoch, es war schwingtechnisch eines der besten Feste mit eidgenössischem Charakter in der Neuzeit.
Der «Schlungg» von Marcel Bieri steht für das hohe sportliche Niveau des Kilchberger Schwinget 2026 und bleibt ebenso in Erinnerung wie der grosse Sieg von Samuel Giger. Zum ersten Mal kosteten die Tickets. Aber das Fest war so gut, dass der Eintrittspreis (eine Hunderternote) jeden Franken wert war.

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