Leichtathletik-EM

Jason Josephs nicht immer einfaches Rezept: Die Kunst, nichts Besonderes zu tun

Der Hürdensprinter hat den surrealen Moment von Tokio verarbeitet. Nun will der 27-jährige Baselbieter zeigen, dass seine besten Zeiten noch vor ihm liegen.

Manchmal ist eine Hürde unüberwindbar. Jason Joseph hat diese Erfahrung an den Weltmeisterschaften im vergangenen September in Tokio gemacht. Nach der stärksten Saison seines Lebens und mit der Gewissheit, in absoluter Topform zu sein, blieb der Schweizer Hürdensprinter im WM-Final vor der ersten Hürde einfach stehen. Und dies nach einem Traumstart ins Rennen.

Der Baselbieter wollte Geschichte schreiben, hatte eine Medaille vor Augen. Und dann war da plötzlich diese Barriere. Eine Hürde auf der Bahn, eine Schranke im Kopf. Als «surreal» und «nicht nachvollziehbar» bezeichnete Joseph diesen Moment. Seine Trainerin Claudine Müller umschrieb die Situation als «Blackout». Jason habe das Gefühl nicht einordnen können, so gut unterwegs zu sein. So schnell kam die erste Hürde noch nie auf ihn zu.

Jason Joseph ist ein spezieller Sportler. Er kann gleichwohl gross träumen wie gnadenlos selbstkritisch sein. Von einer Zeit unter 13 Sekunden reden, die er im Training immer und immer wieder in den Beinen habe. Um danach eine EM-Bronzemedaille wie 2024 in Rom als Enttäuschung abzubuchen.

Den Hürdensprint im Kopf einfach machen

Was aber hat dieser einzigartige Moment auf der grössten sportlichen Weltbühne mit Jason Joseph gemacht? Er selbst sagt, das sei längst verarbeitet und vergessen, «wenn mich nicht Journalisten immer und immer wieder auf die Szene ansprechen würden».

Er gibt zwar zu, dass er etwas länger gebraucht habe, um diesen WM-Final zu verdauen. «Ich brauchte Zeit, um zu verstehen, was genau passiert ist.» Nach einem Superstart sei die erste Hürde viel zu schnell auf ihn zugekommen. «Das hat mich irritiert.»

Im Training habe man nun geübt, diese erste Hürde «auf jeden Fall zu nehmen, auch wenn der Abstand vom Körper zur Hürde nicht stimmt». Weitere psychologische Massnahmen seien nicht notwendig gewesen. Im Gegenteil, Joseph will in Birmingham mental so weitermachen wie im letzten Jahr. Will heissen, im Wettkampf eben gerade nichts Aussergewöhnliches machen. «Einfach zeigen, was im Training funktioniert. Ich muss das Rennen nicht beim Start gewinnen. Ich muss nicht zaubern. Das, was ich mitbringe, reicht aus. Ich muss es nur machen.» Viel einfacher geht ein mentales Drehbuch nicht.

Trotzdem hat sich das Verhalten von Jason Joseph in den vergangenen Monaten verändert. Zum einen hat er inzwischen auch nach Leistungen, für die er sich früher verbal selbst gegeisselt hätte, in der Analyse vermehrt die positiven Aspekte hervorgehoben. Zum anderen verkündet er seine Ziele und sein Potenzial nicht mehr derart offensiv.

Die neu gelebte kommunikative Bescheidenheit

Der Baselbieter verneint zwar einen Zusammenhang mit dem Erlebnis in Tokio. Er sagt: «Ich will mir mit dem Herausposaunen von Zielen nicht selbst im Weg stehen und mich nicht auf eine bestimmte Zeit versteifen. Meine Ziele haben sich aber nicht verändert.»

Verändert haben sich hingegen die Zeiten – zum Negativen. Sie liegen vor der EM wieder auf dem Stand von vor zwei Jahren. Die Saisonbestzeit von 13,24 ist für ihn bescheiden. Gelaufen ist sie Jason Joseph gleich zum Saisoneinstieg im Mai in China. Danach bremste ihn eine kleine Verletzung etwas aus. 13,25 lautete seine beste Zeit im Olympiajahr 2024. Für EM-Bronze in Rom reichten damals sogar 13,43.

Im vergangenen Jahr lief Jason Joseph bis zur WM achtmal schneller als aktuell. Dreimal blieb er unter 13,10. Sein Schweizer Rekord steht bei sehr beachtlichen 13,07. Doch während die internationale Konkurrenz in dieser Saison sportlich mit total 12 Zeiten unter 13 Sekunden durch die Decke geht, stagnieren die Leistungen von Joseph.

Noch überraschender ist allerdings, dass ihn dies im Vorfeld seines heutigen EM-Einsatzes nicht im Geringsten aus der Ruhe zu bringen scheint. Der 27-Jährige redet sich die Situation positiv. «Ich bin vom Trainingsverlauf und von der körperlichen Verfassung her sehr zufrieden. Meine bisherigen Leistungen waren solid, aber es fehlt noch der Wow-Moment.»

Sehen wir den besten Jason Joseph an der EM?

Vielleicht kommt ja dieser Wow-Moment im heutigen EM-Final und endet anstatt vor der ersten Hürde auf dem obersten Podest. Aufgrund der bisherigen Saison schwer vorzustellen, aber bei Jason Joseph weiss man eben nie. Auf jeden Fall verspricht der Hürdensprint maximale Spannung. Rom hat gezeigt, dass man auch mit einer mittelmässigen Zeit eine Medaille gewinnen kann.

Europas Topathleten haben in diesem Jahr mit Ausrufezeichen gegeizt. Nummer 1 der Setzliste ist der Franzose Just Kwaou-Mathey mit einer Zeit von 13,20. Also in Schlagdistanz zu Jason Joseph. Der Veranstalter schreibt in seiner Vorschau über den Schweizer: «Joseph gehört nach wie vor fest zur Elite des Kontinents. Seine persönliche Bestzeit von 13,07 Sekunden zeigt, wie gefährlich er in Bestform sein kann.» Gefährlich für die Konkurrenz, bisweilen aber auch gefährlich für sich selbst.

20.55 Uhr: 110 m Hürden Männer, Halbfinals
21.20 Uhr: 200 m Frauen, Halbfinals
22.47 Uhr: 110 m Hürden Männer, Final

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