Analyse zum Fall Balogun

Wenn Infantino nach diesem Skandal nicht gestürzt wird, verliert der Fussball das letzte bisschen Glaubwürdigkeit

Nachdem US-Präsident Donald Trump bei Gianni Infantino interveniert, wird die Sperre gegen den US-Stürmer Folarin Balogun aufgehoben. Die Analyse zu einem der grössten Skandale der Fussball-Geschichte.
Gianni Infantino und Donald Trump haben immer wieder ziemlich viel Spass miteinander. Wie hier bei der WM-Gruppenauslosung.
Bild: Jia Haocheng/AP

Wer bis eben noch an das Märchen glaubte, dass Fussball und Politik nichts miteinander zu tun haben, wird nach dem Fall Balogun hoffentlich anders denken. Es ist nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal, dass mächtige Politiker versuchen, im Fussball Einfluss zu nehmen. Aber was hier Donald Trump im Doppelpass mit seinem Kumpel Gianni Infantino aufführt, ist an Zynismus, an Unverfrohrenheit, an Skrupellosigkeit und an Eitelkeit kaum zu überbieten.

Zur Vorgeschichte: Im Sechzehntelfinal zwischen den USA und Bosnien-Herzegowina sieht US-Stürmer Folarin Balogun die Rote Karte. Nicht sofort. Sondern erst, nachdem Schiedsrichter Raphael Claus aus Brasilien vom VAR gebeten wird, sich die Szene am Bildschirm nochmal anzuschauen. Dabei sieht er, wie Balogun seinen Gegenspieler Tarik Muharemovic mit offener Sohle am Fuss erwischt und dieser fürchterlich umknickt. Der Platzverweis ist absolut gerechtfertigt.

Um diese Szene gehts: Folarin Balogun (links) trifft Tarik Muharemovic.
Bild: Martin Meissner/AP

So weit alles klar. Doch hinter den Kulissen wird eifrig nach Möglichkeiten gesucht, wie man einer Sperre für den besten amerikanischen Stürmer im Achtelfinal gegen Belgien entgehen kann. Dabei sind mehrere Vertraute des US-Präsidenten aktiv geworden sein. Zum Beispiel Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, Sohn des früheren Trump-Anwalts Rudy Giuliani. Zusammen mit Anwälten haben sie den US-Fussballverband unterstützt, um gegen die Sperre Berufung einzulegen.

Trump und sein Anruf bei Infantino

Natürlich liegt auch Donald Trump selbst nicht auf der faulen Haut. Chef, wie er ist, nimmt er den Telefonhörer zur Hand und delegiert seinem Freund Johnny, äh Gianni, sich die Sache mit der Sperre gegen Balogun nochmals genauer anzuschauen. So jedenfalls berichtet es die «New York Times» mit Verweis auf drei Menschen, die dabei gewesen sein sollen. Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass Trump mit anschauen die Streichung der Sperre gemeint hat.

In der Nacht auf Montag kommuniziert die Fifa: Die Vollstreckung der Sperre gegen Folarin Balogun wird gemäss Artikel 27 des Disziplinarreglements für eine Probezeit von einem Jahr ausgesetzt. Der Stürmer, der in drei WM-Partien ebenso oft getroffen hat, darf im Achtelfinal gegen Belgien auflaufen. Welch Willkür, welch Skandal, welch Verrat am Fussball.

Folarin Balogun, darf im Achtelfinal gegen Belgien wieder ran.
Bild: Julio Cortez/AP

Wenn sich Trump auf seinem Kanal mit den Worten äussert «Danke an die Fifa, dass sie das Richtige getan und ein grosses Unrecht wiedergutgemacht hat», ist das die pure Verhöhnung des Fussballs. Wobei: Das grosse Unrecht wurde einem Mann angetan, der vor 25 Jahren nur deshalb als Amerikaner geboren wurde, weil seine in London lebenden und aus Nigeria stammenden Eltern in New York waren und nicht ausreisen durften, weil die Fluggesellschaft der schwangeren Mutter den Rückflug verweigerte. Ausgerechnet Trump aber will dieses Geburtsrecht aus US-Staatsbürgerschaft abschaffen.

Die Fifa missachtet das eigene Reglement

Zurück zum Fall: Wir haben alle gelernt, dass die Rote Karte eine Sperre im nächsten Spiel zur Folge hat. Berufung einlegen ist zwar okay. Und manchmal sogar von Erfolg gekrönt, wenn eine Sperre von vier auf zwei Spiele reduziert wird. Aber dieses eine Spiel nach dem Platzverweis muss man aussetzen. Steht so auch im Reglement der WM 2026: Wenn ein Spieler oder Offizieller aufgrund einer direkten oder indirekten Roten Karte (zweite Verwarnung) des Feldes verwiesen wird, ist er automatisch für das nächste Spiel seiner Mannschaft gesperrt. Nun, automatisch scheint offenbar Auslegungssache zu sein. Vor allem, wenn Trump und Infantino zusammenspannen.

Unerhört überheblich, ja sogar skandalös ist die Aktion gleichwohl. Aber überrascht uns das? Nein. Wer auf die absurde Idee kommt, Trump einen Friedenspreis zu verleihen, ist auch im Stande, das Reglement nach eigenem Gutdünken auszulegen, erst recht, wenn dem guten Freund aus dem Oval Office damit gedient ist.

Der Friedenspreis für Trump, der an der US-Grenze abgewiesene Schiedsrichter aus Somalia, die Diskriminierung des iranischen Teams, das Einreiseverbot für viele Fans aus verschiedensten Ländern und natürlich die horrenden Ticketpreise: Infantino kommt mit allem durch. Selbst aus der sogenannten Fifa-Familie – ein Patriarchat erster Güte – regte sich kaum Widerstand.

Das ist jetzt ein bisschen anders. Nun reagieren ein paar Funktionäre und prangern die Mauschelei zwischen Infantino und Trump an. Nächstes Jahr haben all die empörten Verbandspräsidenten die Chance, Infantino beim Fifa-Kongress für seine Unterwürfigkeit Trump gegenüber abzustrafen und ihn abzuwählen. Das wird wahrscheinlich aber nicht passieren. Weil Infantino mehr Geld und mehr WM-Plätze verspricht. Aber alle, die Infantino nächstes Jahr wieder wählen, machen sich so zu Komplizen in einem der grössten Skandale der Fussballgeschichte.

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