Der EM-Traum des Kaliforniers Haydn Brotschi lebt vorerst weiter. Sportlich hat sich das neuste Mitglied des starken Schweizer Leichtathletik-Teams mit Platz 2 an den Schweizer Meisterschaften über 400 m für die kontinentalen Titelkämpfe in Birmingham qualifiziert. Weil auch die Schweizer 4×400-m-Staffel einen EM-Startplatz auf sicher hat, wird Haydn Brotschi am Donnerstag im Aufgebot von Swiss Athletics aufgeführt sein.
Trotzdem bleibt der erste internationale Einsatz für sein neues sportliches Heimatland für den US-Studenten mit Wurzeln im Kanton Solothurn eine Zitterpartie. Unmittelbar nachdem er auf der Zielgeraden im Letzigrund seinen Konkurrenten Ricky Petrucciani – den EM-Silbermedaillengewinner von 2022 über 400 m – im Kampf um Platz 2 noch abfangen konnte, griff sich Brotschi an den hinteren Oberschenkel des rechten Beins.
Wer den Saisonschnellsten über 400 m kurz danach beim Gang aufs Podest beobachtete, musste angesichts des humpelnden Gangs das Schlimmste fürchten. Haydn Brotschi spürte die muskulären Probleme bereits im Vorlauf am Samstag, wo er mit seiner Zeit von 46,37 der Schnellste aller 33 SM-Teilnehmer war. Am Sonntagmorgen stand für kurze Zeit sogar ein Startverzicht zur Diskussion.
Der Oberschenkel zwickt früh im Rennen
Weil der 21-jährige Datenwissenschafts- und Biomedizin-Student aber schon immer ein Athlet war, der auf die Zähne beissen konnte, entschied er sich für einen Start im Final, um den Traum der EM-Teilnahme am Leben zu erhalten. Bereits nach 100 Metern habe es aber das erste Mal im Oberschenkel gezwickt und bei Rennhälfte seien die Probleme stärker geworden, sagt Haydn Brotschi rückblickend.
Neben der Vorgabe, aufs Podest zu laufen, wollte der Verband als Basis für eine EM-Selektion Brotschis auch sehen, ob der Kalifornier zwei Monate nach seinem bislang letzten Wettkampf überhaupt noch konkurrenzfähig ist. An seine Saisonbestzeit von 45,20 kam er zwar in Zürich nicht heran, aber mit 46,10 gelang ihm trotz körperlicher Beschwerden eine akzeptable Leistung.
Doch die Frage nach diesem allerersten Wettkampf ausserhalb der Renneinsätze in der höchsten Division des US-College-Sports lautete weiterhin: Wie schwer ist die Verletzung? Eine Blessur, die wohl auch damit zu tun hat, dass Haydn Brotschis Körper seit Jahren gewohnt ist, im Hochsommer zu regenerieren. Die Saison der Hochschul-Leichtathletik in den USA dauert von Dezember bis Ende Mai.
In 14 Tagen ist das Rennen an der EM
Die Ultraschall-Untersuchung bei Verbandsarzt Daniele Angelella am Montagnachmittag in Luzern brachte nun leichte Entwarnung. Die Zerrung erwies sich als Microverletzung der Oberschenkelmuskulatur. Weil nur ein Teil mitten im Muskel betroffen ist und nicht der ganze Muskelstrang, stehen die Chancen für Haydn Brotschi gut, in 10 bis 14 Tagen wieder wettkampftauglich zu sein. Eine verlässlichere Prognose ist allerdings erst in fünf bis sechs Tagen möglich, wenn der Arzt den Genesungsverlauf einschätzen kann.
Am Montag, 10. August – am ersten Wettkampftag – finden in Birmingham die Vorläufe über 400 m statt. Vier Tage später folgen die Vorläufe der Staffel. Es wird also in jedem Fall ein Wettlauf mit der Zeit. Ab Dienstag steht für Haydn Brotschi ein intensives Physio-Programm an und nach zwei Tagen Regeneration bittet ihn Verbandstrainer Flavio Zberg bereits wieder zum Alternativ-Training im Hinblick auf die Europameisterschaften.
Der Sonntag wird Haydn Brotschi nicht nur wegen seines speziellen ersten Rennens ausserhalb der USA in Erinnerung bleiben. Als spontane Überraschung flog kurzfristig als Support auch noch seine Mutter in die Schweiz – mit einem ebenfalls durchzogenen ersten Eindruck dieses Besuchs. Sie stürzte während der Schweizer Meisterschaften auf der Tribünentreppe des Letzigrunds und verletzte sich dabei ernsthaft am Knie.
Bevor Haydn am Montag für seine eigene Untersuchung nach Luzern reiste, begleitete er seine Mutter in Zürich zum Arzt. Immerhin nahm er seine Pechsträhne beim ersten sportlichen Auftritt als Schweizer Leichtathlet mit Humor. Das Glück hat sich Haydn Brotschi hoffentlich für Birmingham aufgespart.




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