
In zwei Wochen steht in Birmingham das Leichtathletik-Highlight des Jahres an. Die Schweiz will bei den Europameisterschaften die Rekordbilanz von Rom 2024 bestätigen. Vor zwei Jahren sammelte das Team von Swiss Athletics neun Medaillen, darunter viermal Gold. Bereits der Auftritt 2022 in München endete mit einer Schweizer Bestmarke an Edelmetall (6).
Die Schweizer Meisterschaften im Zürcher Letzigrund bilden zugleich Abschluss der Qualifikationsphase wie Hauptprobe für die kontinentalen Titelkämpfe. Welche Rückschlüsse für ein weiteres potenzielles Feuerwerk in Birmingham lassen sich nach den nationalen Titelkämpfen ziehen?
Die Titelverteidiger: Mumenthaler und Moser
Angelica Moser: Die Zürcher Stabhochspringerin holt sich in Zürich ihren 20. nationalen Titel in Serie. Für einen Höhenflug der 28-jährigen sind die Windverhältnisse zu stark und die Konkurrenz zu schwach. Die übersprungenen 4,70 m bestätigen trotzdem, dass Moser an der EM erneut um Gold springen kann.
Timothé Mumenthaler: Der Genfer hat seinen sensationellen EM-Titel von Rom noch nicht bestätigen können. Rechtzeitig auf die Titelverteidigung hin wird der 23-Jährige nun wieder schneller. Sein Saisonbestwert von 20,31 Sekunden liegt nur drei Hundertstel über der Zeit beim EM-Titel. In Zürich kann Mumenthaler diesen Aufschwung nur beschränkt unter Beweis stellen. Im Traditionsduell mit William Reais fehlt dem Europameister auf der Zielgeraden die Lockerheit.
Das Podest als Erinnerung: Joseph und Reais
Jason Joseph: Der Baselbieter gewann in Rom Bronze. Nun will er mehr, seine Zeiten und seine Worte sind für den 27-Jährigen aber erstaunlich zurückhaltend. In Zürich gewinnt er mit 13,30 seinen zehnten nationalen Titel an der SM in Folge. Er nennt es solid und sieht im Hinblick auf die EM noch deutliches Steigerungspotenzial – ohne Medaillen, Rekorde oder Leistungssprünge anzukündigen.
William Reais: Der Bündner Sprinter kämpfte in den vergangenen zwei Jahren chronisch gegen Blessuren. An den Schweizer Meisterschaften trumpft der 27-Jährige aber jetzt doppelt auf. Über 100 m gewinnt er mit persönlicher Bestzeit von 10,16, über 200 m bleibt er bei seinem Sieg in 20,37 eine Zehntelsekunde vor seiner Bronzezeit von Rom.
Das Mami-Comeback: Mujinga Kambundji
Mujinga Kambundji verpasst in Zürich über 100 m sogar den Final und verzichtet auf einen Einsatz über 200 m. Für die EM ist sie als Titelverteidigerin über 200 m gesetzt. Auch wenn sich die 34-jährige Bernerin bis in zwei Wochen weiter steigern wird, ist sie in Birmingham erstmals seit langem an einem kontinentalen Grossanlass keine Medaillenkandidatin. Das ist sieben Monate nach der Geburt von Sohn Léon logisch. Dafür macht die erst 22-jährige Aargauerin Fabienne Hoenke weiterhin grosse Freude. Über 100 m läuft sie neue persönliche Bestzeit in 11,26, über 200 m gewinnt sie mit der drittschnellsten Zeit ihrer Karriere in 22,67 ungefährdet.
Die drei Fragezeichen: Lobalu, Ehammer und Kambundji
Dominic Lobalu, Simon Ehammer und Ditaji Kambundji sind rekonvaleszent und müssen auf einen Einsatz in Zürich verzichten.
Simon Ehammer: Er hat sich für die EM für Weitsprung und gegen Zehnkampf entschieden, kann aufgrund einer Oberschenkelverletzung derzeit aber keine Weitsprungtrainings machen. Angesichts der aktuellen Konkurrenzsituation mit insgesamt fünf Athleten, die in diesem Jahr bereits weiter als 8,40 m sprangen, ist es für den Bronzegewinner von Rom ein Wettlauf gegen die Uhr und eine Medaille in Birmingham aktuell noch weit weg.
Ditaji Kambundji: Die Bernerin wäre als amtierende Weltmeisterin eigentlich Kronfavoritin Nummer 1 für den EM-Titel, nachdem es vor zwei Jahren bereits zu Silber gereicht hat. Doch eine Zerrung des vorderen Oberschenkels Ende Juni hat ihr Programm tüchtig durcheinandergewirbelt. Man weiss zwar über die phänomenale Steigerungskurve, welche die 24-Jährige jeweils auf einen Saisonhöhepunkt hin vollführt, aber mit ihrer bisher besten Zeit des Jahres (12,62) müsste sie für den Titel zeitlich noch ein komplettes Finalfeld überholen.
Dominic Lobalu: Er musste nach seinem phänomenalen Sieg von Monaco sein Rennen in Luzern zuletzt wegen einer Muskelverhärtung abbrechen. Der Europameister über 10 000 m und Bronzemedaillist über 5000 m sollte aber bis in zwei Wochen wieder einsatz- und hoffentlich auch konkurrenzfähig sein.
Das Potenzial fürs Podium: Ein Quartett als Joker
Audrey Werro: Selbstverständlich ist die 22-jährige Freiburgerin als Weltnummer 1 über 800 m viel mehr als ein Joker. Von den gelaufenen Zeiten her ist sie nicht anderes als die grosse Goldfavoritin. Auch an der SM ist ihr Sieg über 800 m eine Machtdemonstration. Zudem verbessert sie auch noch ihre persönliche Bestzeit über 400 m auf neu 50,80. Doch Werro muss in Birmingham vor allem zeigen, dass sie taktisch variabler geworden ist.
Annik Kälin: Die Bündnerin steigt ebenfalls als Weltnummer 1 in den Siebenkampf der EM und sollte, bringt sie den Wettkampf verletzungsfrei ins Trockene, ein sicherer Medaillentipp sein. In Zürich zeigt sie bei ihrem Meistertitel über 100 m Hürden in starken 12,67, dass die Form nach wie vor stimmt.
Géraldine Di Tizio-Frey: Die erste Disziplin, in welcher die «neue» Schweizer Leichtathletik für Furore gesorgt hat, war dank Mujinga Kambundji der Sprint der Frauen. Auch in Birmingham hat die Schweiz eine Athletin mit Medaillenpotenzial am Start. Die Zugerin schraubt ihre persönliche Bestzeit im Letzigrund noch einmal um zwei Hundertstel nach oben. Die Siegerzeit der SM von 10,96 ist so schnell wie keine andere Europäerin in diesem Jahr über 100 m gelaufen ist.
Léonie Hügli: Die erst 22-jährige Berner Speerwerferin verbesserte ihren Schweizer Rekord in diesem Jahr zweimal auf 62,18 m. Diese Weite bringt sie für die EM in den Dunstkreis der Medaillen. Zuerst einmal muss Hügli aber eine Enttäuschung verarbeiten. Im Letzigrund wird sie von Sabrina Boss geschlagen. Dank der Siegesweite von 60,88 darf auch die Thunerin an die EM reisen. Damit ist die Schweiz bei einer technischen Disziplin der Frauen doppelt vertreten – noch immer eine Ausnahmesituation.
Die Staffeln: Sprinterinnen und Viertelmeiler
4 x 100 m Frauen: Nicht nur Géraldine Di Tizio-Frey ist schnell. Angeführt von Salomé Kora (SM-Zweite in 11,09) stehen acht Swiss-Athletics-Sprinterinnen mit Bestzeiten unter 11,30 in den Jahresbüchern von 2026. Was für Voraussetzungen für die EM – wenn die Wechsel klappen.
4x400 m Staffel Männer: Die Schweiz kam dank Haydn Brotschi auf der Viertelmeile wie die Jungfrau zum Kind. Und der Solothurner Brotschi holt sich in Zürich mit Silber seine erste Medaille an Schweizer Meisterschaften. Ganz an der Spitze brilliert aber Lionel Spitz, der im Letzigrund erstmals in diesem Jahr nahe an die 45-Sekunden-Marke heranläuft. Mit Ricky Petrucciani, Vincent Gendre, aber auch den Hürdenläufern Julien Bonvin und Danny Brand stehen genügend Athleten zur Verfügung für eine finaltaugliche EM-Staffel. Wenn nur die Verletzungshexe nicht wäre: Gendre (Bestzeit: 45,65) muss auf die SM verzichten, Brotschi zieht sich im Finallauf möglicherweise eine Zerrung im rechten Oberschenkel zu. Für ihn wird der Weg zum internationalen Debüt für die Schweiz nun zum Wettlauf mit der Zeit.



Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.