Geht ein Spiel im Handball unentschieden aus, so fühlen sich die beiden Teams wie jene Skifahrer, die mit einer Hundertstelsekunde Rückstand ins Ziel kommen. Hätte man nur dieses eine kleine Detail anders oder eben besser gemacht, so hätte es zum Sieg gereicht.

So geht es am Freitagabend auch der Schweizer Handball-Nati, die sich in ihrem ersten Spiel an der diesjährigen Europameisterschaft ein Remis erkämpft. Die Partie gegen die Färöer Inseln ist ein stetes Auf und Ab, an Dramatik kaum zu überbieten. Sie endet mit 28:28, weil die Färinger drei Sekunden vor Schluss doch noch den Ausgleich erzwingen und dem Team von Trainer Andy Schmid zu wenig Zeit bleibt, um nochmals einen Treffer zu erzielen.
Dank zwei Mentalitätsmonstern kommt die Nati zurück
Ein Unentschieden im Handball ist aber auch nie unverdient. Beide Teams werden Situationen finden, in denen sie besser hätten agieren können, in denen sie konsequenter hätten sein können. Das geht auch der Schweiz so, die in Oslo bei Halbzeit mit 13:15 im Hintertreffen liegt und sich kurz nach Wiederanpfiff schon mit einem Sechs-Tore-Rückstand konfrontiert sieht.
Aber die Schweizer Nati hat in den vergangenen beiden Jahren, in denen sie an EM- und WM-Endrunden teilgenommen hat, dazugelernt. Trotz der vielen jungen Spieler wird sie auch trotz des beträchtlichen Rückstands nicht nervös. Und sie hat in den beiden beim deutschen Topteam SC Magdeburg unter Vertrag stehenden Manuel Zehnder (Rückraum) und Nikola Portner (Tor) zwei absolute Mentalitätsmonster im Team.

Während Zehnder in der ersten Hälfte noch fahrig wirkt und sich verzettelt, kommt er in der zweiten Halbzeit nochmals zum Einsatz und steuert wie von der Tarantel gestochen auf das Tor der Färinger zu. Bis auf den letzten Wurf trifft er aus allen Lagen.
Derweil läuft Goalie Portner, der neben dem Feld ein ruhiger und besonnener Zeitgenosse ist, auf der anderen Seite des Platzes heiss. Er pariert spektakulär und sorgt dafür, dass die Schweiz nach 47 Minuten wieder zum Ausgleich kommt und sogar wieder in Führung geht.
Angetrieben von elf Prozent der Einwohner
Unterstützt von 6500 Fans aus dem eigenen Land – und das bei lediglich 55'000 Einwohnern – bekommen die Färinger in der Schlussphase noch einmal Aufwind und verdienen sich den Punkt mit viel Herzblut und Einsatz. Die letzten Sekunden sehen Sie im Video unten.
Die mitgereisten Anhängerinnen und Anhänger sorgen schon vor dem Anpfiff für Gänsehaut, als sie aus voller Kehle die Nationalhymne singen und die Unity Arena in Oslo in Ekstase versetzen. Die 6500 Fans entsprechen rund elf Prozent aller Einwohnerinnen und Einwohner auf den Färöer Inseln. Man stelle sich mal vor, 990'000 Schweizerinnen und Schweizer finden sich für einen Event am gleichen Ort ein. Undenkbar.
Am Ende werden sich beide Teams ärgern. Verloren haben beide aber nicht, schon gar nicht bezüglich eines möglichen Einzugs in die Hauptrunde.
Die Stimmen zum Spiel
Trainer Andy Schmid sagte nach der Partie gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF: «Es war ein intensives Spiel. Es war ein Stresstest für die ganze Mannschaft vor dieser Kulisse. Wir haben nach einem schlechten Start nach der Pause Comeback-Qualitäten gezeigt, dafür habe ich grossen Respekt. Natürlich hätte ich lieber zwei Punkte, aber wir nehmen auch den einen. Die keine Welle, die wir dank des Punktes bekommen haben, nehmen wir mit und hoffen, dass wir in den kommenden Tagen darauf surfen können.»
Manuel Zehnder erschien ebenfalls zum SRF-Interview und sagte: «Ich habe das Spiel und die Atmosphäre genossen. Ich spiele lieber in einer mit gegnerischen Fans gefüllten Halle als vor leeren Rängen. Wie wir uns zurückgekämpft haben, macht mich stolz. Jetzt direkt nach dem Spiel ärgert es mich, dass wir nicht gewonnen haben, weil ich den letzten Ball auf der Hand habe, aber wir dürfen trotzdem stolz sein. Der Punkt ist extrem wichtig. Es wird in unserer Gruppe bis zum letzten Spiel sehr eng sein. Wenn wir so in die nächsten Spiele gehen, sind wir schwer zu schlagen. Ab sofort spielen wir nur noch K.o.-Spiele.»
Lenny Rubin: «Direkt nach dem Spiel ist immer schwierig einzuschätzen. Aktuell fühlt es sich gerade wie eine Niederlage an. Aber wenn man an die Phasen denkt, in denen wir zurückliegen, kann man auch sagen: ‹Krass, wie wir uns zurückgekämpft haben.› Das haben wir überragend gemacht. Es ist schade, weil am Schluss nur Kleinigkeiten fehlen. Es war kein einfaches Spiel, eigentlich ein Auswärtsspiel vor so vielen Fans der Färöer. Deshalb bin ich trotzdem stolz auf die Mannschaft und diesen Punkt.»

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