Schweiz gegen Deutschland. David gegen Goliath. Kleiner gegen grosser Bruder. Die Rollen sind verteilt, oder? Nun: An den vergangenen vier Turnieren (EM und WM) ist die Schweiz drei Mal weitergekommen als Deutschland, an der EM 2024 schieden beide in den Viertelfinals aus.

Aber klar: Die Geschichte, vier WM- und drei EM-Titel gegenüber unserer titellosen Nati, macht Deutschland zum Riesen. Und dann der Vergleich der Ligen: Hier die Bundesliga, eine der besten fünf in Europa und des Deutschschweizer Fussballfans liebstes Kind. Dort die Super League, diese Saison im Uefa-Ranking abgestürzt auf Rang 20.
Logisch, zieht es die besten Schweizer Fussballer nach Deutschland. Vor zehn Jahren stellte die Schweiz mit Abstand die meisten Legionäre in der Bundesliga, in dieser Saison sind es 14 (am meisten hat Österreich mit 28). Zu uns hingegen verirrt sich aus Deutschland höchstens alle paar Jahre ein ausrangierter Altstar. Fazit: Die Schweiz hat auf Nationalteam-Ebene zuletzt besser performt als Deutschland – dank Deutschland.
Mit deutschem Einfluss auf die grosse Bühne
Als die Schweizer an der WM 2014 im Achtelfinal gegen Lionel Messis Argentinien seit langem wieder einmal die ganz grosse Bühne betreten, besteht die Startelf aus acht Bundesliga-Legionären. Im EM-Achtelfinal 2016 gegen Polen sind es sieben. Das zieht sich durch bis in die Gegenwart: Im aktuellen Kader für die Testspiele gegen Deutschland und Norwegen sind acht Spieler, die ihr Geld in Deutschland verdienen. Zudem weitere acht, die nicht mehr in der Bundesliga kicken, aber in dieser Liga einst zu Nationalspielern geworden sind.
Tranquillo Barnetta wagt 2004 den Sprung. Bei Hannover, Bayer Leverkusen, Schalke und Eintracht Frankfurt wird aus dem St. Galler Riesentalent ein Bundesliga-Spieler gehobenen Niveaus, in der Nati erlangt Barnetta (75 Länderspiele) Legendenstatus. Stellvertretend für sich und die zahlreichen Schweizer, die seinen Weg gingen, sagt er: «Wir Schweizer profitierten – und das ist wohl bis heute so – extrem von der Bundesliga. Unser Selbstvertrauen wuchs bei unserem Nachbarn, weil wir liefern mussten. Wir mussten physisch zulegen, wir lernten, uns in den Trainings und in den Spielen zu beweisen.» Für den ehemaligen Offensiv-Allrounder ist klar: «Die Schweizer in der Bundesliga hatten und haben einen Einfluss auf die Leistungen und Erfolge der Nati.»

Gemäss Barnetta macht die Bundesliga aus den jungen Schweizern nicht nur bessere Fussballer, sondern erweitert auch menschlich den Horizont: «Deutschland ist uns Deutschschweizern einerseits sehr nah – und trotzdem ist die Kultur ein wenig anders. Ich wurde offener, gerade in Dingen, die Schweizer eher eng sehen. Zum Beispiel ist Deutschland sehr gross, aber das Distanzgefühl gibt es dort nicht wirklich. Wir in der Schweiz finden ja nur schon den Weg nach Zürich für ein Abendessen zu weit. Ich bin als junger Mensch hingegangen und kam als gestandener zurück.»
Forsche Töne von Nati-Coach Murat Yakin
Der Schweizer Vorzeige-Export in die Bundesliga ist Granit Xhaka. 2012 verlässt er den FC Basel als 19-Jähriger Richtung Mönchengladbach, nimmt bei seiner Ankunft den Mund voll und findet sich plötzlich auf der Bank wieder. Nach und nach wird dann im Stahlbad Bundesliga aus dem vorlauten Rohdiamanten ein selbstbewusster Anführer. «Deutschland als erste Auslandstation war der perfekte Schritt für mich», so Xhaka, «Mentalität, Taktik, Laufstärke – darauf wird in der Bundesliga viel Wert gelegt. Von diesem Einfluss profitiert auch die Schweizer Nati.»

Und zwar soweit, dass mit Blick auf die jüngste Vergangenheit das Attribut «Turniermannschaft» den Schweizern gebührt, nicht wie üblich den Deutschen. Xhaka aber will von einem Rollentausch nichts wissen, sagt vor dem Testspiel am Freitagabend gegen die DFB-Elf: «Die Schweiz ist definitiv nicht Favorit. Deutschland verdient mit seiner Qualität und Vergangenheit Respekt.»
Für die forschen Töne sorgt für einmal Nati-Trainer Murat Yakin, den es einst als Spieler auch nach Deutschland zog (Stuttgart, Kaiserslautern): «Unser Ziel ist es, im Sommer die beste Schweizer WM der Geschichte zu spielen.» Das wäre dann die Halbfinal-Qualifikation. Mit einer solchen könnte man nach den blamablen Vorrunden-Outs 2018 und 2022 wohl auch in Deutschland leben.


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