Der Schweizer Fussballverband hat einen neuen Super-Boss: Die Abteilungen «Nationalteams», «Breitensport» und «Entwicklung» werden nun von einer Person geführt: von Marinko Jurendic, 48 Jahre alt, schweizerisch-kroatischer Doppelbürger. Apropos: Die Doppelbürger-Thematik ist eine von Jurendics dringlichsten Baustellen, dazu später mehr.
Jurendic ist Fussballfans aus seiner Zeit beim FC Zürich bekannt: Als Sportchef baute er das Team, das 2022 sensationell Meister wurde. Ein Jahr später verabschiedete er sich in die Bundesliga zum FC Augsburg, bei dem er die Erwartungen (Mittelfeld-Platz) erfüllte, im Frühling 2025 aber einer kompletten Reorganisation zum Opfer fiel. Dass man in Augsburg einige Monate darauf die Übung wieder abbrach, spricht rückblickend für Jurendic. Als Spieler war sein grösster Erfolg der Aufstieg mit Thun in die Super League (2002), als Profitrainer blieb es beim achtmonatigen, missglückten Engagement in Aarau (2017).
Die ersten neun Lebensjahre verbrachte Jurendic bei der Grossmutter im ehemaligen Jugoslawien. Fussball, sagt Jurendic, sei nach dem Umzug in die Zentralschweiz zu den Eltern die Brücke für seine Integration gewesen. Er interessierte sich aber auch für Pädagogik und Psychologie, erwarb das Lehrerdiplom und arbeitete in den Nullerjahren für den Luzerner Unternehmener Otto Ineichen, als Leiter von dessen Hilfsprogramm für perspektivlose Schulabgänger.
«Mein Leben hat viele Wendungen genommen, davon profitiere ich», sagte er einst. De neueste Wendung ist die Rückkehr zum SFV. Er hätte im Klubfussball bleiben können, möchte aber bei der Zukunftsgestaltung der Fussball-Schweiz mitmachen: «Weil mir das Land viel gegeben hat und ich so gerne etwas zurückgeben möchte.»
Wie nimmt Murat Yakin seinen neuen Chef auf?
Das Amt des «Chief Sports Officers» (CSO), für dessen Schaffung eine Statutenänderung nötig war, beinhaltet einen grossen Strauss Aufgaben - und damit die Gefahr der Verzettelung. Jurendic will sich zuerst einen Überblick verschaffen, ehe er allenfalls Strukturen anpasst und in einem nächsten Schritt Personal auswechselt. Bei seiner Vorstellung am Dienstag in Bern blieb er punkto seinen Plänen vage, wollte aber nichts ausschliessen, auch nicht gewichtige Veränderungen.
Der neue Super-Boss dürfte frischen Wind in den Verband bringen. Spannend wird zu beobachten sein: Wie finden Jurendic und Murat Yakin zueinander? Letzterer legt wenig Wert auf Konzepte, Jurendic indes schwebt eine einheitliche Denk- und Spielweise vor - von U15 bis A-Nati.
Ein Beispiel, bei dem die Interessen aufeinanderprallen könnten: Ein junger Doppelbürger soll schnell in der A-Nati eingesetzt werden, um die Gefahr eines Nationenwechsels zu bannen. Yakin aber sieht aktuell keine sportliche Notwendigkeit, das Talent aufzubieten. Jurendic sagt: «Ich werde mich nie in die Aufstellung einmischen. Und ich bin überzeugt, dass Murat die Verbandsphilosophie mitträgt.»
Mit Alessandro Romano (Italien) und Winsley Boteli (Kongo) sind zuletzt zwei Talente zu Anwärtern auf ein Nati-Aufgebot geworden, die auch für ein anderes Land spielen könnten. Während Romano gemäss italienischen Medien der «Squadra azzura» schon zugesagt hat, dürfte Sion-Shootingstar Boteli der Schweiz treu bleiben.
Die Entscheidungsfreiheit, so Jurendic, liege letztlich bei den Spielern und deren Umfeld: «Wenn wir als Verband den Spieler als Toptalent eingeschätzt, ihm laufend die Perspektive aufgezeigt und ihn eng begleitet haben, müssen wir uns nichts vorwerfen. Dennoch ist Verbesserungspotenzial da, etwa die noch frühere Kontaktaufnahme mit den Eltern und dem Umfeld. Und ich sehe Chancen in den hunderttausenden Auswanderer-Familien im Ausland.»
Die zweite Baustelle, die Jurendic rasch angehen muss und will: Die Nachwuchskrise, die sich im Schatten der Erfolge der A-Nati akzentuiert. Schweizer Talente erhalten in der Super League viel zu wenig Spielpraxis - ohne Trendwende wird das in fünf bis sieben Jahren die A-Nati spüren. Sie könnte ihr WM- und EM- Generalabo verlieren, auf Kosten kleinerer Nationen, die ihrerseits ihre Talente konsequent fördern.
Jurendic sagt, er habe die negative Entwicklung als Bundesliga-Sportchef wahrgenommen: «Auf den Scoutinglisten wurden junge Schweizer aus der Super League weniger, weil sie entweder als zu teuer oder als nicht bundesligareif eingestuft wurden.» Und das nicht für Dortmund oder Bayern, sondern für die bescheideneren Ansprüche des FC Augsburg.
Das Rüstzeug für eine wichtige Rolle in der A-Nati müssten sich die Spieler im Ausland holen: «Ich wünsche mir, dass das auch in der Schweiz wieder möglich ist.» Dass der Verband den Klubs nicht in die Aufstellung langen könne, sei klar. Es brauche aber auch Mut zur Selbstkritik: «Unsere Ausbildungsstandards wurden vor Längerem gesetzt. Bilden wir in der Schweiz noch zeitgemäss aus? Versorgen wir die Trainer mit dem passenden Rüstzeug? Die Talente sind da, wir müssen Vertrauen in sie haben.»
Viel zu tun für Marinko Jurendic, den neuen Super-Boss.



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