Fussball

Berater und St. Gallen-Sportchef mit Klartext: Warum der Schweizer Transfermarkt am Boden liegt

Zweistellige Millionentransfers in eine Topliga? Früher Standard, heute nur noch die Ausnahme der Regel. Die Super League, eine Ausbildungsliga, verliert im immer schneller drehenden Transferwahnsinn den Anschluss. Ein Insider sagt, warum die Klubs auch selber schuld daran sind.

Produkte der chemischen und pharmazeutischen Industrie, Maschinen, Uhren und Präzisionsinstrumente. Das sind unsere Exportschlager. Fussballer gehören nicht dazu. «Der Wert von Spielern in der Super League ist in den vergangenen fünf bis sieben Jahren massiv gesunken», sagt ein renommierter Spielerberater gegenüber «Schweiz heute». «Das widerspiegelt sich auch in den angebotenen Lohnsummen. Sie sind für vergleichbare Spieler deutlich tiefer als früher.»

Das Transfergeschäft mit Spielern aus der Schweiz darbt. Es kam vor, da wechselten fünf Spieler aus der Super League für mindestens 10 Millionen Euro ins Ausland. Das war in der Saison 23/24. Doch zur Wahrheit gehört auch: Das war nach dem Halbfinal-Einzug des FC Basel in der Conference League, vier der fünf zweistelligen Millionenverkäufe tätigte Rot-Blau. Jenes Jahr ist ein Ausreisser nach oben oder die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Und diese Regel besagt: Die Schweiz wird im internationalen Transfergeschäft immer mehr in die Ecke der Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Vor allem etwas gibt zu denken

Vergleicht man die absoluten Zahlen, ist indes kein Rückschritt erkennbar. Vor zehn Jahren nahmen die Super-League-Klubs 59,4 Millionen Euro ein, in diesem Sommer stehen sie kurz vor Ende der Transferphase bei 83,1 Millionen. Aber zieht man in Betracht, dass a) die Super League von zehn auf zwölf Teams vergrössert wurde und b) das internationale Transfergeschäft in den letzten zehn Jahren regelrecht durch die Decke schoss (nur 9 der 100 teuersten Transfers der Geschichte wurden vor 2016 abgeschlossen), hinkt die Schweiz in der Entwicklung vielen Ländern hinterher.

Wir haben uns damit abgefunden, dass keine Stars von internationaler Strahlkraft in die Schweiz wechseln wie noch vor der Jahrtausendwende. Auch haben wir hingenommen, dass innerhalb des Landes kaum noch ein Wettbieten um die Aushängeschilder der Liga stattfindet. Aber dass pro Saison in der Regel nur ein, maximal zwei Spieler für mindestens 10 Millionen Euro ins Ausland wechseln, gibt zu denken.

Selbst die Österreicher und die Dänen, denen wir uns auf Ebene Nationalteam überlegen fühlen, weisen die besseren Zahlen auf. Ganz zu schweigen von Portugal. Ein Land, das nur rund eine Million mehr Einwohner hat als die Schweiz. Aber dafür haben sie dort eine Liga, die am Erwachsenen-Tisch sitzt, wenn es um Transfers geht.

Seit 2016 wurden 18 Spieler aus der Super League für 10 und mehr Millionen Euro ins Ausland transferiert. Portugal kommt in einem Jahr fast auf diesen Wert. Sagenhafte 610,5 Millionen Euro haben die 18 Klubs der portugiesischen Liga 2024/25 mit Spielerverkäufen eingenommen. Die Super-League-Klubs kamen in jener Saison auf 76,5 Millionen.

Aber auch Belgien und die Niederlande, die wir gerne in Reichweite wähnen, performen im Transferbereich um Welten besser als die Schweiz. Beide verkaufen regelmässig zehn und mehr Profis für zweistellige Millionenbeträge und nehmen durch Spielerverkäufe jeweils zwischen 300 und 500 Millionen pro Saison ein.

Europacup-Auftritte bestimmen den Marktwert

Die Klubs aus Portugal, Belgien und den Niederlanden haben mittlerweile eine wirtschaftliche Potenz erreicht, dass sie nicht allein auf die Absatzmärkte der Top-5-Ligen (England, Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland) angewiesen sind. Die drei Emporkömmlinge dealen auch untereinander im Bereich von über 10 Millionen Euro.

Für die ganz grossen Dinger aber brauchen sie – wie alle Länder – schon die Premier League. Beispielsweise Manchester United, das vor vier Jahren für den Brasilianer Anthony 95 Millionen Euro an Ajax Amsterdam überwies. Oder Chelsea, das im selben Jahr den Argentinier Enzo Fernandez für 121 Millionen von Benfica Lissabon verpflichtete.

121 Millionen. Diese Marke haben alle Super-League-Klubs zusammen erst einmal geknackt. In der Rekordsaison 23/24 (146 Millionen), als der FC Basel mit Calafiori, Amdouni, Ndoye und Diouf gleich vier Spieler für zweistellige Millionenbeträge verkaufte. Zudem wechselte damals auch Fabian Rieder für 15 Millionen von YB zu Rennes.

Was sind die Gründe, dass die Schweiz im internationalen Transfergeschäft bestenfalls noch ein Junior-Partner ist? Ein entscheidender Faktor für den Marktwert sind Spiele im Europacup. 20 Tore in der Super League sind diesbezüglich weniger wert als 5 Treffer in der Europa League. «Die wichtigste Frage, die sich ausländische Klubs stellen, wenn sie sich für einen Spieler aus der Schweiz interessieren: Wie hat der Spieler im Europacup oder in der Nationalmannschaft performt?», sagt der Spielerberater, der anonym bleiben möchte, zu «Schweiz heute».

Gute Leistungen in der Super League sind kein Referenzwert. Bestes Beispiel dafür ist der FC Thun: Obwohl man den Titel gewonnen hat, konnten die Thuner keinen ihrer Meisterhelden für mehr als vier Millionen verkaufen. Klubs aus den Top-5-Ligen zeigen kaum Interesse für Thuner Spieler, weil schlicht die internationalen Vergleiche im Europacup fehlen.

Belgien hat sich einen guten Ruf erarbeitet

Roger Stilz, Sportchef beim FC St. Gallen und früher in Deutschland und Belgien tätig, sagt: «Belgien hat sich hinter den Top 5 etabliert, weil die Teams im Europacup gut abschneiden. Die Spieler beweisen sich auf dem Niveau, die Klubs nehmen mehr Geld ein, sie können andere Spielergehälter zahlen und in die Infrastruktur investieren.»

War früher die Serie A das gelobte Land, ist es heute England. Dass ein Spieler aus der Super League direkt in die Premier League wechselt, ist ein äusserst seltenes Ereignis. Ganz anders die Situation in Belgien. Die Jupiler Pro League ist zum wichtigsten Zulieferer der grössten Klubs geworden. «Auffällig viele Spieler aus Belgien wechseln nach England», sagt Stilz. Und warum? «Weil die englischen Klubs mit Spielern aus Belgien gute Erfahrungen gemacht haben. Inzwischen ist allen europäischen Topklubs klar: Setzt sich ein Offensivspieler in der harten, aggressiven belgischen Liga durch, ist er bereit für eine der Top-5-Ligen.»

Welchen Einfluss ein erfolgreiches Engagement in Belgien auf den Marktwert haben kann, zeigt das Beispiel von Ardon Jashari. 2024 wechselte er für 6 Millionen Euro von Luzern nach Brügge. Nur ein Jahr später ist die AC Milan bereit, 36 Millionen für den Mittelfeldspieler zu bezahlen.

Der Spielerberater nennt weitere Gründe, warum die Schweizer Klubs im Transfergeschäft den Anschluss zu verlieren scheinen. Zum einen existiere keine Zusammenarbeit mehr innerhalb der Liga. «Früher verkauften kleinere Vereine ihre Spieler gegen eine Weiterverkaufsbeteiligung an Basel oder YB, im Wissen, dass sie von dort für Geld ins Ausland wechseln können. Doch Luzern, St. Gallen oder der FCZ betrachten YB und Basel nicht mehr als übermächtig und geben ihnen keine Spieler mehr ab. Heute ist es sogar schwierig, einen Spieler aus der Challenge League zu holen, weil die Klubs dort überrissene Preise verlangen.»

Und dann würden die Sportchefs zu wenig mit den Beratern zusammenarbeiten: «Klubs in anderen Ländern nutzen das Netzwerk der Berater, in der Schweiz ist die Hemmschwelle diesbezüglich viel zu hoch. Damit gehen den Klubs höhere Ablösesummen durch die Lappen. Schickt man den Berater los, um den Spieler anzupreisen, generiert das viele Interessenten. So steigt der Preis. Es profitieren der Spieler mit mehr Lohn, der Klub mit einer höheren Ablösesumme und der Berater mit einer höheren Provision. Für mich ist es unverständlich, dass die Sportchefs in der Schweiz diesen Hebel zur Preissteigerung nicht nutzen.»

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