Inzwischen wird fast alles auf eine Frage reduziert: Sage mir, wie es Tristan Scherwey (34) geht und ich sage Dir, wie es um den SCB steht. Erst ein Kraftakt des «alten Löwen» machte am Samstag einen 4:0-Sieg gegen Biel und damit ein Vorrücken in die zweite Play-In-Runde gegen die Lakers möglich.
Seit 2006 ist Tristan Scherwey beim SCB, seit 2010 gibt es den «Faktor Scherwey». Er bringt an einem guten Abend alle Eigenschaften aufs Eis, die den wahren SCB ausmachen. Härte, Leidenschaft, Emotionen, Begeisterung, Unnachgiebigkeit, Schlauheit – und Erfolg. Als er 2019 seinen Vertrag um sieben Jahre prolongierte – damals der längste in unserem Hockey – war das weniger eine Vertragsverlängerung als eine Selbstverständlichkeit.
Wer sonst sollte diesen Klub verkörpern, wenn nicht er? Und so lange der SCB zehn, elf weitere Spieler mit einer ähnlich guten Einstellung hatte, dominierte er die Liga fast nach Belieben und holte regelmässig seine Titel. Zuletzt dreimal zwischen 2016 und 2019. Inzwischen ist Tristan Scherwey nicht mehr einer von vielen unter gleich guten, sondern einer unter vielen weniger guten. Der SCB ist seit der letzten Meisterfeier von 2019 nie mehr über den Viertelfinal hinausgekommen.
Diese Saison war Tristan Scherwey lange nur noch ein Schatten seiner selbst. Er konnte das Gaspedal noch so tief durchtreten – er kam einfach nicht auf Touren und der SCB nicht in Fahrt. Er zahlt den Preis für seinen generösen Einsatz. Im letzten Frühling sagte der zweifache WM-Silberheld (2018, 2024) sogar die WM ab. Weil die Schulter zwickte.
Der alte Löwe muss seine Kräfte bündeln
Nach all den Jahren, all den Kollisionen, all den Schlägen, all dem «Crash-Bumm-Bang» seines Spiels trägt sein Körper die Spuren wie ein alter Löwe seine Narben. Es reicht nicht mehr, um vom September bis im April zu «fräsen», die Kräfte müssen gebündelt werden für Spiele wie jenes vom Samstagabend gegen Biel. Ein Spiel gegen das Saisonende. Bei einer Niederlage wäre alles vorbei gewesen.
Gegen Biel haben wir wieder einmal den wahren, den echten Tristan Scherwey gesehen. Statistisch ist seine Rolle schnell erzählt. Während der Qualifikation sammelte er 0,24 Punkte pro Spiel. Ein Wert, so kühl wie ein Januarabend in der PostFinance-Arena. Doch in diesem einen, entscheidenden Spiel gegen Biel (4:0) bereitet er zwei Tore (zum 1:0 und 3:0) vor. Zwei Assists, garniert mit vier Strafminuten und einer formidablen Plus-2-Bilanz.
Tristan Scherwey ist keiner, der gerne erklärt. Er macht. Er mag in der Krise am Buffet der Niederlagen keine kalten Häppchen servieren. Wenn der SCB aus der Spur geraten ist, reden nach Niederlagen andere: Diplomaten wie Ramon Untersander werden von den Medienschaffenden befragt, um die Niederlagen zu analysieren und bei Bedarf schönzureden wie PR-Berater eine Regierungskrise. Darum gibt es eine einfache Regel in Bern: Sage mir, ob nach dem Spiel auf einmal alle mit Tristan Scherwey reden wollen – und ich sage dir, wie gut der SCB war.
Nach diesem 4:0 gegen Biel wollen alle hören, was er sagt. Weil er wieder der war, der er immer sein will, aber im Alter von 34 Jahren halt nicht mehr immer sein kann: der Leitwolf eines Klubs, der nur dann wirklich lebt, wenn einer vorausgeht – mit Emotionen, mit Leidenschaft und mit dem alten bernischen Glauben, dass Hockey manchmal weniger eine Frage des Talentes und der Taktik ist als des Herzens.
Und als Tristan Scherwey gefragt wird, ob er denn nun fit sei und keine Schmerzen mehr habe, sagt er: «Ich fühle mich sehr gut. Aber nach einem Spiel tut immer etwas weh.» So ist das: Wer sich in Schüsse wirft, checkt und Checks aushält wie Tristan Scherwey, dem tut hinterher immer etwas weh.
Wie weit der SCB diese Saison noch kommt, ob es reicht, um die Lakers zu bodigen und im Viertelfinal vielleicht gar Davos – das hängt ganz wesentlich vom «Faktor Scherwey» ab. Was zur Frage führt: Wo wäre eigentlich Gottéron, wenn der SCB-Vorkämpfer in Fribourg geblieben wäre? Im Sommer 2006 haben die Berner Gottéron einen wilden Junior ausgespannt, der soeben in 28 Partien 46 Punkte gebucht und 80 Strafminuten verbüsst hatte: Tristan Scherwey. Er ist inzwischen mit dem SCB fünf Mal Meister geworden. Gottéron wartet noch immer auf den ersten Titel. Und auf einen wie Tristan Scherwey.



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