Fussball

Infantino gibt auf – Uefa fordert Konsequenzen nach «schäbigem Deal»

Nach massiver Kritik hat Gianni Infantino seine Investorenpläne vorerst gestoppt. Der Fifa-Boss fühlt sich missverstanden.
Uefa-Boss Aleksander Ceferin hat Fifa-Präsident Infantino scharf kritisiert.
Bild: AP

Aus den Worten Gianni Infantinos waren verletzter Stolz und Unverständnis herauszulesen. Er habe doch nur das Beste gewollt, und zwar für alle. Und wenn ihr das nicht wollt, kann ich euch auch nicht helfen. Nach beispielloser Kritik beendete der Fifa-Präsident damit sein Vorhaben, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren zu verkaufen. Die Erklärung, die Infantino tief in der europäischen Nacht versenden liess, stoppte aber nur kurz die Eskalation: Die Uefa reagierte mit einem Schreiben, das einer Kriegserklärung gleichkam.

«Unser Ziel war und ist es stets, zu vereinen und Verbesserungen zu bewirken», versicherte Infantino treuherzig: «Nach sorgfältiger Abwägung aller Standpunkte ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat, die - ungeachtet des Ausmasses der Unterstützung - nicht mehr im Sinne des ursprünglich verfolgten Ziels ist.»

Zum Wohle des Fussballs habe der 56-jährige Schweizer die Weltmeisterschaften zumindest teilweise für Milliardensummen an private Finanzmächte verkaufen wollen. Und zum Wohle des Fussballs sehe er nun davon ab. Zumindest vorerst. So stellte es Infantino dar, gegen den sich in den rund 100 Stunden zuvor zuvorderst eine Front der Empörten formiert hatte.

«Schäbiger und undurchsichtiger Deal»

In den kommenden Tagen wolle Infantino «alle interessierten Parteien wieder zusammenbringen», schrieb er, «geleitet von unserem gemeinsamen Interesse am Fussball und mit dem Ziel, den Fussball überall weiter voranzubringen, insbesondere in jenen Ländern, die unsere Unterstützung am meisten benötigen.»

Für Europas Kontinentalverband klang dies wie Hohn. In einer mit Bedacht formulierten Mitteilung griffen die Uefa und ihr Chef Aleksander Ceferin den zurückrudernden Infantino frontal an. Er habe «einen schäbigen und undurchsichtigen Deal» eingefädelt, hiess es. Dass dieser gescheitert sei, sei zwar «ein Sieg für den gesamten Fussball. Aber das darf nicht das Ende sein.»

Infantino habe seine Wahlversprechen von 2015 gebrochen, als er Transparenz angekündigt habe und die Verwendung der Fifa-Gelder zum Wohle des Fussballs: «Wir können nicht länger so weitermachen.» Deshalb werde die Uefa «unverzüglich» mit weltweiten Partnern einen «neuen Weg» erarbeiten.

Verbände fordern Neuausrichtung

DFB-Präsident Bernd Neuendorf warf Infantino vor, «eigenmächtig, intransparent und unverantwortlich» gehandelt zu haben. Wie der englische Verband FA fordert auch der Deutsche Fussball-Bund eine Neuausrichtung. «Wir müssen dafür sorgen, dass bei der Fifa grundsätzlich eine andere Kultur einzieht», sagte Neuendorf auf SID-Anfrage.

Das Ausmass der Rebellion vornehmlich in Europa und Asien, die zunächst auch die Androhung eines Boykotts von Weltmeisterschaften beinhaltete, zeigt eindrücklich, dass Infantino mit seinem klandestinen und ichbezogenen Handeln eine Rote Linie überschritten hatte.

Der Weltverband hatte am Dienstag mitgeteilt, dass dieser die Gründung der Fifa Forward Enterprise (FFE), einer Tochtergesellschaft, die alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln sollte, plane. Private Investoren hätten über diesen Weg Anteile an Fifa-Events erwerben können.

Im Klartext: Die Männer-WM, Filetstück der Fussballvermarktung und sportliches Weltkulturerbe, stand zum Verkauf. Das sollte einerseits auch kleinen Landesverbänden viele Millionen an Zusatzeinnahmen bringen. Andererseits hätte dies Infantino geholfen, seine Macht zu sichern. Durch den grösseren Rückhalt der versorgten Verbände. Und womöglich durch den leitenden Posten in der FFE.

Infantino will sich im kommenden Jahr im Amt bestätigen lassen

Infantino will sich im kommenden Jahr in Marokko, wo er während der Eskalationstage auf «Staatsbesuch» weilte, im Amt bestätigen lassen. Nach derzeitigem Reglement zum letzten Mal - 2031 wäre dann für ihn Schluss. Die Leitung der FFE wäre somit für Infantino eine Möglichkeit, als eine Art Schattenpräsident weiter an der Macht zu bleiben.

Doch von einer Wiederwahl, so zeigt es die Kriegserklärung der Uefa , ist Infantino nun womöglich weiter entfernt, als er es sich je hat vorstellen können. Seine Gegner, ja: Feinde, sind mächtig. Vor allem die Uefa und Ceferin demonstrieren erneut sehr entschiedene Handlungsbereitschaft - wie 2021 bei der «Niederschlagung» der Super-League-Rebellen.

Infantino bleibt nun die für ihn überraschend Erkenntnis, dass sein Spielraum Grenzen hat. Und die Rolle als missverstandener Wohltäter. «Niemand verkauft den Fussball», hatte er beschwichtigt und «fehlerhafte Berichterstattung in den Medien» für eine anderweitige Wahrnehmung verantwortlich gemacht. Als Taktik wird dies womöglich nun nicht ausreichen. (sid)

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