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Der neue FC Wunder: Diesen Titel verliert der FC Aarau schon bald an den FC Thun

Bevor die Meisterkorken knallen, stellt sich Erstaunliches heraus: Die Berner Oberländer hinken in einer Disziplin sogar dem Schlusslicht Winterthur hinterher und sind in der Super League besser als in der zweitklassigen Challenge League.

«Mittlerweile wäre es ein Wunder, wenn der FC Thun das Wunder noch aus der Hand gibt», lautete eine treffende Schlagzeile nach dem 2:1 im Berner Wankdorf, gleichbedeutend mit dem ersten Auswärtssieg gegen Kantonsrivale YB seit neun Jahren. 14 Punkte beträgt der Vorsprung auf den ersten «Verfolger» St. Gallen, neun Runden vor Schluss. In Thun dürfen sie den Champagner getrost kalt stellen, schon bald wird das grösste Wunder der Schweizer Fussballgeschichte wahr.

Wann darf gefeiert werden?

Der frühestmögliche Termin für eine Meisterparty ist das Osterwochenende Anfang April. Dann gastiert Thun in Lugano, und wenn zuvor die Spiele zuhause gegen GC sowie auswärts gegen den FC Zürich gewonnen werden, und St. Gallen bis dahin gegen Lugano und in Sitten maximal einen Punkt holt, liegt der Titel bei einem Thuner Erfolg im Tessin tatsächlich im Osterkörbchen.

Aus eigener Kraft kann Thun (Stand heute) frühestens in der 34. Runde Meister werden. Sollte Verfolger St. Gallen bis dahin alle Spiele gewinnen, braucht Thun auch eine Serie von fünf Siegen in Folge, um frühzeitig als Meister festzustehen. Die 34. Runde findet am 25./26. April statt. Und gegen wen spielt Thun dannzumal? Das ist noch nicht bekannt, weil der Spielplan der Finalrunde noch nicht steht.

Erstmals seit neun Jahren gewinnen die Thuner in Bern (im Bild Siegtorschütze Lucien Dähler): Der nächste Schritt in Richtung Meistertitel.
Bild: Claudio De Capitani

Geld schiesst Tore, oder?

Jedenfalls nicht in der Super League, hier ist primär gute Arbeit der Trainer und Sportchefs gefragt. Als Aufsteiger und nach fünf Jahren in der Challenge League lag der Marktwert der Thuner zu Saisonbeginn bei 7,3 Millionen Franken (Quelle transfermarkt.ch). Zum Vergleich: Kantonsrivale YB startete mit mehr als zehn Mal wertvollerem Material – und liegt nach der Derby-Niederlage am Sonntag nun bereits satte 26 Punkte hinter Thun.

Mittlerweile werden die Berner Oberländer mit 14,3 Millionen geführt. Das entspricht zwar einer Wertsteigerung von 96 Prozent. Doch ausser Schlusslicht Winterthur hat Thun in dieser Saison in der Marktwert-Tabelle kein anderes Team überholt.

Was die Leistungen der Thuner auf dem Platz nur noch wertvoller macht: Sie verfügen mit Abstand über die wenigste Super-League-Erfahrung aller zwölf Teams. Dass diese kein Indikator für Erfolg ist, beweist das Team mit den meisten Super-League-Minuten in den Spielerbeinen - der inferiore FC Winterthur.

Königsklasse im Berner Oberland?

Die Stockhorn-Arena ist zwar ein fantasieloser Betonblock, bietet dafür bei der richtigen Platzwahl eine wunderbare Aussicht auf die Berner Voralpen. Über diese werden sich, sollte sich der FC Thun tatsächlich für die Königsklasse qualifizieren, die Gästefans freuen können. Denn ihre Reise wird ins 44'000 Einwohner grosse Städtchen am Thunersee führen – und nicht an einen Ausweichspielort: Die 8500 Plätze in der Stockhorn-Arena entsprechen gerade so den Minimal-Anforderungen der Uefa.

8500 Plätze fasst die Stockhorn-Arena: Findet hier nächste Saison Champions-League-Fussball statt?
Bild: ANTHONY ANEX

Und wie man aus dem Berner Oberland hört, wollen die Verantwortlichen lieber auf Mehrreinnahmen in einem grösseren Ausweichstadion verzichten statt auf den Heimvorteil. Um den Menschen in der Region etwas zurückzugeben.

Übrigens: Der diesjährige Schweizer Meister erhält einen Startplatz in der 2. Qualifikationsrunde zur Champions League, muss also drei Runden bis zum Einzug in die lukrative Liga-Phase überstehen. Allen Teilnehmern dort sind 20 Millionen Franken Uefa-Prämien garantiert.

Profitiert der FC Thun einfach nur vom Kunstrasen?

«Auf jeden Fall» lautet die Antwort mit Blick auf die Heimtabelle: Kein Team holt zuhause mehr Punkte als der FC Thun. Angesichts von nur drei Mal Kunstrasen in den zwölf Super-League-Stadien also ein klarer Vorteil.

«Sicher nicht» lautet die Antwort mit Blick auf die Auswärtstabelle: Kein Team holt auf fremden Plätzen mehr Punkte als der FC Thun. In dieser Kategorie ist der Vorsprung der Berner Oberländer sogar drei Mal grösser als in der Heimtabelle. Ebenfalls gegen die These spricht der Fakt, dass den Thunern am Sonntag in Bern der erste Auswärtssieg auf Kunstrasen gelang.

Fazit: Trainer Mauro Lustrinelli und seine Spieler kommen einfach viel besser als die Konkurrenz mit dem Unterlagen-Wechsel klar.

Wer wurde sonst als Aufsteiger Meister?

In der Schweiz wurde erst einmal der Aufsteiger sogleich Meister. 1952 holten die Grasshoppers den Titel in der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg. Und im Ausland? In guter Erinnerung ist der Triumph des 1. FC Kaiserslautern, der 1998 mit Trainer Otto Rehhagel und Captain Ciriaco Sforza als Aufsteiger Meister wurde.

In England gab es derweil schon drei Vereine, denen dieses Kunststück gelang: Tottenham Hotspur (1951), Ipswich Town (1962) und Nottingham Forest (1978). Das Team aus der Stadt von Robin Hood setzte danach seinen Aufstieg sogar noch fort und holte sich 1979 und 1980 den Meistercup.

Aber zurück in die Schweiz: Zumindest ein halber «Aufsteiger» war der FC Aarau, als er 1993 Meister wurde. Er stand nämlich im Jahr zuvor in der Abstiegsrunde mit mehr als anderthalb Beinen in der Nationalliga B. Und entging dem Abstieg nur deshalb, weil der FC Basel in der letzten Runde auswärts in Yverdon gewann. Ein Jahr später war Aarau Meister. Nun dürfte der FCA die Auszeichnung für das grösste Fussballwunder der Schweiz in Kürze an den FC Thun verlieren.

Der FC Aarau wird 1993 Schweizer Meister: Den Übernamen «FC Wunder» wird 33 Jahre später nach Thun weiterwandern.
Bild: WALTER BIERI

Wie stand es um Thun vor einem Jahr?

Vor exakt einem Jahr schlug Thun in der Challenge League Lausanne-Ouchy 2:1. Die Tore erzielten Genis Montolio und Lucien Dähler. Beide standen auch vorgestern beim Sieg gegen die Young Boys in der Startformation. Captain Leonardo Bertone, Justin Roth, Franz-Ethan Meichtry und Elmin Rastoder gehörten ebenfalls schon vor einem Jahr zum Stamm.

Was auch auffällt: Vor zwölf Monaten lag der FC Thun in der Challenge League noch nicht einmal auf Aufstiegskurs. Durch ein 2:2 im Heimspiel gegen Nyon am 28. Februar 2025 rutschte er hinter den FC Aarau auf den 2. Platz ab. Zwischen Mitte Februar und Ende März gewannen die Berner Oberländer in der Challenge League nur drei von sechs Spielen.

Am 4. April 2025 eroberte Thun den Leaderthron dank des 3:0 gegen den späteren Absteiger Schaffhausen zurück. In den letzten 365 Tagen holte Thun ligaübergreifend in 40 Meisterschaftsspielen 91 Punkte. Der Punkteschnitt in der Super League ist dabei höher (2,29), als er es in der letztjährigen Challenge-League-Saison war (2,0).

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