Fussball-WM 2026

Wie gut Murat Yakin tatsächlich ist und weitere Erkenntnisse nach dem 4:1 unserer Nati

Unser Nati-Trainer brilliert als strategisches Mastermind. Hinten haben wir noch ein Problem. Und warum für die Nati Platz 2 mehr Vorteile bringt als der Gruppensieg. Erkenntnisse nach dem Erfolg gegen Bosnien-Herzegowina.
Die Schweizer Nati bejubelt den Penaltytreffer von Granit Xhaka und gleichzeitig das 4:1-Endresultat gegen Bosnien und Herzegowina.
Bild: Keystone

Nach dem Sieg gegen Bosnien-Herzegowina ist praktisch klar: Die Schweiz zieht in die K.o.-Phase ein. Selbst wenn sie am Mittwoch ihr letztes Gruppenspiel gegen Co-Gastgeber Kanada verliert, werden die vier Punkte reichen, um sich zumindest als einer der acht besten Gruppendritten für die Sechzehntelfinals zu qualifizieren. Wir sagen, welche Erkenntnisse der zweite Auftritt unserer Nati sonst noch geliefert hat.

Ruefers Verzweiflung: Yakin antwortet mit einem strategischen Meisterwerk

Egal ob in Basel, Schaffhausen oder in der Nati: Murat Yakin liebt es, sich vor Spielen intensiv mit dem Gegner und der eigenen Mannschaft auseinanderzusetzen, um sich einen Plan zurechtzulegen. Strategie ist für ihn so etwas wie die wichtigste Triebfeder. Es ist das, was ihn am meisten an seinem Job fasziniert, ihn fesselt und immer wieder antreibt.

Murat Yakin bejubelt mit den Fans den Sieg.
Bild: Toto Marti/Blick/Freshfocus

Nach aussen wirkt es oft, als falle Murat Yakin alles, was er tut, einfach. Als könne er sich allein auf seine Intutition verlassen. Klar, er vermittelt ja auch nicht den Eindruck des verbissenen Ehrgeizlings. Eher ist er der gelassene Typ Trainer. Einer, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringt. Der eine Fünf auch mal gerade stehen lassen kann. Bei sich, aber auch bei seinen Mitmenschen.

Aber es steckt bei Yakin viel mehr akribische Arbeit dahinter, als es den Anschein macht. Strategie erstellen, verwerfen, erstellen, verwerfen. Nie gibt er sich mit der naheliegenden Lösung zufrieden. Weshalb er Dinge austüftelt, auf die sonst keiner kommen würde: Aebischer als Aussenverteidiger, Aebischer als Flügel, Zakaria als Aussenverteidiger, Duah an der EM 2024 als Startelf-Stürmer – und so weiter.

Yakin sagte mal: «In der Theorie gewinne ich mit meinem Plan jedes Spiel.» Das ist sein Antrieb. Und weil er die Gabe und die enorme Lust hat, Denkarbeit zu verrichten und Strategien zu entwickeln, ist er eben auch im Schachspiel nur schwer zu bezwingen.

Doch Yakin ist nicht unfehlbar. Den späten Ausgleich gegen Katar schreibt er auch sich zu, weil er kurz zuvor Miro Muheim für Ricardo Rodriguez einwechselt, obwohl die Abwehr bis zu jenem Zeitpunkt anständig funktioniert hat.

Gegen Bosnien-Herzegowina verblüfft er einmal mehr mit seiner Aufstellung. Mit Ndoye und Embolo nominiert er nur zwei vornehmlich offensiv ausgerichtete Spieler. Für viele ist das zu wenig, um gegen den defensiv äusserst soliden Gegner etwas auszurichten. Doch Yakin hat seinen Plan. Und er hat die Ruhe weg, trotz oder gerade wegen der Kritik nach dem Startspiel. Er plant nicht, das Spiel in der ersten Halbzeit zu gewinnen. Er will erst mal Stabilität, die Null hinten, er will Ballbesitz, um den Gegner zu viel Laufarbeit zu zwingen, und erst dann die Offensive forcieren, wenn der Gegner nicht mehr frisch ist.

Als Bosnien-Herzegowina um die Stundenmarke immer mehr vom Spiel hat, ist TV-Kommentator Sascha Ruefer nicht der Einzige, der etwas besorgt in die Runde fragt: «Wann wechselt der Trainer endlich?» Ja, es ist offensichtlich, dass in der Offensive nichts mehr kommt. Doch Yakin lässt sich nicht beirren. Sein Plan: In der zweiten Trinkpause den Schalter auf Attacke umlegen, drei neue Kräfte für die Offensive bringen und den Sieg suchen.

Es gelingt. Der eingewechselte Johan Manzambi trifft doppelt. Der eingewechselte Ruben Vargas verbucht ein Tor und zwei Assists. Und der eingewechselte Djibril Sow holt den Penalty heraus, den Granit Xhaka zum 4:1 verwertet. Drei Joker stechen. So etwas nennt man auch einen Trainer-Sieg. Oder: Yakin ist in WM-Form. Und er ist weder krank noch körperlich angeschlagen, wie der «Blick» vor dem Bosnien-Spiel behauptet hatte. Er soll sich lediglich eine ganze leichte Erkältung zugezogen haben.

Johan Manzambi liefert nach seiner Einwechslung ab: Er schiesst zwei Tore.
Bild: Keystone

Platz 2 wäre vielleicht sogar besser

Gewinnt die Schweiz am Mittwoch in Vancouver gegen Kanada, wird sie die Gruppe auf Platz 1 abschliessen. Bei einem Unentschieden bliebe sie auf Platz 2. Aber was ist besser?

Nun: Wenn die Schweiz als Gruppensieger in die Sechzehntelfinals steigt – gegen einen Gruppendritten – und gewinnt, wird sie, wenn alles nach Papierform läuft, im Achtelfinal auf Portugal treffen. Das wäre einerseits reizvoll, weil es da noch etwas zu klären gibt: Stichwort 1:6 im WM-Achtelfinal 2022. Aber Portugal wäre eben auch ein richtig harter Brocken.

Mit Portugal hat die Schweiz noch eine Rechnung offen. An der WM 2022 gab es im Achtelfinal eine 1:6-Klatsche.
Bild: Keystone

Ein weiterer Nachteil, wenn die Schweiz auf Platz 1 abschliesst, ist die lange Wartezeit zwischen Gruppenphase und Sechzehntelfinal. Eine Pause kann zwar nicht schaden. Aber zwischen letztem Vorrunden- und erstem K.o.-Spiel (in Vancouver) würde diese acht Tage betragen. Dabei besteht die Gefahr eines Spannungsabfalls.

Ein 2. Platz hätte den Vorteil, dass man im Rhythmus bleibt. Der Sechzehntelfinal würde bereits am Sonntag stattfinden. Und zwar im SoFi-Stadion in Los Angeles, wo die Schweiz eben gegen Bosnien-Herzegowina gewonnen hat und das nicht weit vom Camp in San Diego entfernt liegt.

Als Gruppenzweiter würde die Nati auf den Zweiten der Gruppe mit Mexiko, Südkorea, Tschechien und Südafrika treffen. Im Achtelfinal käme es zur Affiche mit dem Sieger der Gruppe F mit Schweden und Holland oder dem Zweiten der Gruppe C mit Marokko und Brasilien. Tönt ebenfalls anspruchsvoll.

Hinten haben wir noch ein Problem

Wenn die Nati irgendwo in der Defensive kein Problem hatte, dann auf der Innenverteidiger- und Goalie-Position. Diese Regel gilt nicht unbedingt für die Aussenverteidiger. Klar, links ist Ricardo Rodriguez immer noch ein verlässlicher Wert. Aber dahinter tut sich eine grosse Lücke auf. Ein adäquater Stellvertreter ist nicht in Sicht.

Die eigentliche Problemzone ist jene hinten rechts. Gegen Katar versuchte es Yakin mit Denis Zakaria. Der Romand machte seine Sache nicht schlecht. Aber er ist nun mal ein Zentrumsspieler, der nicht den Drang hat, an der Linie entlang bis zur Grundlinie zu stürmen.

Gegen Bosnien-Herzegowina gab Yakin dem einzigen nominellen Rechtsverteidiger die Chance: Silvan Widmer. Defensiv erfüllte er seinen Job. Und offensiv versuchte er, sich einzubringen. Aber seine Pass- und Flankenqualität ist – gelinde gesagt – ausbaufähig. Und mit jeder missratenen Aktion schrumpfte sein Selbstvertrauen, wurden seine Vorstösse zaghafter und seltener.

Silvan Widmer hat Defizite offenbart.
Bild: Toto Marti/Blick/Freshfocus

Yakin scheint die ideale Lösung für die Rechtsverteidiger-Position noch nicht gefunden zu haben. Es würde nicht erstaunen, wenn er gegen Kanada etwas austüftelt und die nächste Tischbombe zündet, deren Inhalt so unerwartet wie überraschend ist. Dafür steht Yakin.

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