Fussball

Nächster WM-Skandal: Embolo-Rot war nicht regelkonform

Für alle mit Schweizer Brille war klar: Man hat uns den sensationellen Einzug in den WM-Halbfinal geklaut. Nun sind auch die Gralshüter des Fussball-Regelwerks zum Schluss gekommen: Der Platzverweis gegen Embolo beruhte auf einer falschen Regelauslegung.

Die Schweiz gleicht durch Dan Ndoye aus. Die Schweiz dominiert. Die Schweiz drückt auf das 2:1. Nicht gegen irgendwen und nicht in irgendeinem Spiel. Sondern gegen den Weltmeister Argentinien im WM-Viertelfinal. Für viele scheint in diesen Momenten klar zu sein: Die Schweiz wird dieses Spiel gewinnen, bevor es in die Verlängerung gehen wird und sensationell in den Halbfinal einziehen.

Doch es kommt anders. Wenige Minuten nach Ndoyes Treffer zum 1:1 liegt Breel Embolo am Boden. Schiedsrichter Joao Pinheiro zeigt dem argentinischen Haudegen Paredes die Gelbe Karte. Darauf meldet sich der VAR. Unter Berufung auf die Regel «mistaken identity» – also Verwechslung eines Spielers – nimmt Pinheiro die Verwarnung gegen Paredes zurück, zeigt stattdessen Embolo Gelb für eine Schwalbe. Und weil der Schweizer bereits verwarnt war - notabene eine Fehlentscheidung - wurde er des Feldes verwiesen. Die bittere Fortsetzung: Die Nati rettet sich zwar in die Verlängerung, kassiert in dieser aber zwei Gegentore und verliert mit 1:3.

Natürlich wurde über Embolos Platzverweis kontrovers diskutiert. Die einen schrien Skandal. Die anderen sprachen von der dümmsten Roten Karte der WM-Geschichte. Doch nun ist klar: Der portugiesische Schiedsrichter Pinheiro hätte Embolo nicht vom Platz stellen dürfen. Zu diesem Schluss kommt das International Football Association Board (Ifab) – das Gremium, das über die Regeln des Fussballs entscheidet. Das geht aus einem Bericht von «The Athletic» hervor. Das Online-Sportmagazin der «New York Times», zitiert aus einem Ifab-Rundschreiben, das bislang nicht öffentlich zugänglich ist.

Die Szene im Video:

Das Ifab ist die höchste Regelinstanz des Weltfussballs. Ihm gehören die vier britischen Fussballverbände aus England, Nordirland, Schottland und Wales sowie die Fifa an. Das Gremium - auch als Gralshüter der Fussballregeln bezeichnet - legt die Spielregeln fest. Auch jene, nach denen an einer WM gepfiffen werden muss.

Aus einem Foul darf man keine Schwalbe machen

Die Regelhüter stellen klar, dass die «Mistaken Identity»-Regel ausschliesslich dafür gedacht ist, einen falsch bestraften Spieler zu identifizieren. Sie darf nicht dafür verwendet werden, den ursprünglichen Entscheid vollständig umzudeuten – also aus einem Foul nachträglich eine Schwalbe zu machen. Diese WM-Auslegung wurde den Teams und natürlich auch den Schiedsrichtern vor Turnierbeginn kommuniziert.

Das heisst: Der VAR hätte im Fall Embolo aus zwei Gründen nicht eingreifen dürfen, auch wenn es keine zwei Meinungen darüber gibt, ob es eine Schwalbe war. Denn die Verwarnung gegen Paredes war seine erste Gelbe Karte in diesem Spiel und deshalb nur überprüfbar, wenn eine Identitätsverwechslung vorgelegen hätte. Eine solche wäre es aber nur, wenn das gleiche Vergehen vorliegt: in diesem Fall ein Foul von einem anderen argentinischen Spieler und nicht eine Schwalbe, wofür Embolo dann bestraft wurde.

Das Ifab bestätigt zwar, dass diese Anwendung der Regel mit der nachträglichen Bestrafung von Schwalben positiv aufgenommen worden sei. Deshalb prüft es, diese Regel künftig entsprechend auszuweiten. Doch das Gremium stellt auch klar, dass die Mistaken-Identity-Regel bis zu einer entsprechenden Anpassung des VAR-Protokolls nicht so angewendet werden darf wie dies im «Fall Embolo» passiert ist.

SFV fordert präzise, einfach verständliche Regeln

«Das Ifab-Zirkular betätigt uns in unseren ersten Emotionen während und nach dem Spiel gegen Argentinien», schreibt der Fussballverband (SFV). «Das tut natürlich weh. Am Ergebnis des Spiels lässt sich aber nichts mehr ändern. Es zeigt sich einmal mehr, wie wichtig präzise, einfach verständliche und einheitlich angewendete Spielregeln für den ganzen Fussball sind.»

Für Nati-Trainer Murat Yakin war schon während der Partie gegen Argentinien klar, dass hier ein fussballerischer Justiz-Irrtum vorliegt. Er bestreitet die Schwalbe Embolos nicht. Aber für ihn ist schon die erste Verwarnung gegen seinen Stürmer ungerechtfertigt - was man absolut so sehen kann. Und die zweite sei erst recht ein Fehler gewesen, wie sich nun herausstellt.

Immer wieder pro Argentinien

Wie den meisten Beobachtern wird auch Yakin nicht entgangen sein, dass Argentinien das ganze Turnier über von zweifelhaften Schiedsrichter-Entscheidungen profitiert hat. Lionel Messi hätte gegen Algerien Rot sehen müssen. Im Spiel gegen Ägypten anulliert der VAR aus bis heute unerklärlichen Gründen ein Tor der Nordafrikaner. Und im Final müsste nicht nur Enzo Fernandez, sondern auch Paredes vom Platz gestellt werden. Die Liste ist nicht komplett.

Und was macht der oberste Fussballboss, der Schweizer Gianni Infantino? Als wollte er die Verschwörungstheorien um eine Bevorteilung Argentiniens durch die Fifa noch befeuern, outet er sich in einem Brief als Bewunderer der Albiceleste: «Diese Erfolge sind stets das Ergebnis ständiger Arbeit, Professionalität und Liebe zum Detail, aber auch von Leidenschaft, Engagement und der Liebe zu diesem wunderbaren Sport. All dies verheisst eine vielversprechende Zukunft und wird zweifellos den Weg für neue und grosse Erfolge des argentinischen Fussballs ebnen», soll er dem argentinischen Verbandspräsidenten mitgeteilt haben.

Doch damit nicht genug. Am Montag teilt er auf den sozialen Medien mächtig aus. Ins Visier seiner Wut-Posts nimmt er kritische Fachleute und Medien dieser Welt, weil sie «Hass und falsche Gerüchte» in die Welt setzen würden.«Während ihr spaltet, halten wir zusammen.»

Das müssen sie wohl auch. Zumindest der Fifa-Präsident und Donald Trump. Denn kurz nachdem er seinen Post abgesetzt hatte, erhielt Infantino selbst einen Brief, der um einiges brisanter ist als seine Generalabrechnung mit all den bösen Medienschaffenden.

US-Justiz macht Druck auf Infantino

Absender ist Jamie Raskin, Kongressabgeordneter aus Maryland und ranghöchster Abgeordneter der Demokraten im US-Justizausschuss. Raskins Vorwurf lautet: Korruption zugunsten Donald Trumps. Deshalb fordert er den Schweizer auf, bis zum 9. August alle Unterlagen zu seinen Kontakten mit Trump vorzulegen.

Besonders kritisch sieht Raskin die Anmietung von Büroräumen im Trump Tower durch die Fifa. Auch bezeichnet er die Verleihung des «Fifa-Friedenspreises» an Trump als «urkomisch». Und er fordert die Aufklärung über die umstrittene WM-Ticketpolitik. «Die Fifa hat ihren neu gewonnenen Status als Favorit der Trump-Administration offenbar als Freibrief verstanden, ihre Kunden abzuzocken - insbesondere durch illegales Preistreiben und betrügerische Verkaufstaktiken.»

Raskin verwies auch auf die Einstellung von Korruptionsermittlungen gegen die Fifa durch das US-Justizministerium während Präsident Trumps zweiter Amtszeit: «Das rätselhafte Nachgeben des Justizministeriums ergibt viel mehr Sinn, wenn wir über die dreiste Kampagne der Fifa nachdenken, die sich seit Trumps Wiederwahl einzuschmeicheln versucht.»

SFV überdenkt Support für Infantino

Wir blicken auf eine WM der fragwürdigen, unwürdigen und schlicht auch skandalösen Entscheidungen. Die exorbitanten Ticketpreise. Der an der US-Grenze abgewiesene Schiedsrichter aus Somalia. Fans, die kein Visum erhielten. Argentinier, die ungestraft nach allem treten durften, was sich ihnen in den Weg gestellt hat. Und ein amerikanischer Rotsünder (Folarin Balogun), der nicht mal zur Beichte gehen musste, um reingewaschen zu werden. Und mittendrin immer wieder Gianni Infantino und Donald Trump.

Infantino will sich im Frühling 2027 zur Wiederwahl stellen. Vor der WM schien das eine klare Sache zu sein. Nun kommen einige doch ins Grübeln. Auch im Schweizer Fussballverband will man die Haltung noch einmal überdenken und mit anderen Landesverbänden diskutieren, ob man Infantino weiterhin unterstützen soll.

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