Eishockey-WM

Die Formel zum WM-Titel ist gar nicht kompliziert

Die offensiven Festspiele gehen weiter: Neun Tore gegen Österreich. Aber noch wichtiger ist das «zu null».
Leonardo Genoni bleibt zum 13. Mal an einer WM ohne Gegentor.
Bild: Andreas Becker/Keystone

Draussen wird eine Schönwetter-Phase mit Temperaturen von bis zu 30 Grad erwartet. Drinnen in der Arena gibt es ein Mikroklima mit einem stabilen offensiven Azoren-Hoch. Mit jedem Spiel steigt die Temperatur.

3:1 gegen die USA.
4:2 gegen Lettland.
6:1 gegen Deutschland.
9:0 gegen Österreich.

Und auf dem Programm stehen weitere offensive Festspiele. Am Donnerstag gegen Grossbritannien und am Samstag gegen Ungarn gibt es für eine Mannschaft mit dem offensiven Potenzial der Schweizer nur noch eine Herausforderung: Mindestens ein «Stängeli». Zehn Tore oder mehr. Die Schweizer dominieren alle erdenklichen Spezial-Statistiken: Am meisten Tore, das beste Powerplay (Erfolgsquote 50 %), die höchste Effizienz.

Die letzte echte Prüfung vor dem Viertelfinal wartet erst am kommenden Dienstag im abschliessenden Vorrundenspiel gegen Finnland. Dann dürfte es um Platz eins oder zwei in der Gruppe gehen.

Neu ist diese offensive Herrlichkeit nicht. Die Schweizer stürmen seit Jahren immer wieder durch die sieben WM-Vorrunden-Partien. Das 9:0 gegen Österreich war bereits der 29. Sieg in den letzten 32 Vorrundenspielen. Die Schweiz ist längst Vorrunden-Weltmeister. Schönwetter-Weltmeister. Operetten-Weltmeister. Weltmeister der offensiven Illusionen. Aber eben noch nie: Weltmeister. Das 9:0 ist kein Rekord. Der bisher höchste Sieg bei einer WM: 23:0 gegen Jugoslawien am 4. Februar 1939 in Zürich. Weltmeister wurden wir trotz aller offensiven Herrlichkeit auch damals nicht (Bronze).

Vorsicht ist geboten

Denn so beeindruckend, ja begeisternd das Vorrundenspektakel auch sein mag – entscheidend ist, was nach der Vorrunde kommt. Der Sturm, der zuvor alles mitgerissen hatte, ist jedes Jahr spätestens im Final verebbt. Zuletzt zweimal hintereinander gegen Tschechien (0:2) und die USA (0:1 n.V). Immer fehlte im entscheidenden Moment genau das, was zuvor scheinbar im Überfluss vorhanden war: ein Tor.

Das WM-Spektakel in Zürich wirkt stilsicherer, präziser und überzeugender als jede Schweizer WM-Inszenierung der Neuzeit. Wer diese Spiele beschreibt, wer versucht, Worte für diese immer höher steigende Flut an Torchancen und Toren zu finden, muss vorsichtig werden. Denn sollte tatsächlich erstmals der WM-Titel gewonnen werden, müssten noch genügend Superlative übrig bleiben.

Vielleicht liegt der Schlüssel zum historischen ersten WM-Titel gar nicht primär in der Offensive. Vielleicht sind nicht die neun Tore die wichtigste Erkenntnis aus dem Spiel gegen Österreich. Sondern eine Null.

Leonardo Genoni blieb gegen Österreich zum 13. Mal an einer Weltmeisterschaft ohne Gegentor. Damit hat er den Rekord von Jiří Holeček übertroffen. Aber die tschechische Goalie-Legende war dreimal Weltmeister (1972, 1976, 1977). Der WM-Titel bleibt die finale grosse Herausforderung für Leonardo Genoni.

Und genau darin könnte die eigentliche Weltmeister-Formel liegen. Vorne die Tore. Hinten die Null. So wie beim 9:0 gegen Österreich. Wenn Leonardo Genoni «zu null» spielt, werden wir Weltmeister.

Eigentlich ist die Formel zum WM-Titel gar nicht kompliziert.

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