Für die Klubs bringt die Länderspielpause Anfang November eine Atempause. Auf internationaler Ebene hingegen wird unser Hockey einem Stresstest unterzogen. Seit Jahren auf sportlicher Ebene – und nun erstmals auch sportpolitisch.
Auf den ersten Blick ist die sportliche Bilanz unerfreulich. Die Schweizer haben alle drei Spiele beim ersten Turnieren der Euro Hockey Tour in Helsinki verloren: die WM-Finalrevanche gegen Finnland (1:3), gegen Schweden (2:4) und gegen Tschechien (2:4).
Doch auf den zweiten Blick sind diese drei Niederlagen kein Grund zur Sorge. Auch unter Patrick Fischer haben die Schweizer beim November-Turnier meistens verloren. Die November-Gesamtbilanz unter Fischer: zwölf Spiele, vier Siege. Unter seinem Nachfolger Jan Cadieux sind es nun vorerst drei Niederlagen.
Für alle Teilnehmer ist das November-Turnier in erster Linie eine Sichtungsgelegenheit, um mögliche Kandidaten für das WM-Team im Frühjahr zu finden. Die Schweizer setzten sechs Debütanten ein, die Schweden vier, die Finnen sieben und die Tschechen drei. Das Kräfteverhältnis einmal mehr bestätigt: Die Schweiz verfügt über die wenigsten lizenzierten Spieler, die Basis ist schmaler und die Zahl der Topspieler kleiner. Die Niederlagen sind deshalb logisch. Nur wenn die NHL-Profis dabei sind, ist die Schweiz in der Lage, jede Partie gegen die Grossen zu gewinnen. Auch dann, wenn diese ebenfalls ihre NHL-Profis einsetzen.

Sportlich ist die Bilanz also keineswegs beunruhigend. Sportpolitisch hingegen schon. Für die Sportpolitik ist der Verbandspräsident als Vorsitzender des Verwaltungsrates verantwortlich. So erfolgreich die Schweiz Jahr für Jahr bei Weltmeisterschaften sind – zuletzt dreimal in Folge im WM-Final und inzwischen die Nummer eins der Weltrangliste –, so unglücklich tapsen die Verbandsgeneräle übers politische Parkett.
Der Verbands-Verwaltungsrat hat, noch vor der Amtsübernahme von Marc Lüthi, das grösste politische Eigentor zu verantworten: Für die Wahl in die Exekutive des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF) wurde nicht das bisherige Mitglied Raëto Raffainer nominiert. Sondern ZSC-Manager Peter Zahner. Raffainers Wiederwahl galt als gesichert. Zahner hingegen scheiterte. Damit hat die Schweiz erstmals seit 1986 keinen Vertreter mehr im obersten IIHF-Gremium.
Und nun ist der Verband während der Novemberpause in einen sportpolitischen Stresstest sondergleichen geraten: Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hat entschieden, dass Russland wieder zu den Weltmeisterschaften zugelassen werden muss. Die Reaktionen sind heftig. Bereits sieben Länder haben offiziell angekündigt, bei der WM in Deutschland nicht gegen die Russen anzutreten. Zudem gibt es weitreichende Forderungen von Sponsoren und aus der Politik, am Ausschluss Russlands von allen WM-Turnieren festzuhalten.
Die Situation ist für die Schweiz und ihre sportpolitische Neutralität heikel. Boykotte aus politischen Gründen kennt unser Sport nur wenige: Die Turner, Reiter, Fechter und Schützen boykottierten 1980 wegen des Afghanistankrieges der Sowjets die Olympischen Sommerspiele in Moskau. Das vollständige Fernbleiben von den Spielen 1956 wegen des sowjetischen Einmarsches in Ungarn war hingegen nicht der Politik geschuldet: Der Entscheid, die Spiele nicht zu boykottieren, fiel so spät, dass es nicht mehr möglich war, die Reise unserer Athletinnen und Athleten nach Australien zu organisieren.
Soll die Schweiz – wie Finnland, Schweden, Tschechien, Dänemark, Norwegen, Österreich und Lettland – allfällige Partien gegen Russland bei der WM 2027 in Deutschland ebenfalls boykottieren? Zu diesem Schritt, zu dieser klaren Haltung konnte sich der Verwaltungsrat unter der Führung des neuen Präsidenten Marc Lüthi nicht durchringen. Sportliche und finanzielle Folgen wären zu befürchten: Eine Forfait-Niederlage gegen die Russen könnte das Ausscheiden aus dem WM-Turnier bedeuten und hätte finanzielle Konsequenzen. Es geht um bis zu siebenstelligen WM-Rangprämien des internationalen Verbandes.
Hingegen hat sich die Verbandsführung dazu entschlossen, die Partie gegen Russland bei der U20-WM Ende Dezember in Kanada zu boykottieren. Die Schweiz spielt in der Gruppenphase gegen Russland. Eine Forfait-Niederlage wäre – sofern die Russen überhaupt zu diesem Turnier zugelassen werden – folgenlos. Erstens interessiert die höchste Junioren-WM die helvetische Sportöffentlichkeit nur am Rande. Zweitens ist der Klassenerhalt das Minimalziel. Mit einem Sieg gegen Russland rechnet ohnehin niemand. Eine Forfait-Niederlage verschlechtert die sportlichen Aussichten deshalb nicht. Drittens geht es bei der U20-WM nicht Rangprämien.
Kritiker monieren nicht zu Unrecht, dass Marc Lüthi und sein Verwaltungsrat einen billigen, ja schäbigen sportpolitischen Kompromiss gefunden haben: Dort Haltung in der Russlandfrage zeigen, wo es keine sportlichen und finanziellen Folgen hat, und sich dort vor einer klaren Haltung hüten, wo ein Boykott Konsequenzen haben könnte. Also billiger Populismus statt einer klaren Haltung in der Russlandfrage. Sportlich auf Kurs, politisch hingegen nicht – das ist die Bilanz dieser Novemberpause.
Auf Marc Lüthi und sein Gremium wartet nun innenpolitisch bereits die nächste heikle Angelegenheit: Soll Verbandsmanager Martin Baumann seines Amtes enthoben werden oder nicht? Eine auch finanziell hochbrisante Frage. Denn Martin Baumann hat sich bei seiner Anstellung, noch unter dem damaligen Verbandspräsidenten Stefan Schärer, schlauerweise eine Kündigungsfrist von einem Jahr in den Vertrag schreiben lassen. Auch da wird es im Falle eines Falles nicht ohne Kompromiss gehen. Aber einen teuren.


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