Was war das für ein unglaubliches Spiel am vergangenen Dienstag! Eines für die Geschichtsbücher. Im torreichsten Champions-League-Halbfinal aller Zeiten schien Bayern München nach 60 Minuten schon fast ausgeschieden. Nach dem Pariser Doppelschlag innerhalb von zwei Minuten durch Khvicha Kvaratskhelia und Ousmane Dembélé lagen die Deutschen mit 2:5 zurück.
Doch die Mentalitäts-Monster aus München liessen sich von der elektrisierenden Stimmung im Pariser Prinzenpark nicht aus der Ruhe bringen. Nur zehn Minuten nach dem fünften PSG-Treffer verkürzten Innenverteidiger Dayot Upamecano und Flügelflitzer Luis Diaz auf 4:5 aus Sicht des deutschen Rekordmeisters. Somit bleibt für das Rückspiel vom Mittwoch alles offen.
Die Bayern waren schon immer dafür bekannt, bis zum Schluss alles aus sich rauszuholen. «Weiter, immer weiter!», sagte Torhüter-Legende Oliver Kahn 2001 nach dem Last-Second-Meistertitel. Eine Aussage, die in München bis heute nachhallt und mittlerweile zur Bayern-DNA gehört.
Verpflichtung nach namhaften Absagen
Klar ist: Mit einer Aussage eines ehemaligen Spielers vor 25 Jahren wird man keinen Champions-League-Final erreichen. Dass die Bayern trotzdem immer wieder an ihr Leistungslimit kommen, hängt in der jüngsten Vergangenheit mit einer Person zusammen: Vincent Kompany.
Mit 40 Jahren gehört der belgische Trainer zu den jüngsten seines Fachs. Das war vor zwei Jahren auch der Grund, warum viele Experten skeptisch auf die Verpflichtung von Kompany an die Säbenerstrasse reagierten. Namen wie Xabi Alonso, Julian Nagelsmann, Hansi Flick oder Ralf Rangnick sollen damals, laut übereinstimmenden Medienberichten, dem FC Bayern abgesagt haben.
Erst danach fiel die Wahl auf den damaligen Trainer von Burnley. Für viele kam dieser Schritt sehr überraschend, weil Kompany zu diesem Zeitpunkt als relativ unerfahrener Trainer galt. Nicht wenige bezeichneten ihn als Übergangs-, ja gar als Verlegenheitslösung von Sportdirektor Max Eberl.
Die Kritiker sollten teilweise recht behalten. Zumindest in der ersten Saison unter Kompanys Regie. Die Bayern sicherten sich einerseits zwar die deutsche Meisterschaft, was in der Saison zuvor unter Thomas Tuchel nicht gelungen war. Andererseits musste man aber in der Champions League in den Viertelfinals und im DFB-Cup sogar bereits in den Achtelfinals die Segel streichen. Für die Ansprüche der Münchner deutlich zu wenig.
Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung, die der FC Bayern unter der Führung des Belgiers nun genommen hat. In dieser Saison steht man in den Champions-League-Halbfinals und im Endspiel des DFB-Cup. Die deutsche Meisterschaft haben die Münchner bereits eingetütet.
Kompany hat der Mannschaft eine klare Spielidee verpasst, setzt auf mutigen Offensivfussball und fordert gleichzeitig eine hohe, mentale Widerstandskraft ein. Attribute, die im Hinspiel in Paris eindrucksvoll sichtbar wurden. In solchen Momenten zeigt sich wohl, weshalb die Verantwortlichen letztlich auf Kompany gesetzt haben.
Appell an die Bayern-Fans
Was der ehemalige Abwehr-Boss von Manchester City auch kann: Motivationsreden halten. Nicht nur an seine Spieler gerichtet, sondern vor grossen Spielen auch an die eigenen Fans. Im Anschluss an das Spektakel-Hinspiel in Paris wendete sich Kompany mit einem Appell an das Münchner Publikum, welches sich ein Ticket für das Rückspiel sichern konnte: «Wenn sich am Spieltag jemand nicht wohl fühlt, dann bitte ich ihn, zu Hause zu bleiben und sein Ticket an die fitteste Person weiterzugeben, die er kennt. Wir müssen in der Allianz Arena mit 75'000 Menschen eine richtige Wucht entfachen!»
Nun soll im Rückspiel der nächste Meilenstein in Kompanys junger Trainerkarriere gesetzt werden. Am Dienstag trat der sympathische Trainer zur Pressekonferenz in München vor die Medien. Die Frage, die sich natürlich allen Anwesenden aufdrängte: Wird der Bayern-Coach etwas ändern, um nicht wieder fünf Gegentore schlucken zu müssen?
Kompany und sein Team glauben aber weiterhin an ihre Spielphilosophie: «Wir stehen im Halbfinal der Champions League. Diese Art Fussball zu spielen hat uns hierher gebracht. Daran wollen wir nichts ändern», entgegnete der junge Trainer.
Im Rückspiel am Mittwochabend gegen Paris Saint-Germain wird sich nun endgültig zeigen, ob Kompany diesen eingeschlagenen Weg, mit dem Finaleinzug krönen wird. Ob aus der einstigen Übergangs-, ja gar Verlegenheitslösung tatsächlich der Architekt einer neuen Bayern-Ära wird?




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