Alessio Miggiano hat gerade einen ziemlich steilen Aufstieg hinter sich. Kurz vor Weihnachten fuhr er in der Abfahrt von Gröden sensationell auf Rang fünf und erfüllte damit gleichzeitig die Selektionskriterien für die Olympischen Spiele im Februar. Dabei ist er eigentlich noch neu in der Welt der besten Abfahrer. Besagtes Rennen war erst sein siebtes im Weltcup. Als «Wahnsinn» bezeichnet er es selbst. Das trifft es recht gut.

Aufgewachsen ist Alessio Miggiano im Zürcher Oberland. Beim FC Zürich schaffte er es in den Nachwuchs. Doch seine Leidenschaft galt bald dem Skisport. «Meine Mutter erzählt diese Geschichte noch heute sehr gerne», sagt er. Es passierte in den Skiferien. Das Wetter war die ganze Woche schlecht. «Es war kalt und ich habe nur geweint». Doch dann kam das Skischulrennen. Und Alessio gewann. «Ab da war es um mich geschehen.»
Der Hang zur Perfektion
Mit sechs Jahren trat Miggiano der Renngruppe Zürcher Oberland bei. Daneben spielte er weiterhin Fussball. «Was meine Eltern alles für mich auf sich genommen haben, ist unglaublich», sagt er. Sein Vater kam einst aus Süditalien in die Schweiz und lernte während eines Saisonaufenthalts in St. Moritz Alessios Mutter kennen. Später übernahmen sie in Bubikon den Gasthof Löwen. «Meine Mutter hat oft bis zwei Uhr nachts gearbeitet und mich dann am nächsten Morgen ins Training in die Berge gefahren.»
Erst mit 13 gab Miggiano das Fussballspielen, das er zuvor parallel zur Skikarriere vorantrieb, auf. «Ich konnte schon immer schlecht verlieren», sagt er. «Als Skifahrer kann ich wenigstens nur auf mich selbst sauer sein.» Miggiano schaffte es ins nationale Leistungszentrum und entwickelte sich später in der Trainingsgruppe des ehemaligen Abfahrtsweltmeisters Franz Heinzer zu einem hoffnungsvollen Nachwuchsathleten im Speedbereich.
Geholfen hat Miggiano dabei sein Wille zur Perfektion. «Den habe ich von meinem Vater geerbt», sagt er. «Wir beide können uns voll für eine Sache begeistern und dieser alles unterordnen. Und zwar so lange bis es gelingt.» Dem Vater brachten diese Fähigkeiten als Koch einen Michelin-Stern und 16 Punkte bei Gault-Millau. Dem Sohn einen fixen Startplatz im Weltcup.
Verdient hat sich Miggiano dieses Startrecht mit dem zweiten Gesamtrang in der Abfahrtswertung des Europacups der Vorsaison. Und es ist – im übertragenen Sinne – Gold wert. Das Schweizer Abfahrtsteam der Männer ist derzeit so gut bestückt, dass einer der acht regulären Startplätze, die eine Nation maximal zur Verfügung hat, keine Selbstverständlichkeit ist. «Ohne den Fixplatz wäre der Weg deutlich beschwerlicher», sagt Miggiano.
Er selbst entschied sich fürs KV
Bei Marco Odermatt und Co. hat er aber auch abseits der Pisten bereits Spuren hinterlassen: als Coiffeur. Was einst aus einer Schnapsidee heraus entstand, hat sich etabliert, wie er jüngst dem «Blick» verriet. Odermatt habe ihm zum Beispiel ein Foto von einer Frisur gezeigt, die Freundin Stella besonders gut gefallen habe. «Ich musste ihn dann aber darauf hinweisen, dass sich seine lockigen Haare nicht dazu eignen würden.»
Gefallen hat es Odermatt trotzdem. Aber nicht nur als Coiffeur überzeugt Miggiano. Auch kommunikativ hebt er sich ab aus der Masse. «Als Kind hat es mich immer genervt, wenn mich meine Mutter an den Tisch von Gästen geschickt hat, weil diese den Skisport so mochten. Doch heute fällt es mir gerade deswegen so leicht, mich mit fremden Menschen zu unterhalten.»
In die Fussstapfen seiner Eltern wollte Miggiano trotzdem nicht treten. 2023 schloss er eine Ausbildung als kaufmännischer Angestellter ab. «Diese Lehre liess sich am besten mit dem Skisport kombinieren», sagt er. Manchmal vermisst er den elterlichen Betrieb während des Winters aber schon. «Beim Essen merke ich immer wieder, wie verwöhnt ich war.»
Seinen nächsten Auftritt im Weltcup hat Miggiano Mitte Januar in Wengen. Er selbst will Schritt für Schritt gehen und den fünften Platz aus Gröden nicht überhöhen. Trotzdem sind die Träume gross. Auf seiner Homepage benennt er seine Visionen: «Olympiasieger, Weltmeister, Kugelgewinner.» Es sind quasi die Gault-Millau-Punkte des Skifahrens. Es würde passen.



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