
Trost spenden, Ablenkung bieten, positive Gefühle vermitteln. Die Hoffnungen auf die Visite der weltbesten Skifahrerinnen und Skifahrer im immer noch geschockten Crans-Montana waren gross. Gleichzeitig blieb allen bewusst, dass es nach der verheerenden Brandkatastrophe in der Silvesternacht ein Wagnis auf Messers Schneide war, einen Monat später diesen Sportanlass auch wirklich durchzuführen. Wie die NZZ aufdeckte, waren selbst die vier Hauptsponsoren von Swiss Ski im Vorfeld skeptisch, ob das mit dem Sport als optimistischem Botschafter so einfach zu bewerkstelligen sei. Sie baten die Organisatoren und den Internationalen Skiverband in einem gemeinsamen Schreiben Mitte Januar, eine Absage ernsthaft zu prüfen.
Als Konsequenz dieses emotionalen Spiessrutenlaufs verzichtet man am Rennwochenende in Crans-Montana auf das Rahmenprogramm, auf eine Partymeile im Dorf und auf Speaker, welche das Publikum als Animateure anspornen. Rund um die Rennstrecke und das Zielgelände ersetzen Trauer- und Beileids-Botschaften die übliche Reizüberflutung durch Werbebanden. Der Besuch des Weltcups sollte ausdrücklich und ausnahmslos dem Sport geschuldet und den Brandopfer gewidmet sein.
Es brauchte in der Frauen-Abfahrt lediglich eine halbe Stunde mit sechs Fahrten und drei schweren Stürzen, bis auch diese Hoffnung auf ein positives Signal durch den Skisport obsolet wurde. Danach hatte die Jury Erbarmen mit all den verunsicherten Athletinnen im Startgelände, die mit Blick auf diesen schauderhaften Start des Rennens nicht wussten, was da genau auf sie zukommen würde.
Bangen um Skistar Lindsey Vonn
Mit Startnummer 1 stürzte Nina Ortlieb an jener Stelle in die Fangnetze, wo sie sich 2021 eine schwere Knieverletzung zuzog. Immerhin konnte die Schnellste des einzigen Trainings mit den Ski ins Ziel fahren und kurz danach Entwarnung geben. «Ausser einem blauen Flecken am Kinn bin ich gesund.» Die 29-jährige Österreicherin, wie kaum eine andere Skirennfahrerin in ihrer Karriere von Rückschlägen ausgebremst, sagte im Ziel gegenüber dem Schweizer Fernsehen: «Man kann also auch ins Netz stürzen und wieder aufstehen. Ich habe aber gehofft, wir hätten Crans-Montana positive Emotionen schenken können.»

Weniger Glück als Ortlieb hatte die Norwegerin Marte Monsen, die mit Startnummer 3 die enorm anspruchsvoll gesteckte Zielkurve nicht erwischte und mit den Ski ebenfalls im Fangnetz hängen blieb. Sie musste mit einem blutenden Kopf und Verdacht auf eine Knieverletzung mit dem Schlitten abtransportiert werden.
Ebenfalls einen kummervollen Blick auf ihr linkes Knie warf Superstar Lindsey Vonn. Die 41-jährige US-Amerikanerin hob im Fuchsloch ab und landete mehr oder weniger ungebremst im Fangnetz. Obwohl nach bangen Minuten auch sie auf den eigenen Ski runter ins Ziel fuhr, gaben der Anblick des verdrehten Knies im Fangnetz und der wiederholte Griff von Vonn an die schmerzende Stelle Anlass zur Sorge. Sollte Vonn ihr grosses Ziel Olympiagold in der Abfahrt im letztmöglichen Augenblick aufgrund einer Verletzung verpassen?
Später wurde die Athletin, welche die Tränen nicht verbergen konnte, mit dem Helikopter ins Spital zu genaueren Untersuchungen geflogen. In einem Instagram-Podest am Freitagnachmittag gibt sie sich kämpferisch: Sie habe sich am linken Knie verletzt. Wie schwer die Verletzung sei, müssten weitere Untersuchungen zeigen. «Aber wenn es etwas gibt, bei dem ich weiss, wie es funktioniert, dann ist es ein Comeback zu geben. Mein Olympiatraum ist noch nicht vorbei.»
War die Aufgabe für die Frauen zu schwierig?
Während sich die Jury intensiv über das weitere Vorgehen austauschte und letztlich angesichts der schlechter werdenden Wetterbedingungen mit dem Abbruch den einzig richtigen Entscheid fällte, fiel es auch SRF-Experte Marc Berthod schwer, eine Einschätzung zum eben Erlebten abzugeben. Auf die Frage, ob die Aufgabe für die Frauen schlicht zu schwierig war, meinte er: «Wenn drei von sechs der weltbesten Skifahrerinnen ausscheiden und andere das Ziel nur erreichen, weil sie taktisch fahren, muss man diese Frage sicherlich stellen.» Eindeutig beantworten wollte aber auch der Bündner sie nicht.
Der Walliser Skiort bleibt also auch auf sportlichem Parkett leidgeplagt. 2017 boykottierten Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin aufgrund der weichen Pistenverhältnisse das Kombinationsrennen. 2021 beschrieb Lara Gut-Behrami die Piste nach ihrer Trainingsfahrt gar als «widerlich», was zu einem tagelangen Kleinkrieg mit dem gekränkten OK-Präsidenten führte. Vor einem Jahr bezeichnete Marco Odermatt die neu konzipierte Rennstrecke der Männer als «die einfachste Abfahrt, die ich je gefahren bin.» Zumindest eine solche Aussage hatte man am Freitag nicht zu befürchten.
Am Samstag steht im Wallis der Super-G der Frauen auf dem Programm, am Sonntag folgt eine Männer-Abfahrt. Start soll jeweils um 11 Uhr sein.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.