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Betrugsmasche

Spur von Hintermännern einer fiesen Pornofalle führt auf die Rigi

Lautere Bürgerinnen und Bürger erhalten seit Jahren zu Unrecht Rechnungen wegen angeblich abgeschlossener Sexfilm-Abos. Die Spur der Hintermänner führt in den Kanton Schwyz, ein Schwyzer Staatsanwalt erzielte zuletzt einen Erfolg.
Ja nicht bezahlen: So sieht eine Rechnung der Obligo AG aus, welche den angeblichen Abschluss eines Pornoabos geltend macht. Rechts die Mahnung, wo plötzlich auch ein anderer Dienstanbieter aufgeführt ist.
Bild: Damian Bürgi

Kennen Sie die Obligo AG? Eine einfache Google-Suche zeigt Ergebnisse wie «Pornofalle: Gerichtstermin im Herbst» oder « Strafverfahren gegen mehrere Online-Dienstleister». Die Firma ist seit über zehn Jahren immer mal wieder in den Schlagzeilen. Ihre Masche: Sie verschickt Rechnungen für angeblich abgeschlossene Pornoabos. Wer nicht bezahlt, dem droht ein aufdringliches Inkassobüro mit Betreibung, auf die Betroffenen wird so Druck ausgeübt.

Auch dem «Boten» liegt eine solche Rechnung vor. Der Betroffene sagt: «Ich treibe mich nicht auf Pornoseiten rum und habe ganz sicher nie auf einen Aboabschluss geklickt. Ich benutze nicht einmal den auf der Rechnung angegebenen Webbrowser.» Was hat das mit dem Kanton Schwyz zu tun? Mehr, als man zuerst denkt, und dann doch wieder weniger, als es scheint, wie eine gross angelegte Recherche der Zeitschrift «Beobachter» aufzeigt.

Hauptsitz auf Rigi Klösterli – gearbeitet wird dort kaum

Der Hauptsitz der Obligo AG ist auf Rigi Klösterli, die Journalisten des «Beobachters» erkennen beim Besuch vor Ort schnell: Hier wird kaum gearbeitet, auf dem Klingelschild steht auch nicht «Obligo», sondern «Hunziker» – Hans-Ulrich Hunziker ist einziger eingetragener Verwaltungsrat und das Gesicht der Obligo AG. Ansässige berichten den eifrigen Journalisten, dass Hunziker ein seltener Gast sei.

Intensive Recherchen auf der Rigi: Lukas Lippert (ganz links), Thomas Angeli und Tina Berg vom «Beobachter» versuchten, sich am eingetragenen Hauptsitz der Obligo AG auf Rigi Klösterli ein Bild der Situation vor Ort zu verschaffen.
Bild: Instagram

Eine Anfrage des «Beobachters» bei der Firma landet bei deren Anwalt, welcher sofort mit Klage droht und insistiert, dass die Eigentumswohnung auf Rigi Klösterli «über voll ausgestattete Arbeitsplätze» verfüge. Die intensiven Recherchen zeigen ein verschachteltes Firmenkonstrukt auf, «wer aber wirklich hinter der Masche steckt, weiss niemand», wie der «Beobachter» schreibt.

Schwyzer Staatsanwalt entdeckt nach Jahren Schwachstelle

Ein mit einem Tracker versehener Brief an das Obligo-Postfach in Luzern (Adresse des Rechnungsausstellers) landet bei der Doing GmbH im luzernischen Obernau. In Ermittlungsakten taucht der Doing-Gründer, ein alter Bekannter von Hunziker, als Zeuge für das umstrittene Geschäft auf, der Öffentlichkeit entzieht er sich aber. Es scheint ein Ablenkungsmanöver von Hunziker, welcher selbst Jurist ist, zu sein.

So verlaufen seit Jahren sämtliche juristischen Anstrengungen von Dutzenden Betroffenen, Klagen der welschen Konsumentenschutzorganisation (FRC) oder auch des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) gegen Obligo erfolglos. Bis Fabian Steiner, stellvertretender Leiter der Schwyzer Staatsanwaltschaft, eine Schwachstelle entdeckt.

Nur die «Strassendealer» werden verurteilt

Steiner schafft es, die Domainbetreiber – das Pendant zu den Strassendealern im Drogenhandel – zu Bussen von mehreren Tausend Franken zu verurteilen. Denn wer auf Porno- oder auch auf reinen News-Seiten surfe, könne gemäss den Strafbefehlen nicht ausreichend erkennen, wann ein kostenpflichtiges Abo ausgelöst wurde. Obligo habe Gehilfenschaft geleistet, was nicht strafbar sei, wie Steiner erklärt. Die Verurteilten sind Verantwortliche von Firmen mit Domizilen in Rumänien, auf Malta, Zypern – und auch von der Firma Mobile Trade AG in Altendorf.

Auf keinen Fall die Rechnung bezahlen

Was tun, wenn eine Rechnung für ein angeblich abgeschlossenes Pornoabo von Obligo eintrifft? Der «Beobachter» rät vor allem eines: Die Rechnung nicht bezahlen, die Forderung einmal schriftlich bestreiten und die Schreiben von Obligo ignorieren. Denn wer etwas fordere, müsse auch die vertragliche Grundlage beweisen, Obligo müsste also belegen, dass man tatsächlich einem Betrag zugestimmt und einen Vertrag abgeschlossen habe.

Und diesen Aufwand nimmt das Unternehmen offenbar nicht auf sich. Beim «Beobachter»-Beratungszentrum seien allein in den letzten Jahren 700 Meldungen über solche Rechnungen eingegangen. «Unser Beratungszentrum kennt keinen Fall, in dem Obligo nur schon versucht hätte, diesen Beweis zu erbringen», wie der «Beobachter» schreibt. Die Firma könnte eine Betreibung einleiten, müsste aber die Kosten vorschiessen. Betriebene könnten dann Rechtsvorschlag erheben, und alles wäre gestoppt. Obligo müsste wiederum ein Schlichtungsbegehren einreichen, um etwas anzukurbeln. Doch auch hier kenne der «Beobachter» keinen Fall, in dem Obligo aktiv wurde. ( dabu )

Auch bei den Recherchen in Ausserschwyz kommt ein undurchsichtiges Konstrukt hervor, mit Hintermännern, die sich um Kopf und Kragen reden, voneinander ablenken und reinste Versteckspiele spielen. Ähnlich verlaufen auch die Recherchen des «Beobachters» bei einer weiteren verurteilten Firma, der Springberg Group mit Sitz auf Zypern.

Inkassochef präsentiert sich protzig auf Youtube

Und auch bei den Obligo-Geldeintreibern – der Inkassodata AG und der Letterdata GmbH – bleibt vieles undurchsichtig. Mit dem Tracker-Trick landen Briefe, adressiert an beide Firmen, letztlich bei der Inkassolution GmbH in Steinhausen. Die Firma gehört Milan Milic, einem Herrn, der sich auf Youtube als erfolgreicher Unternehmer, Mentor und Coach protzig mit einem G-Klasse-Mercedes präsentiert. «Ich weiss nicht, was Obligo ist und wovon Sie reden», sagt er den Journalisten am Telefon.

Indessen scheint das schnelle und zwielichtige Geldverdienen mit Sexfilm-Abos weiterzugehen. Die Verurteilung der Domainbetreiber bezeichnet Steiner als «Riesenerfolg», und diese wurden dazu verpflichtet, auf den Websites das kostenpflichtige Abo klar zu deklarieren. Doch vom frechen Verschicken von Rechnungen und von der Druckausübung durch Betreibungsandrohungen kann die Drahtzieher nach wie vor niemand abhalten.

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