
Die Swissness der UBS sei zwar ein grosser Vorteil, «aber nicht der Grund, weshalb unsere Kunden bei uns Bankgeschäfte tätigen». Das sagte UBS-Chef Sergio Ermotti vergangene Woche anlässlich einer Telefonkonferenz mit Finanzanalysten, in der es nicht nur um das jüngste Quartalsergebnis, sondern auch wieder um die Standortfrage ging.
«Hätte Herr Ermotti etwas anderes sagen können?», fragt John Thanassoulis, Finanzprofessor und Spezialist für Bankenregulierung an der englischen Universität Warwick, im Gespräch mit «Schweiz heute». «Natürlich nicht»; hätte Ermotti das Gegenteil gesagt und eingeräumt, dass seine ausländischen Kunden vor allem wegen der Schweiz und weniger wegen der Marke UBS bei ihm anklopften, dann wäre allen Beobachtern sofort klar geworden, dass die Bank ihren Hauptsitz in der Schweiz behalten muss.
Aber das politische Ringen um ein strengeres Eigenmittelregime für UBS ist noch nicht vorbei. Nachdem der Ständerat im September den von der Bank vehement zurückgewiesenen bundesrätlichen Vorschlag zu 90 Prozent gutgeheissen hat, ist im Dezember der Nationalrat dran.
Parallelen mit HSBC
«Offensichtlich sieht UBS noch Verhandlungsspielraum», konstatiert der Wissenschaftler. Auch die Grossbank HSBC mit ihrer historischen Verbindung zur ehemaligen Kronkolonie Hongkong habe in den vergangenen Jahren immer wieder mal Druck auf die britischen Behörden ausgeübt und teilweise öffentlich den Umzug von London in die inzwischen chinesische Finanzmetropole erwogen.
Zum Standortwechsel sei es aber nie gekommen. Die Führungskräfte der Bank leben mit ihren Familien in London. Ein Umzug würde sie zwingen, ihren Lebensmittelpunkt nach Hongkong zu verschieben. «Was wären die Vorteile für sie persönlich – und für die Bank?»
So wie der Standortentscheid im Fall der HSBC für den Verbleib in London gefallen ist, könnte es auch mit der UBS gehen, vermutet John Thanassoulis. «Eine Bank wie UBS verfügt über ein soziales, politisches und kulturelles Kapital, von dem ich annehme, dass es in der Schweiz viel grösser ist als zum Beispiel in den USA.» Dieses Kapital, das sind die Beziehungen, die Netzwerke, das gegenseitige Vertrauen basierend auf einem geteilten Wertesystem. Für das Wohlergehen einer Grossbank sei es von enormer Bedeutung, denn solche Unternehmen kämen um einen engen Austausch mit der Politik und den Behörden nicht herum, erklärt der Professor.
Gewiss, China und die USA sind zwei grundverschiedene Bankenstandorte, doch Unsicherheiten gibt es hüben wie drüben. John Thanassoulis sagt: «UBS kann nicht sicher sein, was in den USA regulatorisch passieren wird. Die amerikanische Politik ist volatil. Die Banken müssen sich ihre Positionen immer wieder neu erkämpfen.» Die UBS müsse sich in diesem Kontext natürlich fragen, wie sie ihre Chancen im amerikanischen Politik-Lobbying einschätzt – etwa im Vergleich zu alteingesessenen Grossbanken wie Goldman Sachs oder JP Morgan.
Ernst gemeinte Avancen
Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent und die frühere britische Schatzkanzlerin Rachel Reeves hätten ihre kolportierten Avancen gegenüber UBS zweifellos sehr ernst gemeint. Alle Finanzpolitiker seien bestrebt, gute Jobs und zusätzliches Steuersubstrat ins eigene Land zu holen. Solche, die einen bedeutenden Finanzplatz zu bieten hätten, stünden bei Banken naturgemäss hoch im Kurs, sagt der Regulierungsspezialist, dessen Expertise gern auch von der Bank of England in Anspruch genommen wird. Trotzdem vermutet er hinter dem Lobbying der UBS viel Bluff.

«Klar, vor allem Donald Trump und seine Regierung haben in den vergangenen zwei Jahren überdeutlich klargemacht, dass sie mit Deregulierung das Wachstum der eigenen Finanzindustrie ankurbeln wollen. Auch bei uns in England hat das Wort Regulierung gerade einen negativen Beigeschmack erhalten», stellt John Thanassoulis fest.
Die Banken in London gäben der Finanzmarktaufsicht die Schuld, dass sich die Produktivität der Branche in den vergangenen 10 oder 15 Jahren nicht verbessert habe. Aber diese Kritik sei überzogen. Sie ignoriere die Spätfolgen der Finanzkrise und des Brexits. Und das Lobbying der Branche für weniger Regulierung fände vor dem Hintergrund eines derzeit noch «recht robusten» Regelwerkes statt. «Eine neue Welle der Deregulierung wird deshalb anfänglich keine Probleme machen, aber sie kann dazu beitragen, dass solche entstehen, und die Finanzplätze wieder fragiler und gefährlicher werden.»
«Die Schweiz muss andere Heben ziehen»
Deregulierung findet in einem Wettbewerb zwischen Finanzplätzen statt. John Thanassoulis hat diesen Wettbewerb mit Forschern der Bank of England in einem spieltheoretischen Modell nachgebildet und gezeigt, dass es zwischen den wachstumsstärksten Finanzplätzen zu einem kritischen, regulatorischen Unterbietungswettlauf kommen kann.
Bestimmend für die Dynamik eines solchen Wettbewerbs sind die politisch definierten Wachstumsziele, die am Ende auch für Kapitalvorschriften und andere wichtige Aspekte der Finanzmarktregulierung ausschlaggebend sind. Während London mit Finanzplätzen wie Hongkong oder Singapur ziemlich direkt im Wettbewerb zu stehen scheint, bewegen sich die USA mit ihrem weltgrössten Finanzplatz auf einer eigenen Umlaufbahn.
«Für einen Finanzplatz wie die Schweiz ist es sinnlos, nur schon den Versuch unternehmen zu wollen, mit den USA in einen regulatorischen Wettbewerb einzutreten», sagt Thanassoulis. «Die Schweiz muss andere Hebel ziehen als die Regulierung, um für Banken attraktiv zu sein.» Zur Sprache kommen die üblichen Qualitätsmerkmale des Landes: politische Stabilität, robuste Institutionen, solide Währung und mehr.
Es sei nicht unmöglich, dass dies alles der UBS unter einem verschärften schweizerischen Regulierungsregime nicht mehr genüge. Aber statt mit dem amerikanischen Goliath in den Ring zu steigen, wäre die Schweiz besser beraten, an der Glaubwürdigkeit der eigenen Regulierung und Bankenaufsicht zu arbeiten. Die Credit Suisse war vor drei Jahren nicht in Konkurs gegangen, weil UBS, sekundiert von Bundesrat und Nationalbank, den Weissen Ritter gab. Das war ein starkes Signal gewesen, dass grosse Banken in der Schweiz nicht fallengelassen würden. Das müsse sich ändern, wenn ein Finanzplatz eine glaubwürdige Regulierung entwickeln wolle, findet Thanassoulis.
Der Königsweg
Er empfiehlt, das Schweizer Geschäft der UBS mit den Geldern der einheimischen Sparer, dem damit verbundenen Kreditgeschäft und den Strukturen für den inländischen Zahlungsverkehr mit hohen Zäunen beziehungsweise mit spezifischen Eigenkapitalvorgaben vom ausländischen Geschäft der UBS abzuschotten. So müsse sich die Schweiz in puncto UBS-Regulierung nicht auf einen Unterbietungswettbewerb mit den USA einlassen. «Denn mehr Laissez-faire als in den USA geniesst die Finanzindustrie nirgends.»
Das strikte Abschottungsprinzip ist für Thanassoulis der Königsweg, den nach der Finanzkrise auch Grossbritannien erfolgreich beschritten habe. In letzter Konsequenz könnte dieser Weg freilich dazu führen, dass UBS die Schweizer Aktivitäten aus eigenem Antrieb loslässt respektive verselbständigt, um mit dem internationalen Geschäft Freiheiten für eine riskantere Expansion zu erlangen. «Es gibt keinen guten Grund, warum die Schweiz und ihre Steuerzahlenden um jeden Preis die Einlagen von UBS-Kunden auf der ganzen Welt schützen müssen», findet Thanassoulis. «Aber nur eine gute Regulierung kann aus diesem Prinzip auch eine Tatsache schaffen.»




