Jeden Tag reist eine Menschenmenge in der Grösse der Stadt Zug mit dem Zug aus der Schweiz ins Ausland oder umgekehrt. Im vergangenen Jahr zählten die SBB 12,4 Millionen internationale Reisende, im ersten Halbjahr 2026 stieg diese Zahl noch einmal um etwa 1 Prozent. Das Wachstum soll weitergehen. Deshalb überlegt sich die Bahn, wie sie ihr Netz ausbauen kann.
‹An einer Fachtagung gab Philipp Mäder, der Leiter internationaler Personenverkehr der SBB, diese Woche Einblicke in die Planung. «Die Nachfrage bestimmt das Angebot», sagte er. Im internationalen Kernnetz – also zu Städten, die in drei bis vier Stunden erreichbar sind – wolle die Bahn mindestens einen Zweistundentakt bieten. Darüber hinaus liege der Fokus auf europäischen Metropolen, die in bis zu 7 Stunden erreichbar sind.›
Bis 2035 wollen die SBB das Angebot nach Paris, Marseille, Mailand und Venedig ausbauen. Diese Städte sind bereits heute mit dem Zug direkt ab der Schweiz erreichbar, zum Teil allerdings nur saisonal. So fährt etwa ein TGV von Lausanne nach Marseille lediglich in den Sommermonaten.
Neue Züge nach Brüssel und Rom
Ein erster Angebotsausbau nach Venedig war eigentlich schon für diesen Dezember geplant. Dann sollte ein zweiter täglicher Eurocity von Zürich nach Venedig und zurück eingeführt werden. Doch das wird vorerst nicht umgesetzt. Es stehen laut SBB in Italien keine Trassen zur Verfügung, die attraktive Reisezeiten ermöglichen. Zudem wird der tägliche Zug von Zürich nach Florenz neu nur noch bis Bologna verkehren, dafür in der Sommersaison nach Rimini und Ancona verlängert.
Weil die zweite Direktverbindung nach Venedig vorerst nicht klappt, wird der Eurocity von Basel via Luzern nach Mailand weiterhin verkehren. Bisher hatten die SBB kommuniziert, dass dieser als Intercity nur noch bis Lugano fahren wird, weil in Italien nicht für beide Züge Platz auf dem Schienennetz vorhanden gewesen wäre.
Die SBB wollen im Verlauf der 2030er-Jahre aber auch neue Direktzüge lancieren. Konkret streben sie laut Mäder an, Brüssel, Amsterdam, Barcelona, Rom und London mit Tageszügen zu bedienen. Amsterdam wird bereits heute mit einem Nachtzug angefahren.
Ein «Leuchtturmprojekt» sei der geplante Zug nach London. Die Hürden sind hoch. Ein solcher Zug muss für den Eurotunnel zugelassen sein. Zudem benötigt er Platz auf den Schienen und in den Bahnhöfen, was angesichts der vielen Anbieter, die in den nächsten Jahren vom Festland Verbindungen nach London aufnehmen wollen, eine Knacknuss ist. Weiter benötigt ein London-Zug zwischenstaatliche Vereinbarungen und Check-In-Terminals. Grossbritannien ist nicht Teil des Schengen-Raums und verlangt bei Bahnreisen, dass die Sicherheits- und Einreisekontrollen bereits an den Abreisebahnhöfen stattfinden.
Terminals in Genf, Zürich und Basel
Die SBB prüfen, ob solche Terminals an den Bahnhöfen Genf, Zürich HB oder Basel SBB in Betrieb genommen werden könnten. Ab diesen Bahnhöfen glaubt die Bahn, Züge nach London füllen zu können. Ob die Züge dereinst alle drei Städte bedienen, ist aber noch unklar.
Dies wäre die «Idealvorstellung», sagte Mäder, aber die Machbarkeit sei noch nicht bewiesen. In der Westschweiz sei das Potenzial gleich hoch wie in der Deutschschweiz, in Genf sei die erwartete Nachfrage so hoch wie jene von Zürich und Basel zusammengenommen. In der Deutschschweiz wiederum dürfte das Potenzial in Zürich höher als in Basel sein. Die Stadt sei zudem wichtig, weil sie den grössten hiesigen Flughafen habe, so Mäder – und die SBB sehen Potenzial für die Verlagerung vom Flugzeug auf den Zug.
Dafür sind die praktischen Hürden in Zürich hoch: So bräuchte es freie Kapazitäten auf den Schienen für einen weiteren Zug auf dem vielbefahrenen Schweizer Abschnitt zwischen Zürich und Basel. Zudem stehen in Zürich – anders als in Basel und Genf – in nächster Zukunft keine grösseren Arbeiten an, in die ein Terminalbau integriert werden könnte.
Das WC ist entscheidend
Ein Zug nach London wird frühestens in den 2030er-Jahren verkehren. Zum Einsatz kommen könnten eigene Hochgeschwindigkeitszüge, welche die SBB nächstes Jahr ausschreiben wollen. Zunächst kaufen sie 21 Exemplare mit der Option auf 20 weitere. Der Fokus liegt dabei auf Italien und Frankreich, sowie nachgelagert auf Destinationen wie Barcelona, Brüssel, Amsterdam und London.
Die SBB wollen die internationalen Verbindungen weiterhin in Kooperation mit ausländischen Bahnen anbieten und nicht auf eigene Faust im Wettbewerb. Der Kauf von eigenen Zügen sei trotzdem ein «Schlüsselfaktor», sagte Mäder. Diese könnten dort eingesetzt werden, wo die SBB Bedarf habe und man könne den ausländischen Partnern mehr bieten.
Dank einer Umfrage unter den eigenen Reisenden wissen die SBB immerhin, was den Kundinnen und Kunden im internationalen Verkehr wichtig ist. Neben Direktverbindungen, der Pünktlichkeit und der guten Erreichbarkeit von Anschlusszügen ist die Verfügbarkeit von WCs im Zug entscheidend. Zumindest daran sollten die SBB-Pläne nicht scheitern.






