
Kommt er oder kommt er nicht? Die einzige, die wichtigste Frage scheint entschieden, die französischen Gastgeber atmen auf: Donald Trump will dem G7-Gipfel seine Aufwartung machen. Der Beginn musste zwar um einen Tag verschoben werden, da der US-Präsident am Sonntag einem Käfigkampf des Brutalosports MMA beiwohnen will. Doch er kommt.
Offen ist noch, wie lange er bleibt. Emmanuel Macron setzt alles daran, den gerade 80-jährigen US-Präsidenten nach dem Gipfelende am Mittwochabend auf Schloss Versailles zu empfangen, um die französische Militärhilfe für die Unabhängigkeit der USA vor 250 Jahren zu zelebrieren. Das schlagende Argument der französischen Diplomatie: Der ehemalige Königssitz westlich von Paris ist fast so opulent und goldverziert wie neuerdings das Weisse Haus in Washington.
Trump hat auf die Einladung seines jüngeren Amtskollegen fürs erste reagiert wie meist, nämlich gar nicht. Und selbst wenn er wenigstens nach Evian-les-Bains kommt: Wird er überhaupt bereit sein für das Gruppenfoto, Symbol der westlichen Einheit mit weiteren Leadern aus Deutschland, Grossbritannien, Italien, Kanada und Japan?
Vor einer Woche nahm Trumps «Kriegsminister» Pete Hegseth in der Normandie zwar am jährlichen Gedenken an die alliierte Landung vom 6. Juni 1944 teil. Den internationalen Teil der Feierlichkeiten boykottierte er jedoch. An einem rein amerikanischen Anlass warf er den Europäern sodann vor, sie liessen an den Landungsstränden nur noch die «Invasion» durch illegale Immigranten zu.
Hinter diplomatischen Floskeln versteckt
Die Franzosen hörten über den neusten Affront hinweg. Sie erfüllen seit Monaten die Forderungen Washingtons: Den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa, der neben anderen G20-Vertretern aus Brasilien, Südkorea oder Indien nach Evian eingeladen war, lud Macron auf Bitte der Amerikaner unhöflich aus.
Das Gipfelthema Klimaerwärmung strich er aus dem Programm. Die zentralen G7-Anliegen Konfliktverhütung und Freihandel verstecken die Franzosen hinter diplomatischen Floskeln wie «Derisking» oder «Reconvergence». Trumps Iran-Krieg und Zolldrohungen sollen nicht beim Namen genannt werden.
Macron versucht sich in Evian als ehrlicher Makler einer multilateralen Weltordnung. Wie ein Berater sagt, will er die G7-Staaten auffordern, zum «ursprünglichen Geist» der 1975 vom damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing initiierten Konferenz der sieben westlichen Industrienationen zurückzukehren. Konkreter, soll China seine Industrie von Staatssubventionen befreien und die USA ihren Protektionismus zurückfahren.

Nur sind die Europäer selber nicht mehr einig über den einzuschlagenden Kurs. Frankreich versucht das nicht zuletzt von Deutschland propagierte Handelsabkommen der EU mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten weiterhin zu hintertreiben. Macrons Plädoyer für eine multilaterale Wirtschaftsordnung verliert damit an Gewicht.
Noch stärker geschwächt sind die europäischen Positionen durch das jüngste Scheitern des deutsch-französischen Kampfjets FCAS. Nationaldenken hat die Kooperation ersetzt. Wenige Tage vor dem G7 sendet dieses Debakel ein sehr negatives Signal an die Bündnispartner der Nato. Die Trumpisten sehen darin einen neuen Beleg für ihre Behauptung, dass die europäischen Alliierten zuerst einmal lernen müssten, eine eigenständige Verteidigung aufzubauen.
Kommt es zum Treffen mit Selenski?
Die im März erfolgte Aufweichung der US-Sanktionen gegen russische Interessen werden Berlin und Paris in Evian nicht rückgängig machen können. Macron hat den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski für Dienstag nach Evian eingeladen, um ihn mit Trump zusammenzubringen. Ob sich diese Hoffnung des in vieler Hinsicht geschwächten Gastgebers erfüllen wird, ist aber auch sehr unsicher.
Macron wird sich hüten, mit Trump die Konfrontation zu suchen. Er empfängt zwar gleichentags Golfstaaten wie Katar, Saudi-Arabien und die Emirate zu einem Mittagessen. Damit will er Trump wohl aufzeigen, dass neben den Europäern auch viele Anrainer einen Frieden und die Wiedereröffnung der Hormus-Meerenge wollen.
Wird Trump auch nur hinhören? Eher wollen Macron und seine europäischen Partner vermeiden, dass der selber unter Druck stehende US-Präsident frühzeitig abreist und den Gipfel scheitern lässt. Vor einem Jahr hatte Trump das G7-Treffen in Kanada auch ohne konkreten Streitfall nach dem ersten Gipfeltag verlassen.
Ein anonymer Vertrauter Macrons meinte im Magazin Politico: «Der Gipfel ist etwas, was wir Europäer einfach überstehen müssen.» Das anglophone Portal denkt: «Schmeichelei, Bühnendekor und Königshof-Verhalten glätten am ehesten Europas Beziehung zu einem Präsidenten, der Institutionen wie dem G7 skeptisch gegenübersteht.» Damit der grosse Präsident aus Übersee nicht gleich bei der ersten Widrigkeit abreist, sondern sich wieder entspannt, hat Macron den Golfplatz von Evian schliessen und für einen Gast allein reservieren lassen.

