Starlink

Selenski beschuldigt Trump des «Verrats»: Das steckt hinter der Eskalation

Starlink gedrosselt, Geheimdienstinfos zurückgehalten: In wenigen Tagen ist die Beziehung zwischen den USA und der Ukraine auf einen neuen Tiefpunkt gesunken.

«Die Pause ist vorbei. Wir sind fertig damit», sagte Wolodimir Selenski am Donnerstag der «Financial Times». Er kündigte an, die Angriffe auf russische Ölraffinerien wieder aufzunehmen. Tags zuvor hatte der ukrainische Präsident schon gegenüber dem britischen TV-Moderator Piers Morgan erklärt, er fühle sich von US-Präsident Donald Trump «verraten».

Grund ist der von Trump mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin abgeschlossene Deal über den Kauf von mehreren hunderttausend Tonnen russischem Diesel. Selenski ist frustriert über Trump. Und er lässt es alle wissen, die ihn danach fragen.

Die ukrainisch-amerikanische Beziehung steckt damit in ihrer grössten Krise seit dem «Oval-Office-Desaster» vom vergangenen Jahr. Damals brach bei einem Besuch in Washington vor laufenden TV-Kameras ein wüster Streit zwischen Selenski und Trump aus. Die US-Unterstützung der Ukraine hing in den folgenden Monaten am seidenen Faden.

Wenn Selenski nun am Freitag beim Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel eintrifft, werden diese versuchen, eine weitere Eskalation mit Trump zu verhindern. Ihre Sorge: Gerade könnte etwas zerbrechen, das Europa nicht ersetzen kann – die amerikanische Unterstützung für die Ukraine.

Doch wie konnte es soweit kommen? Den Anfang nahm das Drama am vergangenen Freitag in einem Golfklub in Miami.

Rhetorischer Schlagabtausch

Trumps Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner empfingen dort eine ukrainische Verhandlungsdelegation zusammen mit europäischen Vertretern. Ursprüngliches Ziel war es, die eingeschlafenen Friedensverhandlungen wiederzubeleben. Schnell wurde allerdings klar, dass die Amerikaner andere Pläne hatten. Sie eröffnete er den verblüfften Gästen, dass die USA wieder russischen Diesel kaufen würden.

Gleichzeitig verlangten sie von den Ukrainern, ihre Angriffe auf die russischen Raffinerien einzustellen. Als Gegenleistung boten sie an: Nichts. Vielmehr verwiesen sie auf die US‑Geheimdiensthilfe, was die ukrainischen Teilnehmer laut «New York Times» als versteckte Drohung verstanden. Dann fing die Eskalationsspirale an, sich zu drehen.

Noch am selben Tag reagierte Selenski mit scharfen Worten auf den Diesel-Deal und nannte ihn eine «schwache» Entscheidung des US‑Präsidenten. Offenbar zu viel für Trump, der am Samstag konterte und die Absetzung Selenskis und Neuwahlen in der Ukraine forderte. Zugleich verkündete er eine «Feuerpause» auf alle Energieanlagen, die «ab sofort» in Kraft trete.

Für die Russen galt diese aber anscheinend nicht. Jedenfalls unterliess es Trump am Montag, Putin zu kritisieren, als dieser in der Nacht erneut ukrainische Gaskraftwerke unter Beschuss nahm.

Russland befeuert den Konflikt gezielt

Ein russischer  Grossangriff mit 39 ballistischen Raketen und rund 130 Drohnen am Dienstag zielte dann spezifisch auf die Energieinfrastruktur der Region Kiew und Charkiw. Mindestens sechs Menschen starben, rund 600'000 waren zeitweise ohne Strom.

Besonders brisant: Laut Selenski erhielt das ukrainische Militär diesmal keine oder zu späte Warnungen von den USA über die anfliegenden Raketen. Gleichzeitig wurde die militärische Variante des Satellitenkommunikationssystems Starlink gedrosselt, was die ukrainische Armee vor grosse Herausforderungen stellte.

Für Selenski war damit die Schmerzgrenze erreicht. In der Nacht auf Donnerstag nahm er die Angriffe auf russische Raffinerien wieder auf und setzte im Interview mit der «Financial Times» zum rhetorischen Gegenschlag an.

Keine Alternative zu den USA

In Europa haben viele Verständnis für Selenskis Wut. Wenn er sich darüber beklagt, dass Trump Autokraten wie Putin bewundere und ihm vorwirft, nicht «auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen», dürften ihm die meisten zustimmen. Tatsächlich stellten sich zu Beginn des Brüsseler Gipfeltreffens die EU-Staats- und Regierungschefs demonstrativ hinter Selenski. Allen voran der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz.

Doch hinter den Solidaritätsbekundungen versteckt sich auch eine nüchterne Angst: Sollte es zum endgültigen Bruch zwischen Selenski und Trump kommen, kann Europa einen amerikanischen Rückzug nicht auffangen.

Eine europäische Alternative zu Starlink ist kurzfristig nicht verfügbar. Existierende Kapazitäten, etwa des europäischen Betreibers Eutelsat, sind für die ukrainischen Bedürfnisse auf dem Schlachtfeld nicht ausreichend. Auch bei der Raketenfrühwarnung verfügt Europa nicht über die umfassende Satellitenaufklärung der USA.

Europa gehen die Milliarden aus

Das zweite grosse Problem ist das Geld: Laut europäischen Schätzungen wird sich bei der Ukraine-Hilfe im kommenden Jahr eine Finanzierungslücke von mehreren dutzend Milliarden Euro auftun. Wie dieses Loch gestopft werden kann, weiss angesichts der leeren Kassen der europäischen Staatshaushalte niemand. Damit rücken die eingefrorenen russischen Staatsgelder erneut ins Zentrum. In der EU liegen rund 210 Milliarden Euro der russischen Zentralbank fest, etwa 185 Milliarden davon beim Brüsseler Finanzdienstleister Euroclear.

Im Zuge der Verhandlungsrunde in Miami aber einen Teil der russischen Vermögen freizugeben und in ein von den USA kontrolliertes Finanzvehikel zu übertragen. Etwas, was die Europäer schon in der Vergangenheit ablehnten und auch weiterhin vehement zurückweisen. Es war Bundeskanzler Merz, der am Donnerstag klar machte, wo für die Europäer hier die Rote Linie verläuft: «Das ist unsere Angelegenheit und darüber entscheiden wir.»

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