Angstellte des Schweizer Radios haben einen Protestbrief verfasst. Der Ton ist scharf.
Das Schreiben wurde am Dienstagmittag an die Co-Leitung der Information geschickt und ist bisher von 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterzeichnet worden. Die Unterschriftensammlung läuft weiter.
«Wir sind tief beunruhigt über das, was in den letzten Tagen in unserer Abteilung passiert ist», fängt der Brief an. Gemeint ist: Die bisherige Auslandchefin des Radios, Susanne Brunner, hat nicht nur ihre Führungsfunktion verloren – sie wurde «dazu gebracht (...), SRF zu verlassen.»
Die Unterzeichner protestieren dagegen, dass die Verantwortlichen für Brunner keinen «angemessenen Platz in den neuen Strukturen» gefunden hätten.
Mitarbeiter vermissen bei SRF «publizistische Überlegungen»
Susanne Brunner ist 62 und arbeitet seit 40 Jahren für SRF. Sie war Korrespondentin in den USA und moderierte danach während elf Jahren das «Tagesgespräch». Brunner gehört zu den bekanntesten Stimmen des Radios – wozu auch ihr prägnanter Glarner Dialekt beiträgt. Sie berichtete zudem als Korrespondentin aus dem Nahen Osten. Seit 2022 ist sie Auslandchefin des Radios. Das Branchenmagazin «Schweizer Journalist» wählte sie 2024 zur «Journalistin des Jahres».
Der Protest richtet sich nicht nur gegen Brunners Absetzung. Die Radiomitarbeiter kritisieren, dass sie im Prozess der Neustrukturierung des Unternehmens «publizistische Überlegungen» vermissten. «Welchen Journalismus streben wir mit diesen Veränderungen überhaupt an? Dazu haben wir wenig gehört in den letzten Wochen und Monaten.»
SRF führt derzeit die Radio- und Fernsehabteilungen zusammen. Alle Kadermitarbeiter mussten sich erneut für Führungsfunktionen bewerben. Für die Unternehmensleitung ist das eine Methode, nicht länger erwünschte Kaderleute aufs Abstellgleis zu stellen.
Die Angestellten des Radios halten in ihrem Brief fest: Es sei ihnen bewusst, dass SRF sparen müsse und dass dies nicht «ohne schmerzliche Einschnitte» und Irritationen möglich sei. Der eingeschlagene Weg werfe aber «grosse Fragen auf.»
Es fehle eine Debatte über publizistische Grundsätze und Visionen – «und wir haben den Eindruck, es geht vor allem um Fragen der Distribution, um das Wie.» Distribution bezeichnet in einem grossen Medienhaus die Frage: Auf welchen Kanälen gelangen die Inhalte an das Publikum?
Die Radiomitarbeiter betonen nun: Das Unternehmen brauche unbedingt Leute, die das Was beherrschten und hier weiterhin Massstäbe setzten. «Ohne gute Inhalte kann unsere Strategie noch so modern, nutzerorientiert und trimedial sein – wir werden unserer Einschätzung nach an Bedeutung verlieren.»
Die Kritik ist happig. Die SRF-Angestellten werfen der Chefetage im Kern vor, dass sie seit Monaten an neuen Strukturen und Organigrammen herumdoktore und dabei den publizistischen Auftrag des Service public vernachlässige – relevante journalistische Inhalte herzustellen. Schlimmer noch: Die Reorganisation vertreibe einige der fähigsten Journalisten.
Zu diesen Bedenken passt der Eindruck, den der neue SRF-Direktor Roger Elsener im Haus hinterlässt: Er zeige sich interessiert und besuche die verschiedenen Abteilungen. Wohin er das Unternehmen publizistisch führen wolle, sei hingegen nicht erkennbar.
SRF will sich nicht zur Absetzung äussern
Wie reagiert die Unternehmensleitung auf das Protestschreiben? «SRF nimmt den Brief zur Kenntnis und wird die darin geäusserten Anliegen intern aufarbeiten», schreibt die Medienstelle. Zu einzelnen personellen Angelegenheiten äussere sich SRF aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht.
Die im Brief angesprochenen personellen Veränderungen stünden auch im Zusammenhang mit der Fusion der bisher getrennten Chefredaktionen von Radio und Fernsehen. «Dabei werden Führungsfunktionen neu ausgerichtet oder aufgehoben.» Es liege in der Natur eines solchen Veränderungsprozesses, dass nicht alle bisherigen Führungsrollen weitergeführt werden könnten. Die Besetzung von Führungsfunktionen sei kein Werturteil über die Leistung, Erfahrung oder Fachkompetenz derjenigen Personen, die nicht berücksichtigt worden seien.
Publizistische Überlegungen spielten sowohl bei der Zusammenführung der Chefredaktionen als auch im SRG-unternehmensweiten Transformationsprojekt «Enavant» eine zentrale Rolle.



