Dimitry* meldete sich am Freitag bei CH Media. Per Mail, unterzeichnet offensichtlich in einem Anflug von Sarkasmus: «Russischer Spion Dima».
Der Mann gehört, wie er sagt, zu einer russischsprachigen Gruppe von Expats, die zuletzt immer wieder kritische Infrastrukturen wie Atomkraftwerke besucht hat. Der Russe ist verärgert: «Über so eine einseitige Berichterstattung kann ich nur den Kopf schütteln.» Hier werde billige Stimmungsmache gegen «russische Gruppen» betrieben – durch die Medien oder durch den Nachrichtendienst des Bundes (NDB).
Der Ärger bezieht sich auf einen Artikel von CH Media vom Dienstag. Recherchen zeigten, dass einige russischsprachige Expat-Gruppen in letzter Zeit besonders häufig kritische Infrastrukturen besuchen, die für fremde Nachrichtendienste von grossem Interesse sind: Kernkraftwerke, Flughäfen, Bahnanlagen, Logistikzentren und so weiter. Der NDB bestätigte, er habe «Kenntnis über Gruppenbesuche in Anlagen, die den kritischen Infrastrukturen der Schweiz zuzuordnen sind».
Dimitry fühlt sich mit seiner Community direkt angesprochen. Die beschriebenen Aktivitäten entsprächen genau ihren eigenen: «Und ich war bei fast allen selbst dabei. Auch im AKW Gösgen.»
Diese Gruppen seien jedoch keine «russischen Gruppen» im engeren Sinn, sondern international zusammengesetzte Communities von «Expats, Deutschen, Schweizern, Ukrainern etc., in denen Russisch gesprochen wird». Viele seien nach Beginn des Ukraine-Kriegs aus beruflichen Gründen in die Schweiz gekommen und würden sich hier integrieren, etwa durch gemeinsame Aktivitäten und Bildungsbesuche. «Man kocht zusammen, macht Ausflüge, lernt Deutsch.»
Um sich zu integrieren, und nicht, um zu spionieren, wolle man mehr darüber erfahren, wie hier alles funktioniere, sagt er. Das Interesse an technischen Einrichtungen erklärt er mit dem naturwissenschaftlichen Hintergrund vieler Mitglieder: «Für sie sind solche Besuche wie beim AKW Gösgen besonders interessant und ein absolutes Highlight.» Bitter fügt Dimitry hinzu: «Aber wenn man das macht, ist man direkt ein Spion. Nur weil man sich für Technik interessiert und Russisch spricht.»
Am CERN in Genf sei die Gruppe «übrigens auch mehrmals» gewesen. «Und die Führungen werden dort von Russen gemacht, die dort arbeiten. Vielleicht sind das auch alles Spione?» Wegen dieser «billigen Stimmungsmache» bekomme die Gruppe nun Absagen für Führungen. Das grenze an billigen Rassismus.
Keine Putinversteher in der Gruppe
Putinversteher gebe es in seiner Gruppe keine, behauptet Dimitry. Was ihm Beobachter allerdings nicht abnehmen. Aber er gibt an: «Sie können an drei Fingern abzählen, warum die Leute in der Schweiz leben und nicht mehr in Russland oder der Ukraine.»
Mit solcher Berichterstattung spiele man der russischen Propaganda in die Hände. «Keiner, den ich hier kenne, heisst den Krieg gut. Ich selbst bin seit 2021 nicht mehr in Russland gewesen. Mir wurde sozusagen meine Heimat gestohlen. Können Sie sich so etwas vorstellen?»
Auch am NDB übt der zornige Expat Kritik. Er frage sich, wofür hier Steuergelder ausgegeben würden. Der Nachrichtendienst solle besser «Banken überprüfen, die Geld waschen – Stichwort MBaer – oder Firmen, die Elektronikkomponenten über Umwege in Kriegsgebiete liefern». Aber das sei wohl zu viel Arbeit – lieber jage der NDB Leute, die ganz legal in der Schweiz lebten.
Eine weitere Heuchelei ist für ihn der Umstand, dass beispielsweise Axpo ihre Brennstäbe in Russland einkaufe. «Aber die Spione sind natürlich einfache Leute, die hier leben und sich zu öffentlichen Führungen anmelden».
*Voller Name der Redaktion bekannt



