
Man kann etwa bei der Familie von Pal Maleter nachfragen, ob Verhandlungen im feindlichen Lager während eines Konflikts mit dem Kreml eine gute Idee sind. Der damalige ungarische Verteidigungsminister führte 1956 die offizielle Mission an, die während des Ungarn-Aufstands im sowjetischen Hauptquartier um Frieden nachsuchte. Er und seine Begleiter verschwanden auf Nimmerwiedersehen.
Dies dürfte der ungefähre Hintergrund zu Wolodimir Selenskis schnippischer Reaktion sein, als ihm russische Journalisten in New York zurufen: «Wann kommst Du nach Moskau?» Der sichtlich unamüsierte ukrainische Präsident raunt im Weggehen: «(Ich komme) mit einer Rakete.»
Wiederholt hat Kremlchef Wladimir Putin «angeboten», der ukrainische Präsident solle doch für direkte Verhandlungen nach Moskau reisen. Kiew lehnt dies ab und fordert ein Treffen an einem neutralen Ort. Jüngst brachte Selenski auch die Schweiz als möglichen Veranstalter für einen trilateralen Friedensgipfel ins Gespräch.
In den sozialen Medien sorgt Selenskis Antwort für Furore: Witzbolde alias Propagandisten erstellen KI-generierte Bilder, wie der Ukrainer, im Stil von «Dr. Strangelove» auf einer Atombombe reitend, Kurs auf den Kreml nimmt. Die Osteuropa-Expertin Jessica Berlin schreibt auf X sinngemäss, Selenskis politische Instinkte mögen zuletzt gelitten haben, aber seine komödiantischen seien «immer noch scharf». Der zu Zynismus neigende Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wertet laut Medienberichten den Spruch «keineswegs als direkte Absage» an eine Moskau-Reise.
Moskau berät noch über Miami-Einladung für Putin
Hinter dem verbalen Schlagabtausch zeichnet sich indes eine ernsthaftere Möglichkeit für ein solches Treffen ab, bloss viel weiter westlich: am G20-Gipfel im Dezember in Miami. Selenski bezeichnete diesen am Donnerstag als eine der bislang «besten» Gelegenheiten für ein Dreiertreffen mit US-Präsident Donald Trump und seinem russischen Kontrahenten.
«Ich glaube, dass dies eine der besten Möglichkeiten ist, die von amerikanischer Seite vorgeschlagen wurden», sagte Selenski. Ein trilaterales Treffen könne zu konkreten Ergebnissen führen. Die Ukraine werde ein solches Format unterstützen, sofern sich die Beteiligten darauf einigen.
Der entscheidende Unterschied zu früheren Vorschlägen: Putin hat tatsächlich eine Einladung nach Miami erhalten. US-Aussenminister Marco Rubio bestätigte am Mittwoch, Washington habe den russischen Präsidenten offiziell zum G20-Gipfel eingeladen. «Wir hoffen, dass er die Einladung annimmt», sagte Rubio.
Der Kreml reagierte grundsätzlich positiv. Russland sei dankbar für die Einladung und werde auf diplomatischem Weg über eine Teilnahme entscheiden, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag.
Für Selenski spricht auch das Umfeld für Miami. Beim G20-Gipfel werden neben den USA wichtige europäische Verbündete der Ukraine sowie China, Indien und weitere einflussreiche Staaten erwartet. Dies könne eine Atmosphäre schaffen, in der tatsächlich Ergebnisse möglich seien, argumentiert der ukrainische Präsident.
Direkten Treffen immer aus dem Weg gegangen
Ob Putin dazu bereit ist, bleibt offen. Der Kremlchef hat direkte Gespräche mit Selenski seit Beginn der russischen Grossinvasion vermieden. Zuletzt hatte Selenski Putin im Mai 2025 zu Verhandlungen nach Istanbul eingeladen und zugleich ein Dreiertreffen mit Trump vorgeschlagen. Putin jedoch blieb fern und schickte lediglich eine Delegation.
Auch Trumps Versuch, nach seinem Treffen mit Putin in Alaska im August 2025 ein persönliches Gespräch zwischen den beiden Kriegsgegnern anzubahnen, blieb ohne Erfolg. Der US-Präsident erklärte später, Putin wolle Selenski nicht treffen, weil er ihn «nicht mag».
Persönlich gegenübergestanden sind sich Putin und Selenski zuletzt im Dezember 2019 bei den Verhandlungen im Normandie-Format in Paris. Seit dem russischen Grossangriff vom Februar 2022 gab es kein direktes Gespräch der beiden Präsidenten mehr.
Sollte Putin die Einladung nach Miami tatsächlich annehmen und auch Selenski kommen, könnten sie sich damit erstmals seit sieben Jahren wieder am selben Ort wiederfinden. Was noch lange nicht heisst, dass sie dann auch miteinander reden.


