Im Spiel um die Nachfolge von SVP-Bundesrat Guy Parmelin liegen sieben Karten auf dem Tisch. Mit Céline Amaudruz eine Dame. Dazu drei Könige mit Regierungserfahrung: Jean-Pierre Gallati, Pierre Alain Schnegg und Franz Ruppen. Sowie die drei Bauern Marco Chiesa, Michael Graber und Rémy Wyssmann aus dem Parlament. Einen Stich mit Fraktionspräsident Thomas Aeschi behält die SVP vorerst in der Hinterhand.
Derzeit durchlaufen die Kandidierenden die Gesinnungsprüfung durch die Partei, mit Alt-Fraktionschef Caspar Baader als Inquisitor: Wie halten sie es mit der Parteidoktrin? Haben sie Leichen im Keller? Und gegebenenfalls: Lassen sich diese entsorgen?
Hinter den Kulissen werden derweil die Karten kräftig gemischt. Wie beabsichtigt die SVP ihr Blatt auszuspielen: mit einem Zweier- oder Dreiervorschlag also? Mit oder ohne Dame?
Hier die wahrscheinlichsten Varianten – und die unglaublichsten gleich auch noch:
Das Hardliner-Paar
Mit dem konservativ-religiösen Pierre Alain Schnegg aus dem französischsprachigen Berner Jura und Thomas Aeschi verzichtet die Partei auf jeglichen Gmögigkeitsfaktor, setzt hingegen auf linientreue Kompetenz, Erfahrung und Durchsetzungskraft.
Mit diesem Ticket stellt die SVP-Fraktion die Romandie zufrieden, lässt dem Parlament aber nur die Wahl zwischen Rechtsaussen und aussen rechts. Wichtigster Unterschied der beiden SVP-Brüder im Geiste: das Alter. Schnegg ist 64-, Aeschi 47-jährig. Mit Schnegg könnte die Ratshälfte von Mitte-Links die Hoffnung verbinden, dass er nicht lange im Amt bleibt. Aeschi brächte die gerade von Mitte-Links gerne geforderte Verjüngung des Bundesrats – zum Preis einer voraussichtlich sehr langen Amtsdauer des Zuger Hardliners.
Vorteil: Schnegg
Wahrscheinlichkeit: hoch, falls Aeschi einsteigt.
Das Temperament-Ticket
Mit dem Duo Thomas Aeschi und Michael Graber setzt die SVP auf Schlagkraft. Diese haben die beiden Hitzköpfe in einem handgreiflichen Gerangel mit einem Bundespolizisten unter Beweis gestellt. Der Beamte versperrte ihnen anlässlich des Besuchs eines hohen Vertreters der Ukraine den Weg über die Haupttreppe im Bundeshaus. Es ist das temperamentvollste Ticket der Auswahl – wobei die politische Konkurrenz bei Aeschi und Graber nicht von einer Auswahl sprechen würde, sondern von parteitaktischer Nötigung.
Vorteil: Aeschi
Wahrscheinlichkeit: mittel. Die SVP brächte so zwar Fraktionschef Aeschi in eine vorteilhafte Situation. Sie ginge aber das Risiko ein, dass sich das Parlament zu einer wilden Wahl am Ticket vorbei hinreissen lässt.
Die Vernunft-Nomination
Mit einem Zweierticket bestehend aus Pierre Alain Schnegg sowie Jean-Pierre Gallati oder Franz Ruppen signalisiert die SVP Willen zur Konkordanz und zur Kollegialität. Beides haben die drei Regierungsräte aus Bern, dem Aargau und dem Wallis schon unter Beweis gestellt. Schnegg kommt als Vertreter der französischsprachigen Schweiz sowie des rechten Parteiflügels auf jeden Fall aufs Ticket. Mit Ruppen darf sich die Bundesversammlung auf etwas mehr Gmögigkeit freuen. Gallati bringt Führungsstärke und hohe Sachkompetenz ein.
Vorteil: Gallati
Wahrscheinlichkeit: gering. Die SVP-Fraktion würde eingestehen, dass die valabelsten Kandidaten nicht aus ihren Reihen kommen.
Das Vox-Populi-Duo
Aus den bisherigen Leserumfragen von Gratis-Medien gingen die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz und der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann mitunter als Favoriten hervor. Es ist das Ticket mit der wohl breitesten gesellschaftlichen Abdeckung: Von der Apéro-gestählten Reiterin aus dem Innersten des Genfer Finanzsystems zum system- sowie impfkritischen Berg- und Einzelgänger aus Solothurn.
Vorteil: Amaudruz
Wahrscheinlichkeit: nicht vorhanden.
Das Ganze-Schweiz-GA
Die SVP präsentiert drei Kandidaten, aus jedem Landesteil einen. Pierre Alain Schnegg für die Romandie, Marco Chiesa für die Italianità und für die Deutschschweiz Thomas Aeschi oder Jean-Pierre Gallati. Das Signal ein Jahr vor den Wahlen: Seht her, wir sind eine Volkspartei der ganzen Schweiz! (Einmal abgesehen von den Frauen.) Mit dem Tessiner Ständerat und Ex-Parteichef Chiesa, einem bis zwei Regierungsräten oder ihrem Fraktionspräsidenten präsentiert die SVP ein qualitativ hochstehendes Dreierticket.
Für die Westschweiz hat Schnegg gegenüber Amaudruz in der Fraktion leicht die Nase vorn. Der umgängliche Chiesa vertritt allein die italienischsprachige Schweiz, er ist gesetzt. Einzige Variable ist die Deutschschweiz: Gallati, Ruppen oder Aeschi? Tritt Aeschi an, setzt ihn die Fraktion hier aufs Ticket. Ohne Aeschi hat der kantigere Gallati gegenüber Ruppen in der Fraktion bessere Aussichten auf die Nomination.
Vorteil: Chiesa. Es sei denn, Aeschi verzichtet und Gallati wird nominiert. Dann: Gallati
Wahrscheinlichkeit: erhöht. Mit einem Dreierticket kann die SVP nach innen und aussen die meisten Interessengruppen zufriedenstellen. Nachteil: Sie gibt die Kontrolle ab. So wie 2015, als sie mit ihrem Favoriten Aeschi für die Deutschschweiz, Norman Gobbi fürs Tessin und dem Westschweizer Guy Parmelin antrat – und Parmelins Wahl hinnehmen musste.
Das Wir-müssen-Doppel
Dieses Ticket kommt zum Zug, wenn sich nach der Gesinnungsprüfung durch Inquisitor Baader zeigt, dass das bisherige Kandidatenmaterial nicht geeignet ist, dem Bundesrat die Hölle heiss zu machen. Die Fraktion zwingt Magdalena Martullo-Blocher gegen ihren ausdrücklichen Willen, aber mit der Unterstützung Christoph Blochers zu einer Kandidatur: «Sie muss!» Dazu nominiert die Fraktion Thomas Aeschi – er ist Martullos letzte Hoffnung, dass sie vielleicht doch nicht muss, weil das Parlament ihn wählt.
Es ist das hochkarätigste Ticket, das die SVP aufbieten kann, obwohl beide nicht voll motiviert scheinen. Aber wie heisst es so schön beim Bure-Zmorge: Der Hunger kommt mit dem Essen!
Vorteil: Martullo-Blocher. Denn auch Mitte-Links kommt ums Müssen nicht herum – nämlich die Frau zu wählen.
Wahrscheinlichkeit: You dream, du!







