Deutschland

Von der Party zum Albtraum: Nach dem Anschlag am Berliner CSD sucht die Polizei einen Islamisten

Bei einer Amokfahrt am Samstagabend wurde eine Frau getötet und 16 weitere Menschen verletzt. Der Tatverdächtige soll ein Islamist sein, der schon vor seiner Tat mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.
Vieles ist noch unklar: Polizeibeamte am Sonntagmorgen am Tatort im Berliner Tiergarten.
Bild: Fadi Yousef/EPA

Berlin sieht sich selbst gern als Hort der Toleranz: Nirgendwo im Land, so das Selbstbild der deutschen Hauptstadt, könnten Minderheiten derart frei leben wie hier. Dieses Bild hat seit einigen Jahren Risse bekommen: Wer etwa mit Homosexuellen redet, bekommt zu hören, dass diese sich in manchen Quartieren nicht mehr händchenhaltend auf die Strasse trauten. Dabei seien es vor allem Islamisten, vor denen sie sich fürchten müssten.

Der Vorfall, der sich am Samstagabend im Tiergarten, dem grossen Park im Zentrum der Stadt, ereignet hat, scheint zu bestätigen, dass das Leben für Schwule, Lesben und queere Menschen in Berlin gefährlich geworden ist, auch wenn der Tathergang noch nicht vollständig geklärt ist: Gegen 22 Uhr fuhr dort ein Wagen über einen Weg und erfasste mehrere Menschen, bevor der Fahrer den Kleintransporter in einen Baum steuerte, ausstieg und floh.

Ob er vor seiner Flucht noch Personen mit einem Messer oder einer Machete angriff, wie deutsche Medien berichteten, ist noch unklar. Eine Frau starb noch am Tatort; 16 weitere Personen wurden verletzt, drei davon lebensbedrohlich, acht weitere schwer.

Der Verdächtige soll mit dem IS sympathisiert haben

Zur gleichen Zeit feierten am nahen Brandenburger Tor Tausende den Christopher Street Day (CSD); insgesamt sollen mehrere hunderttausend Menschen in Berlin am Samstag den jährlichen Feier-, Demonstrations- und Gedenktag der Schwulen, Lesben und weiterer sexueller Minderheiten begangen haben. Gegen 22.15 Uhr wurden die Feierlichkeiten abgebrochen; gegen Mitternacht waren der Platz vor dem Brandenburger Tor und der angrenzende Tiergarten geräumt.

Am späten Abend gab die Berliner Polizei bekannt, einen Tatverdächtigen identifiziert zu haben: den 21-jährigen Abdul B., einen deutschen Staatsbürger libanesischer Herkunft. Er werde der islamistischen Szene Berlins zugerechnet und sei Anhänger der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS), gaben die Ermittler bekannt. Ob tatsächlich er es war, der das Fahrzeug gesteuert hat, ist aber noch unklar; ob der Amokfahrer Komplizen hatte, ebenso. Zeugen machten unterschiedliche Aussagen darüber, ob sie einen oder mehrere Täter gesehen hätten, so die Polizei.

Am Sonntagvormittag befand sich der Tatverdächtige offenbar noch auf der Flucht; möglicherweise, so die Polizei, sei er bewaffnet und gefährlich. Bereits in der Nacht auf Sonntag hatten Spezialkräfte eine Wohnung im Stadtteil Schöneberg durchsucht.

Gegen 1.10 Uhr, kurz nachdem die Beamten das Mietshaus betreten hatten, soll dort ein lauter, auf eine Explosion hindeutender Knall zu hören gewesen sein. Im Stadtteil Wedding durchsuchten Polizisten am frühen Sonntagmorgen das Gelände einer Moschee. In beiden Fällen blieb zunächst offen, ob ein Zusammenhang mit dem Anschlag bestand.

Auch die Wohnung des Verdächtigen, die nur einige hundert Meter vom Tatort entfernt liegt, brachen die Beamten in der Nacht auf. Sie trafen ihn dort aber nicht an. Abdul B. habe dort zusammen mit seiner Mutter und mehreren Geschwistern gelebt, sagten Nachbarn Reportern der Zeitung «Die Welt». B., so berichteten sie ausserdem, soll bereits vor Monaten mit Anschlagsplänen geprahlt und sich unzufrieden über sein Leben in Deutschland geäussert haben.

Die Reaktion der Politiker wirkt einmal mehr hilflos

Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden löste der Vorfall heftige Diskussionen aus, in deren Mittelpunkt die Reaktionen der Politiker standen. Kanzler Merz sprach von einem abscheulichen Anschlag, der Berliner Bürgermeister Kai Wegner von einem «Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft». Die Stadt werde sich ihre Art zu leben nicht nehmen lassen, sagte der christdemokratische Regionalpolitiker.

Eine Debatte über die deutsche Migrationspolitik, aber auch über allfällige Versäumnisse von Justiz und Behörden werden die Politiker durch solch trotzig-pathetische Floskeln freilich kaum verhindern können. So berichteten deutsche Medien, Abdul B. sei erst im Mai aus einem Jugendgefängnis entlassen worden. Die «Bild»-Zeitung schreibt, er sei unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und räuberischer Erpressung polizeibekannt gewesen.

Ende 2025, so berichtet die «Süddeutsche Zeitung», soll er versucht haben, nach Syrien auszureisen, um sich dem IS anzuschliessen. Nachdem dies offenbar nicht gelang, soll er bei seiner Rückreise aus dem Libanon am Berliner Flughafen festgenommen worden sein. Sein Fall würde sich damit in zahlreiche Anschlagsfälle der letzten Jahre fügen: Immer wieder befanden sich Täter auf freiem Fuss, obwohl sie bereits vorher mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.

Polizeibeamte und Rettungswagen am frühen Sonntagmorgen in der Nähe des Tatorts.
Bild: Sebastian Gollnow/DPA

Auch die Frage, ob der CSD und sein Umfeld angesichts der bekannten terroristischen Bedrohung ausreichend geschützt waren, könnte noch zu reden geben: Ein Polizeisprecher erklärte am Sonntag, rund um den Tiergarten seien 250 «Zufahrtschutzelemente» aufgestellt gewesen.

Berlin gilt als Hochburg des Islamismus in Deutschland

Solche Betonpoller, die Kraftfahrern die Zufahrt unmöglich machen sollen, sind in Deutschland seit Jahren an gefährdeten Orten zu sehen, etwa an Weihnachtsmärkten. In Berlin werden sie eingesetzt, seitdem ein islamistischer Attentäter im Dezember 2016 mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste und elf Menschen tötete. Warum das Fahrzeug trotz der Sicherheitsvorkehrungen in den Tiergarten gelangen konnte, sei Gegenstand der Ermittlungen, so die Polizei.

Berlin gilt innerhalb Deutschlands als Brennpunkt des Islamismus: Der Verfassungsschutz der Stadt geht davon aus, dass die entsprechende Szene rund 2400 Personen umfasst. Mehr als 900 davon betrachtet der Inlandsgeheimdienst als «gewaltorientiert».

Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza habe die Szene erheblichen Zulauf; die Zahl der Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen ist seither deutlich gestiegen. Durch Propaganda in sozialen Netzwerken, so der Verfassungsschutz, versuchten Islamisten, Kinder und Jugendliche für ihre Ziele zu gewinnen.

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