
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana kritisierte Italien die Schweizer Behörden scharf. Bisweilen schlug die Kritik über die Stränge. Etwa, wenn italienische Zeitungen schrieben, ein solches Unglück hätte in ihrem Land nie passieren können. Aus der Schweiz wurde prompt daran erinnert, dass in Italien schon Brücken einstürzten – wie 2018 die Morandi-Brücke in Genua. Und dass die Aufarbeitung harze.
Auch wenn es lange dauerte, hat Italien in diesem Fall nun geliefert. Acht Jahre nach dem Einsturz der Autobahnbrücke mit 43 Todesopfern sprach das Gericht in Genua in erster Instanz harte Strafen aus: Der frühere Leiter der italienischen Autobahngesellschaft wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, der damals für den Unterhalt verantwortliche Manager zu elf Jahren. Weitere Personen erhielten mehrjährige Freiheitsstrafen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.
Gewiss handelt es sich beim Einsturz der Morandi-Brücke und der Brandkatastrophe von Crans-Montana um ganz unterschiedliche Tragödien. Doch gibt es nicht nur wegen der hohen Opferzahl Parallelen: Beiderorts geht es um die Missachtung von Sicherheitsvorschriften, um mangelhafte Kontrollen und um fahrlässiges Handeln.
Hier könnte ein neuer Konflikt zwischen Italien und der Schweiz entspringen. Während in Italien auch bei Fahrlässigkeit hohe Haftstrafen möglich sind, setzt das Schweizer Strafrecht engere Grenzen. Den Beschuldigten in Crans-Montana droht aufgrund der aktuell bekannten Vorwürfe eine maximale Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Bei Fahrlässigkeit seien allerdings selbst drei Jahre bereits «sehr hoch», sagte Strafrechtsexpertin Marianne Heer diese Woche.
Kommt es zu Verurteilungen, scheint der Aufschrei programmiert – besonders in Italien. Nach den harten Urteilen im Morandi-Prozess könnten viele im südlichen Nachbarland erwarten, dass die Verantwortlichen in Crans-Montana ähnlich streng bestraft werden.
Die Schweiz sollte sich frühzeitig auf diese Situation vorbereiten, um ein neues diplomatisches Zerwürfnis zu verhindern. Sie wird erklären müssen, weshalb ihr Strafrecht Fahrlässigkeitsdelikte milder sanktioniert als das italienische. Kann sie das nicht überzeugend, darf auch eine Diskussion über höhere Strafrahmen kein Tabu sein.


