Ukraine

«Absolut beschämend»: Schiesserei zwischen Geheimdiensten erschüttert Selenski

Der offene Ausbruch eines internen Machtkampfs wirft ein schiefes Licht auf die Zustände im ukrainischen Sicherheitsapparat – und wird zum gefundenen Fressen für die russische Propaganda.

Mitten im Krieg ist in der ukrainischen Hauptstadt ein Konflikt zwischen den beiden mächtigsten Sicherheitsbehörden eskaliert: Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes SBU und des Militärgeheimdienstes GUR lieferten sich am Mittwoch in Kiew am helllichten Tag eine Schiesserei.

Drei GUR-Angehörige wurden verletzt, zwei von ihnen offenbar schwer. Präsident Wolodimir Selenski spricht von einer «absolut beschämenden Situation» und verlangt eine lückenlose Untersuchung. Russische Propagandakanäle feiern den Vorfall als Ausdruck des inneren Verfalls der Ukraine und stellen Mutmassungen über Putschpläne an.

Wie ukrainische Medien berichten, soll hinter dem Vorfall ein undurchsichtiger Streit um Stepan Kaplunow stecken, den stellvertretenden Kommandeur des Russischen Freiwilligenkorps RDK. Die aus russischen Staatsbürgern bestehende Einheit kämpft aufseiten der Ukraine und untersteht dem Militärgeheimdienst GUR. Kaplunow war im August für die Feierlichkeiten zum ukrainischen Unabhängigkeitstag nach Kiew gekommen. Danach verschwand er.

Was anschliessend geschah, schildern die beteiligten Behörden laut dem Onlineportal «Kyiv Independent» völlig unterschiedlich. Nach Darstellung des SBU war Kaplunow Ziel eines vom russischen Geheimdienst FSB geplanten Anschlags.

Bei Ermittlungen zur Vereitelung dieser Operation seien SBU-Mitarbeiter von Angehörigen einer ukrainischen Militäreinheit angegriffen worden. Diese hätten auf die Ermittler geschossen, ihnen mit Fahrzeugen den Weg versperrt und versucht, die Untersuchung zu stoppen. Daraufhin sei die SBU-Spezialeinheit Alpha eingeschritten.

Der GUR erhebt dagegen schwere Vorwürfe gegen den Inlandsgeheimdienst. So sei Kaplunow am 23. August vom SBU «am helllichten Tag entführt» worden. Als er am 2. September zu seiner Wohnung im zentralen Dniprovskji-Quartier für eine Hausdurchsuchung geführt wurde, eskalierte die Lage.

Vertreter des Militärgeheimdienstes hätten versucht, die Angelegenheit zu klären. Doch dann habe der SBU begonnen, GUR-Angehörige festzunehmen und schliesslich das Feuer auf unbewaffnete Männer eröffnet.

Nach Angaben von Kaplunows Anwalt im ukrainischen Fernsehen Kanal 24 wurden drei GUR-Mitarbeiter getroffen. Einer habe durch einen Schuss ins Bein viel Blut verloren. Ein zweiter Mann befinde sich ebenfalls in ernstem Zustand, der dritte sei leichter verletzt worden.

Der Anwalt wirft dem SBU vor, Kaplunows Wohnung ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl aufgesucht und ihm als Rechtsvertreter den Zutritt verweigert zu haben. Kaplunow wurde inzwischen freigelassen, sein Aufenthaltsort ist jedoch unbekannt.

Selenski entlässt hochrangigen SBU-Offizier

Damit geht es längst nicht mehr nur um die Frage, wer am Mittwoch zuerst geschossen hat. Im Raum steht der Vorwurf, dass ukrainische Sicherheitsbehörden während eines Krieges gegeneinander operieren und dabei ihre Kompetenzen überschreiten. Der Ukraine-Kenner und «Financial Times»-Chefkorrespondent Christopher Miller schreibt von einem Machtkampf, der intern schon lange schwele.

Entsprechend scharf reagierte Selenski. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko und das Staatliche Ermittlungsbüro sollen den Ablauf rekonstruieren. Zudem ordnete der Präsident interne Untersuchungen bei beiden Diensten an und stellte personelle Konsequenzen in Aussicht. «Hier in der Ukraine darf man nur auf die russischen Besatzer schiessen, um die Ukraine zu verteidigen», erklärte Selenski. Für andere Schiessereien gebe es keinerlei Rechtfertigung.

Die erste Personalentscheidung ist bereits gefallen: Selenski entliess Oleg Chramow, den Leiter der SBU-Abteilung für den Schutz von Staatsgeheimnissen. Ob seine Entlassung unmittelbar mit dem Vorfall zusammenhängt, blieb zunächst offen.

Der frühere GUR-Chef und heutige Leiter des Präsidentenbüros, Kirilo Budanow, verlangte ebenfalls eine «gründliche und unparteiische Untersuchung». Zugleich machte er deutlich, wie ernst die Vorwürfe sind: Niemand habe das Recht, Soldaten ungestraft zu entführen oder «kriminelle Befehle auszuführen».

Dass das Verhältnis zwischen SBU und Militärgeheimdienst belastet ist, hat eine Vorgeschichte. Besonders rätselhaft bleibt bis heute der Tod des Bankers und GUR-Mitarbeiters Denis Kirejew im März 2022. Er hatte an den ersten Verhandlungen mit Russland teilgenommen und zuvor wichtige Informationen über Moskaus Invasionspläne geliefert.

Später geriet er unter Verratsverdacht und wurde erschossen aufgefunden. Budanow erklärte 2023, Kirejew sei von SBU-Angehörigen getötet worden. Das Präsidentenbüro führte seinen Tod damals auf eine «schlechte Koordination» zwischen den ukrainischen Geheimdiensten in der chaotischen Anfangsphase des Krieges zurück.

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