Die ukrainische Hauptstadt ist seit Kriegsbeginn eines der Hauptziele der russischen Luftangriffe. Seit Ende Mai lebt Kiew noch einmal in einer neuen Sicherheitsrealität. Im Schnitt werden die rund drei Millionen Einwohner jede dritte Nacht mit ballistischen Raketen angegriffen. Diese schlagen inzwischen immer öfter noch vor der Auslösung des Luftalarms ein.
Neben der Strom- und Heizungsinfrastruktur greift Russland seit August auch Verteilzentren grösserer Supermarktketten an – offenbar mit dem Ziel, im kommenden Winter eine spürbare Lebensmittelkrise auszulösen. Zuletzt wurde in Kriwij Rih das grösste Einkaufszentrum der Stadt von zwei Drohnen getroffen; und auch in Saporischschja brannte am Freitag ein Grossmarkt nach schweren Treffern.
Gross ist zudem die Befürchtung, dass Russland verstärkt die Kanalisation angreifen könnte, die letztlich von der Kläranlage Bortnizja abhängt. Während der aktuellen Angriffswelle wurde die Anlage bereits getroffen – mit bislang unklaren Folgen. Zwar ist es unrealistisch, die riesige und gut geschützte Anlage vollständig zu zerstören. Mit gezielten Angriffen auf Stromversorgung und Pumpanlagen könnte Russland das Abwassersystem Kiews jedoch wochenlang beeinträchtigen.
Seit Donnerstag wendet die russische Armee zusätzlich eine neue Taktik an. Kiew wird tagelang mit vergleichsweise kleinen Gruppen sogenannter Jetdrohnen angegriffen. Diese erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h und sind damit knapp dreimal so schnell wie die früher üblichen Schahed-Drohnen mit Propellermotor. Nach ukrainischen Angaben setzte Russland im Juli rund 1500 dieser schnellen Drohnen gegen das Land ein, im August waren es bereits mehr als 2500.
Für die Kiewer Flugabwehr ist dies eine neue Herausforderung. Die Ukraine verfügt bislang über keine Abfangdrohnen, mit denen sich die schnellen Schaheds zuverlässig bekämpfen liessen.
Seit Donnerstag ohne Unterbruch unter Feuer
Beim aktuellen Dauerangriff, der seit Donnerstag de facto ohne Unterbrechung anhält, geht es allerdings nicht primär darum, dass die Drohnen ihre Ziele tatsächlich treffen. Russland verfolgt offenbar noch ein anderes Ziel: Die Hauptstadt, in deren Grossraum rund 15 Prozent der Bevölkerung der Ukraine leben, soll dauerhaft lahmgelegt werden.
Am Donnerstag erlebte Kiew dreizehn Luftalarme, die zusammen mehr als 14 Stunden dauerten – Negativrekord seit Beginn des Krieges. Selbst am 1. März 2022 waren es «nur» etwa zwölf gewesen. Die folgenden Tage verliefen ähnlich. Am Samstag wurde zehnmal Luftalarm ausgelöst, insgesamt dauerten die Warnungen knapp elf Stunden.
Russland ist es damit zumindest vorerst gelungen, die Hauptstadt in einen Verkehrskollaps zu stürzen – mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen. Nach den geltenden Sicherheitsvorschriften fährt der oberirdische öffentliche Verkehr bei Luftalarm nicht mehr. Das betrifft grösstenteils auch die U-Bahn auf dem östlichen Ufer. Vor allem am Donnerstag und Freitag bildeten sich deshalb abends riesige Staus an den Dnipro-Brücken.
Da Moskau diese Taktik angesichts seines derzeitigen Produktionstempos längerfristig fortsetzen kann, müssen die Sicherheitsvorschriften überdacht werden.
Das neue Schuljahr beginnt mit Unterricht im Bunker
Schwieriger wird es für Kiew, kritische Infrastruktur unter die Erde zu verlegen. Flächendeckend wäre dies ohnehin kaum möglich. Doch aufgrund der durchwachsenen Arbeit der Stadtverwaltung wurden mehr als vier Jahre versäumt, um zumindest Grundlagen dafür zu schaffen.
Für die Privatwirtschaft dürfte es darauf hinauslaufen, dass viele Betriebe auf eigenes Risiko weiterarbeiten und selbst für provisorische Schutzräume sorgen müssen.
Eine weitere Herausforderung ist das am 1. September beginnende Schuljahr: Präsenzunterricht ist in Kiew nur in Schulen mit Schutzräumen erlaubt, doch viele Luftschutzkeller entsprechen nicht den tatsächlichen Sicherheitsstandards.
Fest steht: Das Leben in Kiew wird noch einmal gefährlicher. Wie sehr, führte auch der Samstag vor Augen, als ein zweijähriges Mädchen auf der Flusspromenade im Norden der Stadt durch Drohnentrümmer getötet wurde. Bereits die Zunahme des Beschusses mit ballistischen Raketen hatte dafür gesorgt, dass im Juli in der ukrainischen Hauptstadt mindestens 54 Zivilisten getötet wurden.
Noch schockierender war der Angriff am Freitag auf ein ukrainisches Munitionsdepot im Dorf Myla nahe Kiew: Bei der schweren Explosion wurden Dutzende Menschen in einem Wohngebiet in den Tod gerissen. Wolodimir Selenski sprach von mindestens 38 Toten, zumeist Bewohner eines nahegelegenen Altersheims. Der Präsident drohte den Verantwortlichen Konsequenzen an, da das Munitionsdepot illegal inmitten der bewohnten Nachbarschaft angelegt worden sei.






