Bildung

Integrative Schule: Viele Lehrpersonen sehen Lernerfolg der Klasse in Gefahr

Hohe Belastung, schlechte Rahmenbedingungen: Die Lehrerinnen und Lehrer hadern mit dem integrativen Unterricht. Dennoch steht eine knappe Mehrheit hinter dem Prinzip – und der Berufsverband hält daran fest.
Zu wenig Geld, Zeit, Personal: Lehrerinnen und Lehrer erachten die Umsetzung der integrativen Schule als ungenügend.
Bild: Keystone

Lehrerinnen und Lehrer sind die Vielfaltsmanager der Schweiz. In einem durchschnittlichen Klassenzimmer sitzen 18 Kinder. Fünf von ihnen haben eine Diagnose wie ADHS, eine Lern- oder eine Verhaltensstörung. Dazu kommen zwei Kinder, die besondere Unterstützung brauchen, eines mit tieferen Lernzielen und ein weiteres mit verstärkten Fördermassnahmen. Das bedeutet allerdings nicht, dass neun der 18 Kinder betroffen sind: Die Kategorien überschneiden sich. Ein Kind mit einer Lernstörung kann beispielsweise gleichzeitig von einigen Lernzielen befreit sein.

Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung, die der Verband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) am Donnerstag den Medien vorgestellt hat. Das Forschungsbüro gfs.bern befragte mehr als 10'000 LCH-Mitglieder zur integrativen Schule.

Die Idee hinter diesem Modell lautet, dass Kinder mit schulischen Defiziten oder Verhaltensauffälligkeiten, wenn immer möglich, eine Regelklasse besuchen. Sie erhalten für gewisse Lektionen heilpädagogischen Support, anstatt in eine Kleinklasse abgeschoben zu werden.

Die integrative Förderung ist schon seit längerer Zeit zu einem politischen Zankapfel mutiert. Klein- oder Förderklassen, wie sie auch genannt werden, sind politisch in vielen Kantonen im Aufwind. Zuletzt entschied im Juni das Zürcher Kantonsparlament, separat geführte Förderklassen gesetzlich zu verankern.

Während die akademische Welt grossmehrheitlich hinter der integrativen Schule steht, präsentierten Ende April acht prominente Bildungsexperten unterschiedlicher politischer Couleur ein Manifest mit der Forderung nach einer Kurskorrektur. Der ehemalige Basler SP-Politiker und Kleinklassenlehrer Roland Stark sagte: «Die integrative Schule hat auf der ganzen Linie versagt.» Sie überfordere alle Beteiligten und bremse leistungsstarke Kinder.

Auch aus Lehrerkreisen ertönt immer wieder Kritik. Doch wie präsentiert sich das Gesamtbild? Die gfs-Umfrage offenbart eine gespaltene Lehrerschaft. Grundsätzlich steht eine knappe Mehrheit von 51 Prozent hinter der Idee der integrativen Schule, 48 Prozent taxieren sie sehr oder eher kritisch. In dieser knappen Mehrheit enthalten sind auch die Schulleiter und Heilpädagoginnen, welche die integrative Schule positiv beurteilen. Deutlich mehr als die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer mit oder ohne Klassenleitung bewerten die integrative Schule indes negativ, auch auf der Sekundarstufe fällt sie durch.

Höhere Arbeitsbelastung

Die Lehrerinnen und Lehrer hadern vor allem mit der Umsetzung. Eine grosse Mehrheit findet: Es fehlt an Zeit, Geld, Personal und raschen Diagnosen, um die Inklusionsidee im Schulalltag gut umzusetzen. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler erhielten zu wenig Unterstützung.

Es erstaunt denn auch nicht, dass 83 Prozent der Befragten von einer höheren Arbeitsbelastung wegen der Entwicklung hin zum integrativen Unterricht berichten. Und weniger als die Hälfte findet, sie könne die Idee dieser Schulform im Berufsalltag gut umsetzen. Auf der anderen Seite verschaffen Fortschritte von Kindern mit integrativer Förderung den Lehrern eine besondere Erfüllung. Auch die Auswirkungen auf die sozialen Kompetenzen der Kinder werden positiv bewertet.

Anders sieht es bezüglich der Leistungen aus. Diverse Studien belegen, dass das Niveau an Schweizer Schulen sinkt. Kritiker der integrativen Schule geben dieser eine Mitverantwortung für die negative Entwicklung. Die gfs.bern-Umfrage dürfte sie in ihrer Ansicht bestätigen: Mehr als 70 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen denken, dass leistungsstarke Kinder wegen der integrativen Schule zu kurz kommen. 37 Prozent sind der Meinung, dass sich die Inklusion negativ auf den Lernerfolg der Klasse auswirkt. Bloss 23 Prozent sehen einen positiven Effekt, während 35 Prozent keine Auswirkungen feststellen. Die restlichen fünf Prozent haben zu dieser Frage keine Angabe gemacht.

Bild: chmedia

Verband setzt auf Schulinseln

Wie sind die Ergebnisse der Umfrage zu interpretieren? «Die Politik hat die integrative Schule bestellt, die Zeche bezahlen die Lehrpersonen», sagte Studienleiter Urs Bieri von gfs.bern. «Die Meinungen zur integrativen Schule klaffen auch bei den Lehrerinnen und Lehrern weit auseinander», sagte Dagmar Rösler. Die LCH-Präsidentin hält sie aber nicht für ein gescheitertes Projekt, sondern für eine «Baustelle bei laufendem Betrieb».

Der Rückkehr zu Kleinklassen erteilte Rösler eine klare Absage – auch, weil dieser Schritt aus Sicht des LCH viel höhere Zusatzkosten provozieren würde als die Umsetzung seiner Forderungen. Stattdessen schlägt Rösler vor, dass mehr ausgebildete Heilpädagoginnen und Heilpädagogen mehr Zeit bekommen, Kinder mit Förderbedarf zu unterstützen. Der LCH verlangt zudem grundsätzlich die Schaffung kleinerer Klassen. Schliesslich sollen auch Schulinseln ausgebaut werden. In Schulinseln werden Kinder, die aus verschiedenen Gründen eine Belastung für die Regelklasse darstellen, für einige Wochen oder Monate idealerweise im gleichen Schulhaus in einer kleineren Klasse unterrichtet.

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