Am Mittwochabend werden auf den Anzeigetafeln des Bahnhofs Göschenen Ziele aufleuchten, die den Glanz vergangener Eisenbahntage aufleben lassen. Um 20.30 Uhr fährt ein Nachtzug ein, der in Mailand gestartet ist und das Urner Bergdorf direkt mit Köln, Aachen und Brüssel verbindet. Um 20.52 Uhr fährt er weiter in Richtung Arth Goldau (Abfahrt 22.00 Uhr) und Aarau (Abfahrt 22.58 Uhr) und von da ohne Halt weiter bis Köln. Am Donnerstag kurz vor Mittag erreicht der Zug Brüssel.
In der Gegenrichtung verlässt der Zug Aarau jeweils um 5.40 Uhr, Arth Goldau um 6.35 Uhr und Göschenen um 7.58 Uhr und erreicht Mailand um 11.45 Uhr. Der Nachtzug wird vom privaten Unternehmen European Sleeper betrieben und verkehrt dreimal wöchentlich.
European Sleeper musste seine Pläne mehrfach umstellen und den für den 18. Juni kommunizierten Starttermin verschieben. Ursprünglich wollte die Firma auf dem Weg zwischen Brüssel und Mailand die Schweiz via Basel, Bern und Simplon-Linie durchqueren. Doch häufige Bauarbeiten auf dem italienischen Streckenteil und im Bahnhof Bern machten diese Pläne zunichte, wie «Schweiz heute» berichtete.
Abfahrt früh, Ankunft spät
Danach entschied sich das Unternehmen für die Führung des Zugs via Zürich. Doch der dichte Verkehr am Zugersee verhinderte auch diese Lösung. Als Alternative wurde deshalb der Halt in Aarau festgelegt.
Reisende aus und in die Schweiz dürften nicht die Kern-Zielgruppe des Zugunternehmens sein, auch wenn mit dem Halt in Göschenen eine touristisch interessante Region neue Direktverbindungen erhält. Vor allem dürfte European Sleeper auf Gäste aus Deutschland und Belgien schielen, die in Italien Ferien machen.
Zeitlich sind die Fahrpläne wenig attraktiv. Dass Nachtzüge länger unterwegs sind als solche am Tag, gehört zum Konzept und kann Sinn ergeben, wenn dadurch die Reisezeiten besser in den Tagesablauf der Reisenden passen. Doch die Abfahrt in Mailand bereits um 15.45 Uhr in Richtung Norden ist sehr früh - zumal der Zug nicht ab Milano Centrale fährt, sondern ab dem kleineren Bahnhof Porta Garibaldi. Die Ankunft in Brüssel und Mailand jeweils erst kurz vor 12 Uhr dürfte zudem für viele zu spät sein, gerade wenn eine Weiterreise geplant ist.
SBB treten auf die Bremse
Preislich ist der Nachtzug dafür attraktiv. Eine Fahrt von Aarau nach Brüssel gibt es bei einer Probebuchung für den 16. Oktober für umgerechnet 47 Franken im Sitzwagen, 85 Franken im Liegewagen und 160 Franken im Schlafwagen. Tickets für eine Fahrt mit Zügen tagsüber via Paris gibt es hingegen bei den SBB mit Halbtax ab 186 Franken. Für Verbindungen innerhalb der Schweiz - etwa von Aarau nach Lugano - kann der Zug wegen des sogenannten Kabotageverbots für ausländische Bahngesellschaften nicht genutzt werden.
European Sleeper trotzt mit der neuen Nachtzugverbindung einem Trend. Sowohl die österreichische ÖBB, die die «Nightjet»-Züge verantwortet, als auch die SBB sind zuletzt beim Thema Nachtzüge auf die Bremse getreten. SBB-Chef Vincent Ducrot will sich stattdessen auf das wichtigere Geschäft mit Tageszügen konzentrieren.
European Sleeper ist eine belgisch-niederländische Genossenschaft, die sich über Anteile am Unternehmen finanziert, welche Private erwerben können, die aber für die Expansion auch Geld bei privaten Anlegern aufgenommen hat. Bereits heute betreibt European Sleeper Nachtzüge zwischen Prag und Brüssel sowie zwischen Paris und Berlin.





