Armee

Grösste digitale Gefechtsübung Europas in Schweden – so profitiert die Schweiz

Der globale Rüstungskonzern Elbit zeigt in Schweden eine Livedemonstration zum digitalen Gefechtsfeld. Der Augenschein vor Ort lässt den Schluss zu: Die Schweizer Armee ist auf gutem Weg.
Der Lageraum für die Livedemonstration zum digitalen Gefechtsfeld in der Umgebung von Göteborg.
Bild: Elbit Systems

Wo die Übung genau stattfindet, muss geheim bleiben. Nur so viel darf verraten werden: Sie geht im Grossraum Göteborg über die Bühne. Im Umfeld von Schwedens Wirtschaftszentrum also.

Dort hat Elbit Systems Schweden eine der grössten Livedemonstrationen für ein vollständig digitalisiertes Gefechtsfeld aufgebaut, die je in Europa zu sehen war. Im Zentrum der Übung steht ein simuliertes Panzerbataillon. Nach schwedischem Vorbild hat es 900 Soldaten, ein Führungs- und Lagezentrum, drei mechanisierte Kampfkompanien und eine Unterstützungskompanie.

Das Bataillon ist Teil einer Brigade. Diese hat von der ersten Division - die zentrale operative Grossformation - den Auftrag erhalten, die westliche Flanke von Göteborg zu schützen Richtung Meerenge Kattegat. Schon bald nähern sich dem Bataillon aus Nordwesten feindliche Kräfte.

Auf den Bildschirmen des Hauptquartiers der Brigade und im Fahrzeug des Bataillonskommandanten sind die feindlichen Kräfte als rote Symbole zu erkennen. Die Gegner bleiben namenlos. Die Männer und Frauen, die im Raum arbeiten, wo die Operation auf riesigen Bildschirmen live übertragen wird, gehen ruhig, konzentriert und präzise ans Werk. Der virtuelle Krieg löst weniger Hektik aus als der reale. Allerdings sind keine realen Truppen unterwegs.

Die Brigade fordert Drohnen zur Aufklärung an. Ihre Bilder zeigen: Es macht Sinn, den Gegner mit indirektem Feuer zu bekämpfen. Plötzlich wird auf den Bildschirmen ein unbekanntes Fahrzeug angezeigt. Das Netzwerk identifiziert Fahrzeug und Soldaten sofort als befreundet, authentifiziert sie automatisch, verbindet sie. Manuell hat das früher Stunden gedauert. Heute ist die Integration in einer Minute erledigt.

Die Technik, die in Göteborg gezeigt wird, kommt zu grossen Teilen bald auch in der Schweiz zum Einsatz. Die Armee rüstet 1800 Fahrzeuge mit dem System des Konzerns aus. Damit sollen die Truppen für die digitalen Herausforderungen der nächsten Jahre gerüstet werden.

In Echtzeit verbunden

120 Netzwerkknoten mit Funkgeräten hat Elbit Schweden für die Livedemonstration des digitalisierten Gefechtsfeldes aufgebaut. Gefechtsstände, gepanzerte Fahrzeuge, Aufklärungsdrohnen, Sensoren, Soldaten, Brigadehauptquartier und das Fahrzeug des Bataillonskommandanten: Sie alle sind digital in Echtzeit über ein einziges Netzwerk miteinander verbunden: über das taktische Internet. Die Funkgeräte wählen sich, je nach Bedarf, eigenständig über verschiedene zugeschaltete Kommunikationssysteme ein - auch über Starlink.

Es sind drei zentrale Anwendungen von Elbit, welche das Zusammenspiel garantieren: Tiger-X vernetzt, E-LynX kommuniziert, Torch-X zeigt die Lage und unterstützt die Führung.

1. Tiger-X: Das Rückgrat

Die Plattform für militärische Kommunikationsnetze ist das digitale Rückgrat der Vernetzung. Sie sorgt dafür, dass die Daten - Lagebilder, Sprache, Videostreams - an alle Teilnehmer des Netzwerkes verteilt werden.

2. E-LynX: Die Funkgeräte

E-LynX umfasst die Funkgeräte, also die Hardware der Kommunikation. Das System ermöglicht sichere Datenübertragungen und vernetzt die Truppen.

3. Torch-X: Die Führung

Das Einsatzführungssystem stellt Kommandanten und Truppen ein gemeinsames Lagebild zur Verfügung. Die Software unterstützt Planung, Koordination und Entscheidfindung in Echtzeit.

Zwei Wochen lang hat Elbit Schweden diese Livedemonstration Nato-Mitgliedstaaten, internationalen Partner und internationalen Medien vorgestellt. «Was wir hier geschaffen haben, ist einzigartig», sagt Tobias Wennberg, CEO von Elbit Systems Schweden. «Es ist ein bedeutender Meilenstein für uns als Unternehmen, aber auch für die Digitalisierung europäischer Landstreitkräfte.»

Wenneberg: «Wir haben die Fähigkeit demonstriert, unterschiedlichste Plattformen in einem schnellen, flexiblen und sicheren Netzwerk zu verbinden.» In Europa sei nie ein digitales Gefechtsfeld dieser Grösse umgesetzt worden. Einzigartig sei auch, dass seine Firma die Lösungen für Partner öffne.

Elbit Systems Schweden ist eine Tochtergesellschaft des globalen israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems. Er ist auf digital vernetzte Waffensysteme, elektronische Kriegsführung und Drohnen spezialisiert und zählt zu den weltweit führenden Anbietern in diesen Bereichen.

Der Konzern sei «eines der grössten Unternehmen in militärischer Elektronik ausserhalb der USA», sagt CEO Wanneberg. Es beschäftigt weltweit über 20'000 Mitarbeitende und macht einen Umsatz von acht Milliarden US-Dollar. Europa steuert rund einen Viertel dazu bei. Der Konzern hat auch eine Tochtergesellschaft in der Schweiz. Die Elbit Systems Switzerland  wurde 2019 gegründet mit Sitz in Bern.

Lieferant für die Schweiz

Der Konzern ist für die Schweiz bei der Aufklärung aus der Luft und in der militärischen Kommunikation wichtig. Er hat das Aufklärungsdrohnensystem 15 übergeben. Es kostete 250 Millionen Franken und umfasst sechs unbewaffnete Drohnen des Typs Hermes 900.

Das Unternehmen liefert auch Funkgeräte, Bordverständigungsanlagen, Headsets, Sprechgarnituren und Kommunikationssysteme für 1800 Militärfahrzeuge. Das sind wichtige Komponenten für das Projekt Telekommunikation der Armee. Mit ihm baut die Armee ihre digitale Führungs- und Kommunikationsstruktur auf.

Elbit ist in der Schweiz nicht unbestritten. Bei den Aufklärungsdrohnen kam es zu grossen Verzögerungen: Sie hätten 2019 operativ sein sollen, sind es aber erst teilweise; Ende Jahr dürften alle Drohnen fliegen. Verzögerungen gab es auch bei den Funkgeräten, und es kam zu Qualitätsdiskussionen. Umstritten ist der Konzern ferner, weil er im Kriegsland Israel beheimatet ist.

Militärisch betrachtet hat der Konzern der Schweiz trotzdem einiges zu bieten. Das zeigt sich bei der Aufklärungsdrohne Hermes 900. Im Krieg mit dem Iran hat sie sich - bewaffnet - bewährt. Sie fliegt 1700 Kilometer von Israel nach Iran und zerstört vor Ort Luftabwehrsysteme.

Bei der Digitalisierung der militärischen Kommunikation verfügt das Unternehmen über viel Know-how. Israel ist hier, neben der stark improvisiernden Ukraine, weltweit führend, noch vor den USA.

Die Demonstration des digitalisierten Gefechtsfelds der Zukunft in Göteborg macht deutlich: Die Schweiz erhält eine fortschrittliche Netzwerk- und Kommunikationslösung. Auch wenn sie nicht alle Optionen beinhaltet, die in Schweden gezeigt wurden: Zwei von drei zentralen Elbit-Systemen sind Bestandteil davon: Tiger-X (Datenvernetzung) und E-LynX (Kommunikations-Hardware).

Der Auftrag umfasst 377 Millionen Franken. Der Konzern macht aber wegen der Teuerung noch Zusatzkosten von 50 Millionen Franken geltend. Im April gab das Schweizer Kommando Cyber bekannt, das Unternehmen habe mit ihren Systemen eine Abnahmeprüfung erfolgreich bestanden. Sie könnten nun auch für ältere Artillerieeinheiten eingesetzt werden.

Hauptziel der Schweizer Lösung ist ein Netzwerksystem für 1800 Fahrzeuge. Jedes Fahrzeug erhält ein E-LynX-Funkgerät. Im Vergleich zu Göteborg fehlen zwei wesentliche Dinge: die Führungssoftware Torch-X und das tragbare Soldatenfunkgerät E-LynX PNR-1000. Letzteres verbindet die Soldaten im Funknetz und zeigt ihnen auf Karten, wo sich eigene Kräfte befinden.

*Elbit Systems lud nach Göteborg ein.

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